Anton Mosimanns Diner-Club befindet sich an bester Adresse mitten in London. Das «Belfry» ist eine ehemalige Kirche und keineswegs ein gewöhnliches Restaurant. Wer hier essen will, muss Mitglied und bereit sein, jährlich einen dreistelligen Betrag hinzublättern. Aber wir wollen nicht über Geld reden - diejenigen, die bei Mosimann aufkreuzen, haben ohnehin genug davon. Was neugierig macht, sind die kleinen US-Flaggen, die heute auf den Tischen stehen. Wir sind doch in Good Old Britain, und «our Tony», wie sie Mosimann hier nennen, ist ab und zu Hofkoch bei Ihrer Majestät, der Königin Elisabeth. Nun, die fremden Fahnen flattern hier einmal im Jahr am Thanksgiving Day, einem der höchsten amerikanischen Feiertage.

Für das traditionelle Truthahnessen haben sich gegen 100 Gäste angemeldet; die Küchenbrigade - und mit ihr der Boss - ist nervöser als sonst. «Während man sich bei uns normalerweise gegen 13 Uhr zum Mittagessen trifft, kommen die Amerikaner am Thanksgiving pünktlich um 12 Uhr», klärt uns Anton Mosimann auf. Und ruft durch die Küche: «Remember: Everything should be ready by noon.»

Anton Mosimann wird unser Festtagsmenü parallel zum grossen Service zubereiten. Mit Hilfe seiner Brigade, versteht sich. Ein Schnippen mit den Fingern, und schon steht die Mise en Place fürs Risotto vor uns. Beim Umrühren erfahre ich ein Geheimnis vom Chef: «99 Prozent der Köche verwenden für Risotto Butter. Ich hingegen arbeite mit Schlagrahm. So bleibt es luftiger und ist bekömmlicher.»

Das Rüsten des Gemüses (als Beilage für das Rindsfilet) ist wiederum mit einem Wink erledigt. Wir können uns voll auf die Kernaufgaben konzentrieren und dabei über Mosimanns Karriere plaudern. Sie basiert nicht allein auf seiner Fähigkeit, auf höchstem Niveau zu kochen. Ebenso wichtig ist das Marketing - schon früh begann er, Kochkurse anzubieten und in TV-Kochsendungen mitzumachen.

Und was ist mit Jamie Oliver?
Apropos: Was denkt Anton Mosimann über den jungen Star Jamie Oliver, der zurzeit punkto Popularität viele Kollegen in den Schatten stellt? Die Antwort ist freundlich-diplomatisch: «Darüber, wie er kocht, könnte man diskutieren. Aber er hat eine Marktlücke gefunden und macht grundsätzlich einen guten Job.»

Wirklich fürchten braucht Anton Mosimann zurzeit keine Konkurrenz, denn sein Geschäft läuft wie gebuttert: Zusätzlich zum Gourmet-Klub betreibt er einen Cateringservice, der für Partys in Bangkok oder New York bestellt wird. Oder gar für den Buckingham Palace oder die Downing Street 10, wo der Solothurner bereits drei verschiedene Premierminister verwöhnen durfte: Thatcher, Major und Blair.

Ganz ohne Flop verlief auch Anton Mosimanns Karriere nicht. Als er die Idee des exklusiven Klubs in die Schweiz exportieren wollte und dafür das Sälischlössli ob Olten kaufte, musste er bald einsehen, dass das nicht funktionierte. Er blickt ohne Ressentiments auf das Abenteuer zurück: «Ich bedaure zwar, dass ich aufgeben musste, bin aber froh, dass ich es versucht habe.»

Nun bekomme ich eine Lektion in Detailpflege. Anton Mosimann büschelt das Gemüse auf den Teller - «lieber hoch als breit» - und wischt einzelne Saucentropfen vom Tellerrand ab. Zudem macht er immer wieder die Runde und probiert aus den Töpfen des Thanksgiving-Menüs: «Ich habe zwar einen hervorragenden Küchenchef und eine motiverte Crew. Trotzdem gehört es zum Wichtigsten, dass ich die Qualität ständig kontrolliere.

Mosimanns Londoner Karriere begann vor 20 Jahren im Nobelhotel Dorchester. Als Chefkoch stellte er dort einiges auf den Kopf. «Die Zustände waren derart old fashioned, altmodisch, dass mir deswegen die Haare ausfielen», scherzt er. Eine seiner wichtigsten Forderungen war, dass alles möglichst frisch von der Pfanne auf den Teller kommen musste - damals eine fast revolutionäre Idee.

Ganz frisch und schnell servieren sollte man auch Mosimanns Dessert, das Soufflé, denn es zerfällt schon wenige Minuten, nachdem man es aus dem Ofen nimmt. Auch dieses essen wir nicht am Tisch, sondern probieren es an der Theke, zwischen hin und her wirbelnden Köchen. Es ist fünf vor zwölf, höchste Zeit für das Thanksgiving-Menü.

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