Als die Sozialdemokratische Partei der Schweiz am 6. März den Schaffhauser Hans-Jürg Fehr zu ihrem neuen Präsidenten wählte, schrieben die meisten Kommentatoren, man habe sich für einen fachlich soliden Chef entschieden. Einen Schweizer Vollblutpolitiker, dem Kommunikation wichtiger sei als Provokation, der mehr auf fundierte Konzepte setze als auf schnelle Rezepte.

Aber schon der erste Eindruck von Hans-Jürg Fehr irritiert mich: Sein T-Shirt zeigt die Geschichte der Malerei in neun Karikaturen. Der gleiche Kopf, nach Schema «Punkt-Punkt-Komma-Strich», wie ihn Da Vinci, Picasso, Dalí oder andere grosse Künstler gemalt haben könnten. Fehr, dem man nicht vorwerfen kann, er setze zu viele Pointen, trägt auf seiner Brust einen Cartoon, der ein paar Jahrhunderte Kunstgeschichte auf wenige Bildli reduziert? Da muss wohl Humor mit im Spiel sein.

Das Rezept für das heutige Menü existiert nur in Hans-Jürg Fehrs Kopf. Die Kombination von Pouletfleisch und Steinpilzen mit den exotischen Gewürzen sei seine eigene Kreation, sagt er. Er besitzt nur wenig Kochbücher, sie belegen im Küchenschrank kaum ein ganzes Tablar. Auffällig ist ein roter Ordner mit Hunderten von Zeitungsausschnitten und handgeschriebenen Notizen. Das ist Hans-Jürg Fehrs wichtigste Quelle für kulinarische Höhenflüge: die selber gesammelten, säuberlich ausgeschnittenen und nach Themen und Alphabet geordneten Rezepte.

Sogar die Zwiebeln brutzeln lautlos
Heute also keine schriftlichen Vorgaben. Und trotzdem hat Fehr eine klare Vorstellung dessen, was zubereitet wird. Rüebli schälen und in Rädchen schneiden, Peterli fein hacken, das Fleisch abschmecken – nicht mit billigem Kochwein, sondern mit dem gleichen, den man den Gästen auftischt. Hans-Jürg Fehr arbeitet konzentriert und unaufgeregt, ruhig. Sogar die Zwiebeln brutzeln lautlos in der Pfanne.

Wenn er an seine Kindheit zurückdenkt, erinnert sich Fehr an lebhafte Diskussionen am Stubentisch: «Politisieren war bei uns so normal wie essen», sagt er. Der Vater engagierte sich im thurgauischen Rheinklingen, wo die Familie damals lebte, in der Gemeinde und in der Kirche.

Von den sechs Buben wollte nicht nur Hans-Jürg Politiker werden, sondern auch sein ältester Bruder Bruno. Weil sich dieser für die SVP entschied und für diese ins Thurgauer Kantonsparlament gewählt wurde, gabs oft heftige Diskussionen: «Wir haben einige Sträusse ausgefochten, bis wir merkten, dass das nichts bringt, weil die Positionen unverrückbar sind. Heute gehen wir locker miteinander um.»

Hans-Jürg Fehr ist Sozialdemokrat, denkt und handelt aber in einigen Lebensbereichen wie ein Grüner. Das Dach des Reihenhauses ist mit einer photovoltaischen Anlage ausgerüstet, die den Energiebedarf für den Haushalt fast zu 100 Prozent abdecke. «Wir sind hier eine atomstromfreie Zone», sagt Fehr mit einem Augenzwinkern. Zudem verzichte er seit Jahren auf ein Auto und kaufe, wenn immer möglich, biologische Produkte. Für diesen Entscheid werden wohl familiäre Gründe mit im Spiel sein, ist doch ein anderer seiner Brüder Inhaber eines Reformhauses in Schaffhausen.

Das Angeben liegt Hans-Jürg Fehr fern. Als grundehrlicher Mensch macht er auch sich selbst nichts vor: «Ich bin handwerklich eher ein Tiefflieger. Kochen ist etwas vom Wenigen, was ich mit meinen Händen machen kann.» Beigebracht hat er es sich selbst. In seinem ersten Zwei-Personen-Haushalt mit seiner späteren Frau Susi habe er aber vorwiegend «einfache Spaghettigerichte» serviert. Heute ist er es, der in der Küche den Ton angibt. Susi Fehr-Baerlocher isst lieber: «Dafür lobe ich ihn jeweils wie verrückt, und dann strahlt er.»

«Ich bin weder brav noch bieder»
Der ernste Schaffer, der Mann, der im lauten Geschrei der Demagogen unterzugehen droht, der Politiker, der sich schlecht verkauft: Schmerzen Hans-Jürg Fehr solche Etiketten? «Mich nervt es nur, wenn Ernsthaftigkeit mit Biederkeit gleichgesetzt wird. Brav und bieder, wie es auch schon mal hiess: Das bin ich nicht.» Und ein schlechter Verkäufer? «Wenn ich mir das Echo auf meine TV-Auftritte anhöre, habe ich nicht den Eindruck.»

Beim Pouletfleisch warnt der Gastgeber, man solle es nicht mit den Händen anfassen, wegen der Salmonellen. Weniger Berührungsängste scheint Fehr bei heissen politischen Themen zu haben. Beispiel EU-Beitritt. Als erster Parteipräsident hat er nach einer langen Phase des Schweigens laut darüber nachgedacht und sich offen dazu bekannt, dass die Schweiz Teil der Gemeinschaft sein sollte, auch wenn es unser Land einen Batzen koste. «Für mich als Sozialdemokrat ist das Element der Solidarität ein wichtiges Argument für ein Ja. Zudem erschliessen sich durch die Osterweiterung für uns interessante Märkte.» Kein Wunder, ist Hans-Jürg Fehr offen für Europa, blickt er doch von seinem Wohnzimmer aus direkt über die Grenze ins benachbarte Süddeutschland.

Wir lassen uns das Huhn mit Pilzen, das das Lieblingsgericht von Susi Fehr-Baerlocher ist, schmecken. Auf dem Tisch stehen ein Salz- und ein Pfefferstreuer in Form eines S und eines P. Mir fällt deren doppelte Bedeutung erst auf, als sie nebeneinander stehen. Klar, auch dies ist ein politisches Statement – wir sind schliesslich zu Gast beim SP-Präsidenten.

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Quelle: Ursula Meisser