Die grandiose Höhenwanderung beginnt beim beliebten Ausflugsrestaurant Lüderenalp im Oberemmental. Von hier führt ein Weg über eine Forststrasse, dann geht es auf schmalen, meist ebenen Wanderwegen über einen langen Grat Richtung Napf. Vorbei an Fluren mit charmanten Namen wie Bluttenriedschwand, Rotchnubel, Hohmattgätterli und Goldbachschwändeli.

Es ist eine dankbare Wanderung. Man wird mit Aussicht belohnt: Auf der rechten Seite erheben sich in einem fast unglaublichen Postkartenpanorama die Alpen, in deren Mitte majestätisch und ewigweiss Eiger, Mönch und Jungfrau glänzen, davor finster die Sieben Hengste. Auf der linken Seite der Jura: Auch er zeigt sich von seiner schönsten Seite und in seiner ganzen Breite. Bei Föhn ist alles zum Greifen nah. Eine so einmalige Sicht, ohne auch nur einen einzigen Steilhang erklommen zu haben - das gibt es wohl nur hier, im Napfgebiet, in der weitgehend unbekannten Mitte der Schweiz. Am liebsten würde man schon jetzt Rast machen. Aber es kommt noch besser.
Bei der Geissgratflue, am einzigen wichtigen Wegweiser, macht der Weg jäh eine scharfe Linkskurve. Hier teilt sich die Menschheit: Schon mancher ist hier fälschlicherweise geradeaus gelaufen und im Trub gelandet. Er war wohl des Ziels nicht würdig. Wer indessen richtig geht, wird sich geradewegs in der Vergangenheit verirren. Er kommt mit gesundem Appetit zur «Lushütte», einer legendären, sympathischen Alpwirtschaft, die so gar nicht in unsere Zeit passen will. Sie riecht nach vergessen geglaubten Köstlichkeiten.

Zum Beispiel die Käseschnitten. Da wird nicht einfach eine Scheibe Käse auf eine Scheibe Brot gelegt und gebacken. Wirtin Rösi Schüpbach rührt jeweils mit Käse und Ei einen schönen Teig an, was eine unvergleichliche Kruste ergibt. Und weil das aufwendig ist, stehen die Schnitten nur von Dienstag bis Samstag auf der Karte. Am Sonntag habe sie viel zu viel zu tun, sagt sie. Überhaupt will Rösi die Käseschnitte immer mal wieder ganz von der Speisekarte streichen. Doch dann wird sie wieder von einem ihrer treuen Gäste bekniet. Und lässt es doch bleiben - ein Opfer ihres eigenen Erfolgs.

Christoph Blocher blieb unerkannt
Seit bald zehn Jahren wirken Walter und Rösi Schüpbach auf der «Lushütte»: Er als Hirt - 105 Rinder und Kälber sömmern auf den ausgedehnten Weiden -, sie als Wirtin. Ihre Vorgänger blieben jeweils noch das ganze Jahr über hier oben, doch das ist nichts für Schüpbachs: «Da musst du mit dieser Landschaft verwachsen sein, um hier im Winter bleiben zu wollen», meint Rösi und winkt ab. Sie verbringen den Winter lieber auf dem Bauernhof in Signau, den die Jungen inzwischen übernommen haben. Das ist weniger einsam.

An schönen Spätsommersonntagen umsorgen sie ihre Gäste mit acht oder neun Angestellten. Dann verlassen bisweilen mehr als 100 Mittagessen die kleine Küche, die kaum grösser ist als jene bei Rösi zu Hause. «Da musst du einfach zusammen ‹z Schlaag choo›, sonst geht das natürlich nicht», meint Rösi. Aber unter der Woche seien sie keine Chrampfer. Da bleibt ihnen oft viel Zeit fürs «Braschten», wie das Zusammensein und Plaudern hier heisst. Nicht wenige in der Gegend besuchen lieber Walter und Rösi, statt den Seelsorger zu bemühen.

«Auf der ‹Lushütte› sind alle Menschen gleich. Egal, ob mit oder ohne Krawatte», sagt die Wirtin resolut. «Es bezahlen ja schliesslich auch alle gleich viel fürs Bier.» Man ist auch mit allen per du. Das gilt auch für Prominente. Da habe doch einmal der Christoph Blocher in der Stube gesessen, und Rösi habe ihn nicht einmal erkannt, lacht Walter. Sie schmunzelt: Ihr sei es ja total egal, wie berühmt einer sei. Nur anständig benehmen müsse er sich.

