Der Mann, der 13 Jahre beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund tätig war und diesen in den letzten sieben Jahren führte, hat vor seinem Übertritt zum Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) einige Überstunden abzubauen. Würde er korrekt rechnen, hätte er wohl ein paar Monate Ferien zugut. Doch er gönnt sich lediglich 14 Tage.

Ich treffe Serge Gaillard in einer Ferienwohnung in Sils-Maria im Engadin. Hierhin hat er sich zurückgezogen, um sich auf die neue Herausforderung vorzubereiten. Spaziergänge, Langlaufrunden und Skitouren strukturieren seine Tage. Trotzdem bleibt ein Rest Arbeit, dem er auch hier nicht ausweichen kann.

Arbeit ist das KernthemaSerge Gaillard ist ein quirliger Zeitgenosse. Ich habe den Eindruck, alles gehe schnell bei ihm: sich bewegen, sprechen, kochen. Er hat auch gründlich vorbereitet - genauer gesagt hat er vor unserer Ankunft fast alles erledigt. So müssen wir für den Fotografen ein paar der Fleischvögel nochmals aufrollen - eine kleine Bastelarbeit zum Einstieg, die wir an einem Arventisch verrichten.
Arbeit war ja das Kernthema des Gewerkschafters Gaillard, und es wird auch für den zukünftigen Direktor für Arbeit im Seco zentral sein. Ohne seine konkreten Absichten im neuen Job zu verraten - «Alle fragen mich, aber ich muss ja dieses Amt erst kennen lernen» -, weiss er doch, dass die Arbeitslosenquote weiter sinken sollte: «Die jetzigen drei Prozent sind besser als im Ausland. Aber wir müssen einen noch tieferen Wert anstreben. Es darf nicht sein, dass sich die Gesellschaft daran gewöhnt, dass Teile der Bevölkerung gänzlich vom Arbeitsprozess ausgeschlossen werden.»

Gut trainierter BergläuferDer 51-jährige Ökonom hält sich fit, indem er sich genügend Zeit für Sport nimmt. Serge Gaillard ist ein gut trainierter Bergläufer. Den Jungfraumarathon, den er im letzten Sommer absolvierte, habe er trotz anfänglichen Unsicherheiten überraschend gut geschafft. Letztlich überwinde er doch lieber 2'000 Höhenmeter, als seinen Gelenken eine 42 Kilometer lange ebene Asphaltstrecke zuzumuten.

Nicht so gesund ist Gaillards Essverhalten. Unter der Woche ist die Mittagspause meist für die Fitness reserviert, was bedeutet, dass er fast nichts zu sich nehme. Manchmal komme ein Businesslunch dazwischen, dann esse er wiederum zu viel. «Das Problem ist bis jetzt schlecht gelöst», gibt er zu. Immerhin versuche er, ausgiebig zu frühstücken. Doch auch dies gelinge nur jeden zweiten Tag, denn er sei ein Langsamaufsteher und habe es bereits am Morgen meistens eilig.
Koch im KinderhortAufgewachsen ist Serge Gaillard im Zürcher Quartier Altstetten. Der Vater arbeitete in der Waggonfabrik Schlieren, die Mutter war bald auch werktätig, so dass die drei Kinder selber kochen mussten. Bereits im Alter von 18 Jahren zog Serge aus und lebte fortan in einer Wohngemeinschaft, wo er turnusmässig in der Küche stehen musste. Und auch als junger Familienvater hatte er seine Ämtli im Haushalt, manchmal sogar als Koch für den selbst verwalteten Kinderhort, den Gaillards gemeinsam mit Nachbarn führten.

Erst in den letzten Jahren hat sich Serge Gaillard mehr und mehr vom Herd zurückgezogen. Einerseits wegen seines grossen Arbeitspensums, anderseits weil heute seine Töchter öfter das Nachtessen zubereiten: «Dann können sie kochen, was ihnen passt. Die ältere der beiden hat ein paar sehr gute thailändische Rezepte gelernt - aus einem Buch, das eigentlich ich geschenkt bekommen habe.»

Wenns ums Einkaufen geht, ist Serge Gaillard lediglich an Wochenenden einzusetzen: «Während meine Frau ins Reformhaus geht, hole ich die grossen Sachen in der Migros.» Und was diktiert ihm sein ökologisches Gewissen? Wählt er Bioprodukte? Er lacht und schüttelt den Kopf: «Nein, schliesslich bin ich der Ökonom in der Familie.»
Für das Dessert schälen und schneiden wir ein paar Orangen. Serge Gaillard beisst herzhaft in die bittere Schale, was bei mir eine Hühnerhaut auslöst. Der Geschmack erinnere ihn an Picknicks mit den Kindern, denen man ein paar Früchte servieren musste, damit sie sich an eine gesunde Ernährung gewöhnten.

Gesund und ökonomisch, so soll das Essen sein, wenn es nach Serge Gaillard geht. Selber zubereiten sei nicht viel aufwändiger, aber wesentlich billiger als alles Vorgefertigte und zudem besser. Darum sammle er bei ausgedehnten Spaziergängen mit seiner Frau gerne Beeren im Wald. «Letzten Herbst habe ich einige Gläser Brombeerkonfi gemacht», erzählt er.

Wir setzen uns an den Tisch und servieren die Involtini, begleitet von einem grünen Salat und gefolgt vom Orangendessert, das wir mit Feigen garniert und mit einem Schuss Kirsch abgeschmeckt haben. Ziemlich üppig für ein Mittagessen, findet Serge Gaillard: «Ich werde wohl mit vollem Magen auf die Loipe gehen und aufs Nachtessen verzichten müssen.»


Rezepte Die bisher im Beobachter erschienenen Artikel von Röbi Koller samt den dazugehörigen Rezepten finden Sie hier

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