«Wir freuen uns, Ihnen hiermit einen Treuerabatt offerieren zu können», steht in einem Brief des Elektrizitätswerks Brig-Naters (EWBN) an 1900 Kleingewerbler in der Region. Das Werk verspricht darin fünf bis sechs Prozent Rabatt auf die Stromrechnung. Nicht ganz ohne Hintergedanken: Die Kunden müssen sich im Gegenzug verpflichten, «auch nach der Marktzutrittsberechtigung die elektrische Energie während dreier weiterer Jahre beim EWBN zu beziehen».

Marktzutrittsberechtigung? Das Elektrizitätsmarktgesetz (EMG), das die Regeln für die Öffnung des Strommarkts festschreibt, sieht die Einführung des Wettbewerbs in Etappen vor: Haushalte und Gewerbe kommen als Letzte dran. Sie können frühestens im Jahr 2008 ihren Stromanbieter frei wählen. Da haben es einige wenige Grossverbraucher besser, denn sie kommen bereits 2002 zum Zug. Ganz abgesehen davon, dass sich diese Firmen schon längst über Sonderverträge mit den Stromkonzernen günstige Elektrizität gesichert haben auf Kosten der Kleinkunden (Beobachter Nr. 24/1999).

Bundesrat weckt Hoffnungen

Konkret bedeutet das Angebot des EWBN: Die Briger Gewerbler sollen bis ins Jahr 2011 auf die freie Wahl des Stromanbieters verzichten dafür gibt es dann fünf Prozent Rabatt. Ein gutes Geschäft? Die Erwartungen geschürt hat etwa Energieminister Moritz Leuenberger, der den Konsumentinnen und Konsumenten billigeren Strom verspricht: «Das EMG sorgt dafür, dass auch kleine Konsumenten und Randregionen von den Vorteilen der Liberalisierung profitieren», sagte der Bundesrat gegenüber der «Sonntags-Zeitung».

Anzeige

Mit dem Slogan «attraktive Preise für alle statt staatlich diktierter Tarife» wirbt derzeit auch das Elektrizitätswerk des Kantons Zürich (EKZ) für ein Ja zur kantonalen Abstimmung vom 10. Juni. Die Zürcherinnen und Zürcher stimmen allerdings gar nicht über künftige Tarife ab. Sie haben vielmehr zu entscheiden, ob sie das kantonale Werk auflösen und dessen Verteilnetz in die Axpo-Aktiengesellschaft einbringen wollen. Das EKZ hat kurz vor dem Urnengang noch rasch eine befristete Tarifreduktion für die Haushalte angekündigt, um die Abstimmungsbotschaft «tiefere Tarife» noch zu unterstreichen.

Doch das mit den tiefen Tarifen könnte ein Wunschtraum bleiben. Die Gegner der Marktöffnung sind jedenfalls sicher, dass der freie Strommarkt langfristig deutliche Preisaufschläge für die Haushalte zur Folge haben wird. Darüber hinaus gingen einige tausend Stellen verloren. Linke Politiker und die Gewerkschaft VPOD haben deshalb gegen das EMG das Referendum ergriffen. Das Volk wird voraussichtlich im Dezember das letzte Wort haben.

Anzeige

«Konsumenten zahlen zu wenig»

Was also bringt der freie Markt den Konsumenten wirklich? Selbst Alessandro Sala, Chef des Stromhandelsunternehmens Atel, macht der Kundschaft bezüglich tieferer Strompreise keine Illusionen: «Die Kleinkonsumenten zahlen eigentlich zu wenig, der Markt wird hier für einen gewissen Ausgleich sorgen», sagte er in einem Interview. Die Schweizer Haushalte bezahlen schon heute vergleichsweise tiefe Preise und das auch ohne freien Markt. In Deutschland oder Grossbritannien, wo die Haushalte ihren Stromanbieter bereits frei wählen können, liegen die Tarife im Schnitt deutlich höher. Und in Deutschland steigen die Strompreise drei Jahre nach der Liberalisierung munter weiter.

Die deutschen Stadtwerke und Konsumentenorganisationen glauben den Grund zu kennen: Die «grösste Konzentrationswelle in der Geschichte der Energiewirtschaft» habe zu einer Monopolisierung geführt statt zu mehr Wettbewerb. Denn der anfängliche Preiskampf hat zahlreiche kleine Anbieter aus dem Markt gedrängt, und durch Megafusionen sind riesige Stromkonzerne entstanden.

Anzeige

Und der Konzentrationsprozess ist noch längst nicht zu Ende: Bis 2006 werden die Strommärkte der EU-Länder zu einem einzigen verschmolzen sein, weil bis dann alle EU-Staaten ihre Märkte auch den ausländischen Konzernen öffnen müssen. Laut einer deutschen Studie werden am Ende nur noch sieben bis zehn Stromgiganten den gesamten europäischen Markt untereinander aufteilen.

Nimmt das Stimmvolk das EMG an, würde die Schweiz strommässig ein europäischer Teilmarkt von der Grösse Baden-Württembergs. Und die Axpo hätte darin ein Quasimonopol: In ein paar Jahren wird sie rund zwei Drittel aller Schweizer Haushalte mit Strom beliefern, falls sie alle ihre Expansionspläne verwirklichen kann. Dennoch wäre die Axpo-Gruppe im europäischen Strommeer ein kleiner Fisch, der wohl früher oder später von einem grossen Stromhai geschluckt würde.

Anzeige

Feilschen an den Strombörsen

Was auf dem europäischen Elektrizitätsmarkt geschieht, hat also Folgen für die Schweizer Konsumenten. «In fünf bis acht Jahren werden in ganz Europa zahlreiche unrentable Kraftwerke stillgelegt und bestehende Überkapazitäten abgebaut sein», ist Anton Bucher, Direktor des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE), überzeugt. Das werde Auswirkungen auf den Preis haben, denn diesen bestimmen in Zukunft Angebot und Nachfrage an den europäischen Strombörsen.

Werden die Schweizer Haushalte ihren Anbieter also erst zu einem Zeitpunkt frei wählen dürfen, wo die Preise bereits wieder steigen? «Das wird in der Tat etwa synchron ablaufen», bestätigt Bucher. Im liberalisierten Markt könnte es zudem bei extremen Wetterlagen zu Verorungsengpässen und Stromausfällen kommen.

Anzeige

Der VSE-Direktor sieht den Nutzen des EMG für die Konsumenten deshalb weder bei tieferen Preisen noch in einer verbesserten Versorgungslage: «Der Hauptzweck des EMG ist es, die Liberalisierungslawine, die längst im Rollen ist, in kontrollierte Bahnen zu lenken. Ohne diesen Schutz wären die Kleinkunden die Verlierer.»

Mit Lawinen und Stromausfällen hat man in Brig und Umgebung einschlägige Erfahrung. Das schweisst zusammen: 1896 von 1900 angeschriebenen Gewerbetreibenden haben entschieden, das Angebot der Stromproduzentin EWBN anzunehmen. Vielleicht werden sie eines Tages über die fünf oder sechs Prozent Rabatt auf ihrer Rechnung froh sein.