In Büne Hubers Miniküche wird nicht nur gekocht. Hierhin zieht sich der Frontmann der Berner Rockgruppe Patent Ochsner zurück, um zu komponieren, um Gitarre oder Klavier zu spielen und um Post zu beantworten. Die Kartoffeln, der Stangensellerie, der Tintenfisch, der Sud für den Tintenfisch, das Olivenöl und die Gewürze liegen auf dem Tisch bereit – jetzt könnten wir eigentlich mit dem Kochen anfangen.

Doch Huber scheint sich noch nicht so richtig dazu entschlossen zu haben. «Magst du ein Glas Weisswein?», fragt der Sänger. Es ist vier Uhr nachmittags, und ich schlage vor, dass wir noch bis Sonnenuntergang warten mit dem Alkohol. Dann halt einen Espresso trinken, eine Zigarette rauchen und Raum schaffen für die innere Ruhe, die er braucht, damit die Arbeit in der Küche Spass macht. «Ich koche leidenschaftlich gern, mag aber keinen Stress. Menüs mit festgelegter Speiseabfolge, die ein exaktes Timing verlangen, sind nicht meine Sache.»

Kochen und essen mit Büne Huber heisst, sich treiben lassen durch seine Geschichten. Er erzählt mir von der Russin, die er einmal in einem Lokal kennen lernte – eine blitzgescheite Frau, die mit grossen Träumen in die Schweiz gekommen war und ihren Lebensunterhalt schliesslich als Tänzerin verdienen musste. Büne nannte sie Ludmilla und schrieb über sie eines seiner schönsten Lieder.

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Er erinnert sich an die madagassischen Frauen, die während einer Zeremonie Kontakt mit den Toten aufnahmen. Zuerst beobachtete er die geheimnisvolle Feier durch einen Spalt im Bretterverschlag der Hütte – bis die Frauen ihn einluden, daran teilzunehmen. So kam er völlig unerwartet zu einem spirituellen Erlebnis: Er begegnete seinem verstorbenen Vater. «So etwas wäre zu Hause wohl nicht möglich gewesen. Dafür sind unsere Antennen, die im Alltag ständig mit Informationen bombardiert werden, überfordert.»

Und da waren die Hobbyfotografen, denen er täglich auf seinem Arbeitsweg beim Flugplatz Belpmoos begegnete, die er belächelte, bis er merkte, dass ihn dasselbe Fernweh plagte wie sie. Sie lieferten den Stoff zu Patent Ochsners erstem Hit.

Die Geschichten, aus denen Hubers Songs entstehen, machen oft einige Umwege, auf denen sie sich verändern und sich vom tatsächlich Geschehenen entfernen. Aber gerade das findet Büne Huber spannend an seiner Arbeit: «Wenn du über dieses Essen schreibst, kommst du nicht um den Tintenfisch herum. In einem Liedtext dagegen könnte ich locker einen Rindsrollbraten daraus machen.»

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Draussen wirds dunkel, und das Menü nimmt Gestalt an – der Tintenfisch hat unterdessen sogar einen Namen: «Ruedi». Büne ist in Gedanken auf Tournee und erzählt von den vielen Auswärtsmahlzeiten in Restaurants landauf, landab, von den Standardmenüs und den Fertigsalatsaucen, auf die er allergisch ist. Da kommt es schon mal vor, dass er das Grünzeug trocken bestellt und mit dem eigens mitgeführten Set aus Olivenöl, Balsamico-Essig, Pfeffer und Salz (Ochsners nennen es das «Flickzeug») nach eigenem Gusto würzt.

Weniger heikel ist er, wenn ihn mitten in der Nacht ein Hungergefühl überkommt, was wegen seiner unregelmässigen Arbeitszeiten häufig passiert. «Dann kommt meine dunkle Seite zum Zug», verrät er und gewährt mir einen Blick in den Schrank mit dem Vorrat an Fertigmenüs. Das Auffälligste an Hubers Essgewohnheiten ist, dass es bei ihm kaum Regelmässigkeiten gibt. Als er mit der Band wochenlang im Aufnahmestudio an der neuen CD «Trybguet» arbeitete oder Konzerte gab, war er nur zu sehr ungewöhnlichen Zeiten zu Hause. «Wenn ich aber meine sechsjährige Tochter hüte und Hausmann spiele, dann stelle ich sofort um auf drei Mahlzeiten täglich.»

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So oder so ist Kochen für ihn ein kreativer Prozess, bei dem man auch aus wenig viel machen kann: «Meine Mutter kochte fantastisch – aber ohne grossen Aufwand.» In Spanien sah er einmal einen Fernsehkoch, der den Zuschauern genau diese Küche präsentierte: einfach, nahrhaft, billig. Als Hommage an diesen Mann ist auf Hubers Soloplatte «Honigmelonemond» ein Originalausschnitt aus einer seiner Sendungen zu hören.

Büne Hubers Küche ist ein Ausstellungsraum für Alltagskunst und Nippes. Die Miniaturmarienstatue in der Ecke, Jesus in einem Schneeschüttelglas, die Heiligen an der Wand: Wir sind umzingelt von Bildern und Ikonen, dass man meinen könnte, der Mann sei ein Frömmler. «Überhaupt nicht. Aber ich stehe auf diesen Religionskitsch. Als Reformierter beneide ich die Katholiken um ihr Showbusinesspotenzial.»

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Einen ganz anderen Hintergrund hat die Sammlung mit den Sardinenbüchsen und Suppenwürfeln oben auf dem Küchenschrank. Die Packungen mit den fremden Schriften zaubern einen Hauch von Exotik ins Berner Schönau-Quartier. Sie sind Souvenirs von Ferienreisen in ferne Länder. «Aber essen würde ich so etwas nie!»

«Ruedi» ist jetzt gar und zart, er wird in Stücke geschnitten. In der Bratpfanne wird er zusammen mit dem Gemüse kurz angebraten und anschliessend serviert. Olivenöl und Gewürze darf ich selber hinzufügen, denn auch bei Büne zu Hause steht immer das «Flickzeug» auf dem Tisch.