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FleischproduktionFressen unsere Tiere bald wieder Tiermehl?

Seit der BSE-Krise werden Schlachtreste konsequent verbrannt – und damit riesige Mengen von wertvollem Eiweiss vernichtet. Nun plant die EU, wieder Tiermehl an Tiere zu verfüttern. Wie sieht es in der Schweiz aus?

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Wir befinden uns sozusagen im Zentralkrematorium der Schweizer Fleischwirtschaft: Schweinedärme und Dutzende blutiger Rinderköpfe liegen in einer Tonne. In einem Schacht wird gerade ein totes Pferd geschreddert. Der Geruch ist ekelerregend. «Mich stört das nicht», schmunzelt Betriebsleiter Niklaus Lehmann. «Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen.»

Im GZM Extraktionswerk im bernischen Lyss wird entsorgt, was wir vom Tier nicht essen – weil es uns nicht schmeckt oder weil es ungeniessbar ist. Die Fleischmasse wird bei 133 Grad und einem Druck von 3 bar sterilisiert, das Fett raus­gepresst, der Rest getrocknet. Am Schluss ist das Fleisch in Wasser, Fett und Eiweiss zerlegt.

«Kein Schwein hatte jemals BSE»

Jährlich rund 100'000 Tonnen sogenannte Schlachtnebenprodukte verarbeitet Branchenleader GZM, der zur Centravo-Gruppe gehört. Daraus entstehen: Abwasser, das aufbereitet und in die Aare geleitet wird; 12'000 Tonnen Tierfett, das umgewandelt als Biodiesel Lastwagen antreibt; und 24'000 Tonnen Tiermehl – laut Betriebsleiter Lehmann «bestes tierisches Eiweiss» –, das verbrannt wird. «I chönnt jede Tag gränne», sagt der bodenständige Berner. Denn Tiermehl wäre gutes Futter, ist jedoch verboten. Bisher zumindest: Seit dem 1. Juni ist in der EU die Verfütterung von Tiermehl, vorerst an Fische, wieder zugelassen. Die Schweiz – im Parlament ist eine Motion von SVP-Nationalrat Hansjörg Knecht zu diesen Thema hängig – übernimmt generell die EU-Regelungen.

«Das Tiermehlverbot war rational nicht nachvollziehbar», ärgert sich Josef Kamphues. «Wieso dürfen die Schlachtreste ­gesunder, tierärztlich kontrollierter Tiere nicht genutzt werden?» Der Professor der Tierärztlichen Hochschule Hannover spricht aus, was viele Veterinäre und Agronomen denken. Das BSE-bedingte totale Tiermehlverbot sei wissenschaftlich unhaltbar gewesen: «Kein Schwein und kein Masthähnchen hatte jemals BSE. Das Ganze war Ausdruck politischer Hysterie.»

Doch das Verbot hat Gründe. Bis in die neunziger Jahre wurde in Europa tiermehlhaltiges Kraftfutter an Rinder verfüttert. Rinder, eigentlich reine Pflanzenfresser, frassen Artgenossen: Diese perverse, aber legale Praxis war der Hauptgrund für die Verbreitung des Rinderwahnsinns (BSE). In ganz Europa inklusive der Schweiz wurden Abertausende Rinder geschlachtet. Traumatisiert von TV-Bildern torkelnder Rinder, denken Konsumenten beim Stichwort Tiermehl seither an Gefahr. So untersagten die EU und die Schweiz erst die Verfütterung rinderhaltigen Tiermehls und wählten schliesslich mangels Kon­trollmöglichkeiten eine Nulltoleranzlösung. Sämtliches Tiermehl – egal, ob aus Schweine-, Geflügel- oder Rindfleisch – wurde 2001 für die Nutztierfütterung verboten. Dafür machte sich der bekannte Zürcher Neuropathologe und BSE-Forscher Adriano Aguzzi stark.

Plötzlich war es Hochrisikomaterial

Das Lysser Fleischverarbeitungswerk hatte damals ein Problem: Plötzlich galt das bisherige Futtermittel als Hochrisikomaterial. «Wir mussten neue Absatzwege für unser Tiermehl aufbauen», erinnert sich GZM-Chef René Burri. Die Lösung war und ist der Einsatz als Brennstoff in Zementwerken. Insgesamt lösten sich seither in der Schweiz mehr als eine Million Tonnen Schlachtreste in Rauch auf. Deren Entsorgungskosten stiegen auf rund 100 Millionen Franken jährlich. Etwa die Hälfte bezahlt der Bund.

Die Vernichtungspraxis wirft Fragen auf. «Es ist nicht akzeptabel, derart grosse Mengen Eiweiss nicht zu nutzen», sagt Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz. Auch der Bundesrat schreibt, jedes Jahr 155'000 Tonnen tierischer Produkte zu verbrennen sei weder ethisch noch aus Sicht einer haushäl­terischen Ressourcennutzung vertretbar. Während der weltweite Eiweissbedarf steigt, werden die Ressourcen knapper.