Ähnlich einfache und klare Regeln gelten auch in der Küche. Wer auf der «Lushütte» nach Delikatessen fragt, ist am falschen Ort. Schliesslich ist die «Lushütte» ein Ort, an dem die Bauern aus der Umgebung nach dem Heuen «Ferien» machen - zumindest einen Nachmittag lang. Wanderer machen hier gern Rast, um in Nostalgie zu schwelgen. Die «Lushütte» ist eben auf dem Land - aber so richtig. «Die Leute gehen ja wieder gerne aufs Land. Aber sie kommen zum Teil mit sehr komischen Ansprüchen», weiss Rösi zu berichten. Viele Wirte würden dem nachgeben und alles anbieten, was man in den Städten auch bekommt. «Das machen wir nicht mit.»

Die geballte Kraft der Natur
Ein Klassiker sind ihre Älplermagronen. Den währschaften Eintopf, der wie kaum eine andere Speise eine lange Wanderung ideal abrundet, kocht Rösi aber nur für angemeldete Gäste, die über Nacht bleiben. Und natürlich für Walter, der von ihrer Küche schwärmt. «Zum Glück kommen wir so gut miteinander aus. Sonst würden wir hier oben wohl noch durchdrehen bei schlechtem Wetter», sagt sie. Denn bei Regen lernt man hier das Fürchten. Was bei Sonnenschein so hübsch und idyllisch wirkt, verwandelt sich bei Regen in ein grimmiges Ende der Welt. Das Napfgebiet ist eine Moränenlandschaft. Bäche und Flüsse schneiden sich tief in die poröse Nagelfluh ein. Bei Regen schiesst das Wasser aus allen Poren, so dass man meint, der Berg müsse zerfallen. Und wer nur einmal eine Gewitternacht auf einem Emmentaler Grat verbracht hat, weiss: Nirgends sind Blitz und Donner so nah.

Auf Berner Seite ist das Napfgebiet auch Jeremias-Gotthelf-Land. Vieles, was der Pfarrer aus Lützelflüh im 19. Jahrhundert beschrieben hat, ist hier noch sicht- und spürbar. So sind von der «Lushütte» aus Heimetli zu erblicken, die nur zu Fuss über steile Bergwege zu erreichen sind. Unvorstellbar, welche Alltagsstrapazen diese Behausungen damals bedeuteten. Damals? Bis vor wenigen Jahren hätten dort noch Familien gelebt, erzählt Walter Schüpbach. Von Zeit zu Zeit tauchen in der Gaststube alte Männer auf, die aus Leben berichten, die man nicht für möglich hielte. Die Schicksale der ehemaligen Verdingkinder werfen noch heute lange Schatten.

Gute zwei Stunden hat es gedauert, um in diese geschichten- und anekdoten-reiche Abgeschiedenheit zu kommen, und weitere zwei Stunden dauert es noch auf den Napf. Von der «Lushütte» aus wirkt er fast klein, vor allem im Vergleich mit den stolzen Alpengipfeln, die sich in seinem Rücken erheben. Aber mit 1408 Meter ist er im Emmental und im Entlebuch die weitaus höchste Erhebung.

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Landmedizin für Städter
Auf dem Rückweg bieten sich zwei lohnende Varianten an. Da ist einerseits die Alpwirtschaft Hinterarni, an der man auf dem Weg nach Wasen im Emmental vorbeikommt. Wie auf der «Lushütte» wird auch hier eine Kombination von Land- und Gastwirtschaft betrieben. Jürg und Susanne Reist führen den relativ grossen Betrieb in der vierten Generation. Im Unterschied zur «Lushütte», die praktisch nur zu Fuss erreichbar und vor allem bei Wanderern beliebt ist, wird «Hinterarni» auch von motorisierten Ausflüglern geschätzt. Entsprechend grosszügiger ist auch die Infrastruktur mit Profiküche und Gartenterrasse. Die Wirtschaft ist ganzjährig geöffnet.

Das «Hinterarni»-Ereignis sind zweifellos die fast jeden Sonntag stattfindenden Bure-Zmorge, die die gelernte Bäckerin-Konditorin Susanne Reist auf Anmeldung ausrichtet. Da gibt es Ankemödeli und Käse aus der Region, Hamme und Speck von der Dorfmetzg Wasen und natürlich Züpfe und Brot aus der Backstube der Gastgeberin - und all das vor perfekter Kulisse mit Alpenpanorama und Kuhweide. Ein Frühstück im «Hinterarni» ist sozusagen Landmedizin für Städter. «Wir verkaufen heile Welt», sagt Susanne Reist.

