Wohnt in Seon – lebt in Zürich.» Dies ist die Kurzfassung der Lebensumstände der obersten Kommunikationschefin der Migros. Monica Glisenti bittet in ihrem Haus in Seon zu Tisch, in das sie vor 20 Jahren eingezogen ist. Die Nachbarschaft hat sie bis heute kaum kennen gelernt. Zu stark beanspruche sie der Job in der Stadt, zu sehr lockten dort kulturelle und kulinarische Angebote.

Die ehemalige Journalistin, die lange Zeit bei «Cash» arbeitete, ist dafür verantwortlich, dass die Medien – auch die eigenen wie das «Migros-Magazin», die «Saisonküche», Intranet und Internet – über den grössten Detailhändler der Schweiz so berichten, wie sie es sich vorstellt und es der Firma nützt. Dazu berät sie ihren Chef, den neuen CEO Herbert Bolliger, und erarbeitet mit ihren Teams Strategien zum öffentlichen Auftritt.

In ihrer Küche ist die optische Präsenz des orangen Riesen wohltuend bescheiden: Ein Papiersack, eine Handseife der Billigmarke M-Budget, das Abwaschmittel «Handy» und die Kochzeitschrift «Saisonküche», aus der eines der beiden Rezepte stammt, ist alles, was ich identifizieren kann.

Wir fangen an mit Rüsten. Die Rüeblistreifen, die ich gemäss ihrem Auftrag «julienne» geschnitten habe, sind für Monica Glisenti zu dick. Für den Ingwer, den sie sich in Miniaturwürfel zerkleinert wünscht, bekomme ich bis zum Schluss keine Komplimente, obwohl ich ihn schon fast auf die Grösse von Sandkörnern runtergeschnetzelt habe.

Die 46-jährige Engadinerin ist in St. Moritz aufgewachsen, wohin es ihre italienischen Grosseltern verschlagen hatte. Der Grossvater stammte aus Brescia, die Grossmutter aus dem Veltlin. Sie arbeitete in einem Hotel als Köchin und gab ihr kulinarisches Gespür an Schwiegertochter und Enkelin weiter. Glisentis Mutter habe gern experimentiert und praktisch alles selber gemacht, auch die Teigwaren. Ein Festessen sei es zudem gewesen, wenn man einen vom Vater selber geschossenen Hirsch zubereiten konnte.

Monica Glisenti sagt, auch sie koche sehr gern, habe aber nicht oft Gelegenheit dazu. Doch wenn sie Gäste einlade, nehme sie sich viel Zeit. Dann sei das Einkaufen genauso wichtig wie das Kochen oder das Schmücken des Tisches.

Trotz ihrem Flair für das gepflegte Tafeln ist das Picknick Monica Glisentis liebste Art, sich zu verpflegen. Mit ihrem Mann unternimmt sie im Engadin oft ausgedehnte Wanderungen und freut sich jeweils auf die Pausen: «Sich in freier Natur hinsetzen – bei jedem Wetter! – und sich den Bauch vollschlagen, das ist etwas Wunderbares.» Es dürfe aber um keinen Preis stilecht sein, mit Korb und so. Hauptsache, man könne mit den Fingern zugreifen und alles durcheinander essen.

Mit Delikatessen kam Monica Glisenti früh in Berührung, mit ihrer heutigen Arbeitgeberin Migros eher spät. «In meiner Kindheit kauften wir in St. Moritz ausschliesslich bei Geronimi ein, einem heute noch bekannten Comestibles-Laden. Nicht aus Snobismus, sondern weil das der Laden meiner Tante war und es vom frischen Fisch bis zum Toilettenpapier alles zu kaufen gab.» Dazu muss man wissen, dass das Engadin wegen des starken Widerstands der Detailhändler eine Migros-freie Zone war – und bis heute geblieben ist. Wenn Glisentis mal ins Unterland fuhren, war der Besuch einer grossen Migros-Filiale gleich einem Gang durchs Schlaraffenland: «Die Auswahl war so gross, und alles war für unser Empfinden stinkbillig.»

Das Rezept für den vietnamesischen Salat hat Monica Glisenti in Hongkong kennen gelernt. Sie ist mit Journalisten in den Fernen Osten gereist, um sich bei Zulieferern der Migros ein Bild über ethische Mindestanforderungen zu machen. Wie stressig ist denn das grosse Pensum, das sie zu bewältigen hat? Die Kommunikationschefin sagts so: «Obschon ich seit meinem Amtsantritt im Jahr 2001 sehr viel arbeite, leide ich nicht unter der Belastung.»

Sie komme mit äusserst wenig Schlaf aus, sagt Monica Glisenti. Es ist keine Seltenheit, dass sie morgens um fünf Uhr bereits im Büro ist. Ihre Gewohnheit schinde aber im Detailhandel, der bekanntlich früh auf den Beinen ist, keinen Eindruck. Da sie schon immer eine Frühaufsteherin war und nie davor zurückschreckte, im Morgengrauen Freundinnen anzurufen, habe sie als Jugendliche schon den Übernamen «Weckschreck» bekommen.

Ebenfalls äusserst eigen ist Glisentis Frühstück. Seit 30 Jahren isst sie zum Zmorge Maltesers und trinkt dazu Tee mit Milch. Ihrem Arbeitgeber zuliebe steigt sie unterdessen ab und zu auf die Hausmarke der bekannten Schokokugeln um. Diese seien aber nur «fast so gut wie das Original». Und wenn es in einem Hotel mal nichts dergleichen gibt, dann begnügt sie sich mit Nutella.

Von den süssen Verführungen zurück zu unserem Menü. Monica Glisenti wägt beim Kochen nichts ab. Das bedeutet fürs Protokollieren des vietnamesischen Salats ein gutes Stück Nachbearbeitung. Mit ihrem Gefühl für das Mischen und Würzen trifft die Köchin aber voll ins Schwarze. Das rohe Gemüse ist gesund, die exotische Sauce macht Lust auf mehr.

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