So entspannt wie die derzeitige FDP-Präsidentin hat mich noch selten jemand begrüsst, den ich zwecks gemeinsamen Kochens besucht habe. Der Grund dafür ist, dass sie sich stressfrei vorbereiten konnte, denn ihr Mann Peter hat die Einkäufe besorgt. «Das ist sein Ressort», sagt sie. «Er geht jeweils wie ein Jäger in die Läden, kommt stolz mit seiner Beute – meistens zu viel – nach Hause und will dafür gelobt werden.»

Marianne Kleiner kauft also nicht selber ein. Und sie steht auch nicht tagelang in der Küche, selbst wenn sie Gäste eingeladen habe. Trotzdem: «Das Essen hat bei uns einen grossen Stellenwert. Ich esse manchmal mehr, als für die schlanke Linie gut wäre», sagt sie. Die Kopie eines Engels von Niki de Saint Phalle ist ihr ein kleiner Trost: «Er erinnert mich immer wieder daran, dass auch nicht ganz Magere schön sein können.»

Kleine Dinge statt grosser Karriere

Das moderne Einfamilienhaus thront auf einer Wiese hoch über Herisau. Als Marianne Kleiner noch Regierungsrätin (zeitweise sogar Frau Landammann) des Kantons Appenzell Ausserrhoden war, mochte sie sich hier einen Überblick verschafft haben über ihr Reich. Heute ist ihr Einflussgebiet grösser. Politik macht sie als Nationalrätin in Bern, und die Partei, der sie vorsteht, mischt in der ganzen Schweiz vorne mit. Oder versucht mindestens, den Anschluss nicht zu verlieren.

Die Interimspräsidentin der FDP hat mehrfach signalisiert, dass sie nicht für das definitive Präsidium kandidieren wird. Ein Grund dafür liegt in Kleiners Engagement für ihren Kanton: «Ich bin die einzige Ausserrhoder Nationalrätin, deshalb möchte ich mich nicht so stark parteipolitisch festlegen, sondern für alle da sein.» Zudem sei sie nicht mehr auf dem Karrieretrip, sondern versuche vermehrt, die kleinen Dinge zu geniessen: «Die Katze streicheln, sich freuen, wenn die Sonne scheint.»

Wir bereiten die Saltimboccas vor: Parmaschinken auf Kalbsplätzchen, dazwischen ein frisches Salbeiblatt, fixiert mit einem Zahnstocher. Bastelübungen am Rüsttisch. Broccoli putzen und zerkleinern. Und, damit das Menü echt italienisch daherkommt, Pasta als Vorspeise, mit viel Knoblauch und einer scharfen Sauce.

Peter Kleiner erscheint in der Küche und stellt sich als unser heutiger Sommelier vor. Das Angebot, uns einen kühlen Weissen zum Aperitif zu servieren, lehne ich vorerst dankend ab, wohl wissend, dass Wein am Mittag direkte Auswirkungen auf die Leistungskurve hat.

Ein Herz für Schnecken

Später werden wir trotzdem Wein trinken. Marianne Kleiner hats geahnt, denn sie erkannte sofort «einen gewissen Verhandlungsspielraum in diesem Geschäft». Die Frau ist offenbar auch im Alltag durch und durch Politikerin.

Marianne Kleiner, Jahrgang 1947, kommt aus einer Familie, die zwar wirtschaftlich recht gut gestellt war, aber ein einfaches Leben führte. Sie erinnert sich an die kargen fünfziger Jahre: «Es gab oft Griess, Mais oder Milchreis. Das passte mir nicht. Ich hätte gerne mehr Fleisch gehabt.» Bei Schläpfers war es Brauch, dass das Familienoberhaupt manchmal etwas anderes serviert bekam als der Rest der Familie. Es ist nicht verwunderlich, wenn Marianne als kleines Mädchen den Traum hatte, später einmal «Vater» zu werden.

Die Vorliebe für Fleisch, das sie am liebsten mit Sauce und Kartoffelstock hatte, ist Marianne Kleiner geblieben. Im Allgemeinen legt sie aber Wert darauf, gesund zu kochen. «Xond» heisst das im Ausserrhodischen. Das bedeutet, dass die Broccoli lediglich im Dampf garen. Da ist keine Butter drin, kein Öl, nichts. Trotzdem riechen wir das Gemüse, während wir Spaghetti essen, bis auf die Veranda hinaus.

Bei der Wahl «ihrer» Partei war es für Marianne Kleiner nicht von vornherein klar, dass sie auf die FDP setzen würde. In jungen Jahren hätte sie sich auch ein Engagement bei der SP vorstellen können. Entscheidend waren letztlich Erkenntnisse über die wirtschaftlichen Zusammenhänge: «Als ich merkte, dass das Geld, welches der Staat ausgibt, zuerst verdient werden muss, entschied ich mich für die FDP.»

Trotz der Positionierung im bürgerlichen Lager hat Marianne Kleiner eine grüne Ecke in ihrem Herzen. Auf dem Einfamilienhaus sind Sonnenkollektoren installiert, und der Gemüsegarten wird aus Rücksicht auf die Igel geschlossen werden müssen. Diese vergifteten sich an Schneckenkörnern, die eigentlich nicht für sie gedacht waren. Kurz: ein Ja für Schnecken und Igel zulasten von eigenem Gemüse. Eine kleine praktische Lektion, wie Nahrungsketten in der Natur funktionieren.

Zum Abschied eine Kalorienbombe

Marianne Kleiner wollte ursprünglich eine Spezialität aus ihrem Kanton auftischen. Jetzt ist es etwas Italienisches geworden. Dafür hat Peter Kleiner für die Besucher ein Souvenir eingekauft: einen Appenzeller Biberfladen, gross wie ein Kuchenblech, schwer wie ein Pizzastein und so nahrhaft wie ein Dessertbuffet für zehn Personen.

Wir verabschieden uns, satt und mit ausreichend Reiseproviant ausgestattet, von Marianne und Peter Kleiner und verlassen eine Idylle, die nicht nur wegen des schönen Wetters und des wunderschön gelegenen Hauses diesen Namen verdient, sondern auch wegen der Herzlichkeit der Gastgeber. Beim Wegfahren stehen sie vor dem Eingang und winken.

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