Besonders pikant: Auch wegen des Tiermehlverbots importiert die Schweiz zur Tierfütterung immer mehr ausländisches Sojaschrot als Eiweissträger, vor allem aus Brasilien. 2012 war es mit 300 000 Tonnen dreimal so viel wie im Jahr 2000, vor dem Tiermehlverbot. Die Sojaimporte stossen auf breite Kritik: Für die riesigen Monokulturen werden in Brasilien Regenwald und kleinbäuerliche Existenzen zerstört. Und: Soja ist für den Menschen essbar, wird aber an Tiere verfüttert. «Das Vieh der Reichen frisst das Brot der Armen», sagt Veterinär Josef Kamphues.

Befeuert werden die Sojaimporte durch das Verbot der sogenannten Schweine­suppe: Früher verfütterten Schweizer Schweinehalter jährlich rund 170'000 Tonnen Gastro-Speisereste. Das untersagte die EU – obwohl es laut Martin Rufer vom Bauern­verband in der Schweiz anders als in gewissen EU-Ländern nie hygienische Probleme mit der Schweinesuppe gab. Das durch beide Verbote vernichtete Eiweiss entspricht laut Rufer einer Fläche von knapp 50'000 Hektaren Soja – zweimal die Fläche des Kantons Zug.

Diese gewaltige Futtervernichtung wirft Fragen auf. Hierzulande Eiweiss zu verbrennen, um es dafür in Form von Soja aus Übersee herzuschippern, ist ökonomisch und ökologisch absurd. Zumal das verbrannte tierische Protein Vorteile hätte: «Geflügel und Schweine als Allesfresser können es deutlich besser verwerten als pflanzliches Eiweiss», sagt Annette Liesegang, Professorin für Tierernährung der ETH Zürich. Zudem sei tierisches Material eine gute Quelle für Phosphor, einen zweiten knappen Nährstoff.

Liesegang begrüsst daher die – noch vagen – Pläne der EU, Tiermehl künftig auch als Schweine- und Geflügelfutter wieder zuzulassen. Allerdings mit strengen Auf­lagen: Tiermehle aus Rinderfleisch sollen ebenso tabu bleiben wie die Verfütterung von Tiermehl an Pflanzenfresser (Rinder, Schafe und andere). Nur Allesfresser sollen Tiermehl bekommen, und es darf nur Schwein an Geflügel und Geflügel an Schwein verfüttert werden. Um diese Reinheit zu garantieren, müssten die Wege entlang der ganzen Verarbeitungskette vollständig getrennt sein.

Doch dem BSE-Forscher Adriano Aguzzi ist angesichts dieser Pläne höchst unwohl. Er ist nach wie vor strikt gegen die Verfütterung von Tiermehl, weil er befürchtet, dass eines Tages auch wieder rinderbasiertes Tiermehl zugelassen wird und manche Bauern entgegen den Vorschriften ihre Rinder damit mästen. Die praktisch aus­gerottete BSE-Seuche begänne womöglich von neuem.

Und: Werden die Konsumenten das Ende des Tiermehlverbots schlucken? Nein, glaubt Martin Rufer vom Bauernverband. Tiermehlverfütterung werde hier mangels Akzeptanz in den nächsten Jahren nicht wieder eingeführt, so seine Prognose. Konsumentenschützerin Sara Stalder hingegen spricht sich für eine Zulassung unter den restriktiven EU-Bedingungen aus.

Migros will wissen, was Kunden sagen

Auch die Grossverteiler pochen auf eine strenge Reglementierung. Die Migros hält Tiermehlfutter «grundsätzlich für sinnvoll, da die heutige Vernichtung ökologisch nicht haltbar ist und wertvolles Eiweiss wieder genutzt werden kann», will aber noch die Meinung der Kunden anhören. Coop ist aus ähnlichen Gründen «unter ­gewissen Bedingungen» inzwischen dafür.

Für die Tiermehlverarbeitung müsste künftig die gesamte Logistik – bei Schlachterei, Transporten, Verarbeitung – getrennt werden. Wegen der hohen Umstellungskosten dürfte hierzulande kaum eine gewinnbringende Produktion möglich sein. Trotzdem halten Experten es für sinnvoll, diese Proteinressource zu nutzen, die immerhin fünf bis zehn Prozent des Eiweissbedarfs von Schweizer Schweinen und Geflügel decken könnte.

René Burri, Chef des Fleischverarbeitungswerks GZM, ist skeptisch: «Ich bezweifle, dass sich in der kleinen Schweiz die Tiermehlproduktion nach den neuen Regeln wirklich in grossem Stil durchsetzen wird.» Werden weiterhin Abertausende Tonnen Reste verbrannt, könnte die GZM ihr Motto auch künftig nur halbherzig umsetzen: «Wir verwerten sinnvoll.»

Quellen

Schweizerischer Bauernverband, Greenpeace, Agrofutura/Priska Baur, Bundesamt für Veterinärwesen, Bundesamt für Statistik, Vereinigung Schweizerischer Futtermittelfabrikanten, Bundesamt für Landwirtschaft, Proviande
 

Veröffentlicht am 23. Juli 2013