Trotz modernem Standard setzt auch Reist ganz auf Emmentaler Tradition. «Wir müssen das anbieten, was man in Bern oder Zürich nicht bekommt», erklärt sie. Vor allem die Senioren danken es ihr mit grosser Treue. So werden bei ihr viele runde Geburtstage gefeiert - eben gerade weil es noch einen «suure Mocke» gibt, wie zu Gotthelfs Zeiten. «Solche Bankette machen wir mit Leib und Seel», sagt sie - auch wenn sie sich bisweilen wünscht, etwas Neues auf die «Höger», die Hügel, bringen zu können.

Der andere Rückweg vom Napf zweigt beim Hochänzi rechts ab Richtung Eriswil. Er führt ebenfalls über einen langen Grat, diesmal entlang der Grenze zwischen Emmental und Entlebuch, zum Restaurant Brestenegg-Alp. Auch das ist ein überaus sympathisches kleines Bergbeizli, das wegen des Bauernhofs mit allerhand Tieren vor allem auch bei Kindern sehr beliebt ist. Im Kuhstall nisten Schwalben, eine Muttersau säugt Schweinchen, und das Stifeli - sozusagen der Star der «Brestenegg-Alp» - bringt mindestens zweimal im Jahr süsse Kätzchen zur Welt.

Der kulinarische Renner von Anita und Hanspeter Schwarz ist ein so grosses wie grossartiges Schweinskotelett, das hier nach geheimem Familienrezept gebraten wird und mit Salat und Pommes frites auf den Teller kommt. Und im Winter natürlich die Metzgete: Wenn in den Gräben dichter Nebel liegt, richtet das Wirtepaar in der Höhe die grossen, dampfenden Fleischplatten an, die schon viele Städter hierhergelockt haben. «Die Menschen suchen wieder das Einfache», davon ist Anita Schwarz überzeugt. Stimmt. Und wo schmeckt das Einfache besser als dort, wo es wie eh und je zubereitet wird?

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Wanderrouten und Beizen im Napfgebiet

Aufstieg (4 Stunden): Lüderenalp, Rotchnubel, Geissgratflue, Farnli-Esel, Obere Lushütte (2 Stunden), Hochänzi, Nideränzi, Napfflue, Napf (2 Stunden)

Abstieg Variante Hinterarni (4 Stunden 30 Minuten): Napf, Obere Lushütte, Hinterarni (2½ Stunden), Vorderarni, Wasen (2 Stunden)

Abstieg Variante Brestenegg (4 Stunden 30 Minuten): Napf, Napfflue, Nideränzi, Hochänzi, Eggstall, Obere Scheidegg, Ahorn, Brestenegg (4 Stunden), Eriswil (½ Stunde)

Anreise zur Lüderenalp: von Burgdorf oder Langenthal mit dem Zug über Sumiswald nach Wasen im Emmental, von dort mit dem Bus auf die Lüderenalp

Rückreise Variante Hinterarni: von Wasen mit dem Zug nach Sumiswald, von dort nach Burgdorf oder Langenthal

Rückreise Variante Brestenegg: von Eriswil mit Bus nach Huttwil, dann mit dem Zug nach Langenthal, Luzern oder Burgdorf

Kontakt/Öffnungszeiten

  • Restaurant Lushütte
    3457 Wasen
    Telefon 034 495 54 41
    Mo geschlossen
  • Restaurant Hinterarni
    3457 Wasen
    Telefon 034 437 15 83
    Mi/Do geschlossen
  • Restaurant Brestenegg-Alp
    4952 Eriswil
    Telefon 062 966 12 88
    Do geschlossen

Rezept für vier Personen

Suure Blitzloch-Mocke

1,2 Kilo gespickter Rindsbraten salzen, pfeffern, rundherum anbraten, aus der Pfanne nehmen, Fett abgiessen.
Mirepoix (Gemüsemischung) in Butter anziehen: 1 Zwiebel, 1 Karotte, 1 Lauch (alles in Würfeln), 2 Knoblauchzehen, 2 Lorbeerblätter, 5 Gewürznelken, 1 Esslöffel Tomatenpüree. Mit 1 Deziliter Rotweinessig, 5 Deziliter Rotwein, Deziliter saurem Most und ½ Deziliter Bier ablöschen.
Braten beifügen und rund 3 Stunden 30 Minuten schmoren, bis er zart ist. Sauce passieren, mit Maizena binden. Abschmecken. In Scheiben schneiden und mit Sauce übergiessen. Dazu Spätzli servieren.