Das ist die Frau, die den Schweizer Musikfans beigebracht hat, was «Son of a Preacher Man» auf Walliserdeutsch heisst. Der Song über den Sohn des Pfarrers, von dem sie sich habe verführen lassen, gehört heute zum allgemeinen Schweizer Liedgut.

Popkonzerte im grossen Stil gibt Sina derzeit keine. Die Auftritte auf ihrer aktuellen Tournee «All:Tag» seien eher als Stubete zu bezeichnen, sagt sie: «Die Lokale sind klein, das Publikum sitzt, und wir spielen akustisch: mit Gitarren, Kontrabass und viel Platz für die Stimme.» Bis Mitte Dezember ist Sina mit ihren Mannen im Land unterwegs und macht Halt in Hochdorf, Laufen oder Frauenfeld.

Zu einer Stubete würde auch das heutige Menü passen, dessen Hauptbestandteil – der Käse – für eine Walliserin fast Verpflichtung ist. Trotzdem: Der Treffpunkt, eine Loft in einem ehemaligen Gewerbehaus, hat mit einer Chaletstube so gut wie nichts gemeinsam.

Sina pendelt zwischen Stadt und Land. In Zürich wohnt sie mit ihrer Managerin und zwei weiteren befreundeten Frauen unter demselben Dach. In der Hausgemeinschaft hat die Sängerin und Komponistin zwar ihre eigenen Zimmer, trotzdem sei man sich im Alltag nahe und schaue auch füreinander.

Sinas zweiter Wohnsitz liegt im Aargau, in der Nähe des Hallwylersees. Hier lebt sie mit ihrem Mann, dem Musiker Markus Kühne, in einer alten Strohverarbeitungsfabrik. Die Räume, in denen früher Hüte und Körbe hergestellt wurden, sind gross und hoch – die internen Fenster geben den Blick zu den Nachbarn frei. Sina lebt auch hier nicht isoliert in den eigenen vier Wänden, sondern nimmt teil am Leben der Mitbewohner.

Die halbe Verwandtschaft macht mitNach einem Konzert in Brig hat Sina den Apéro eingekauft: Walliser Trockenfleisch und ein «Murmann Wurschtji», das Randen enthält und daher ähnlich rot wie eine spanische Chorizo ist. Die Spezialität stammt von einem Vetter ihres Vaters, der eine Metzgerei in Naters hat; dazu gibts Roggenbrot mit Nüssen oder Früchten. Der Wein ist ebenfalls aus der Verwandtschaft: Ein Onkel bewirtschaftet den Rebberg, der Sina und ihrem Bruder gehört.

Sinas Vorschlag, ein «falsches Fondue» zu machen, stösst bei mir sofort auf Interesse. «Man verzichtet bei dieser Variante den Kindern zuliebe auf Alkohol und Knoblauch. Der Wein wird durch Milch ersetzt – Kirsch und Knoblauch entfallen ganz», erklärt die Sängerin. Zudem werden anstelle von Brot Kartoffeln serviert, die besser verdaulich seien. Sina sagt, die Kinder würden jeweils die «Härpfil zärtrosu» und nachher den «Chees drubärleeschu». Auf Deutsch: Sie zerdrücken die Kartoffeln und geben danach den geschmolzenen Käse darüber.

In der Familie Bellwald kam aber nicht nur Käse auf den Tisch. Als Sina noch Ursula hiess, kochte die Mutter zwar einfach, aber ideenreich: «Sie machte feine Eintöpfe, verwertete jedoch auch Resten, streckte diese und kreierte neue Menüs. An Sonn- und Feiertagen wurden Wurstwaren und Aufschnitt serviert, vor allem zum ‹z’Abund›.» Am Tisch sei oft die halbe Verwandtschaft gesessen – und die war nicht eben klein. Manchmal sei das Mittagessen nahtlos ins Nachtessen übergegangen.

Vegetarisch macht fitDen Konsum von Fleisch hat Sina als Erwachsene stark eingeschränkt: «Ich bemerkte, dass vegetarische Kost bei mir einen entspannteren Verdauungsvorgang zur Folge hatte. Ich war nach dem Essen schneller wieder fit.» In ihrer Küche steht statt eines konventionellen Herds bloss ein Campingrechaud; der Gasschlauch wird an einer speziellen Steckdose angeschlossen. Fürs Fondue reichts. Wir verrühren Milch mit Mehl zu einer Art Béchamelsauce, die aber trotz den Gewürzen fad schmeckt. Das Salz in Sinas Suppe kommt später, mit dem Käse.

Eine grosse Köchin sei sie nie gewesen, gibt Sina zu. Früher liess sie sich von ihrer Managerin bekochen, heute von ihrem Mann. Auf Tournee richtet sie sich nach ihrem Personal und isst das Gleiche wie Techniker und Bandmitglieder. Der einzige Sonderwunsch: eine Flasche Rotwein, um nach dem Konzert anzustossen.

Wenn Sina selber kocht, dann nach Plan: «Ich suche ein Rezept, schreibe eine Einkaufsliste und lade ein halbes Dutzend Leute ein. Für die Vorbereitung brauche ich einen halben Tag.» Auch bei der Wahl der Produkte nimmt sie es genau: «Ich kaufe fast ausschliesslich Bioware. Am liebsten vom Bauernhof in der Nachbarschaft, der zurzeit gegen 50 Kürbissorten anbietet.»

Die Sommerresidenz, so nennt Sina ihren Wohnsitz auf dem Land, wird sie übrigens vorübergehend verlassen. Sie wird mit ihrem Mann für ein halbes Jahr in ihre Zürcher Wohnung ziehen, bis die neue, gemeinsame Loft im Aargau frei wird. «Nächsten Juli kommen wir aber zurück.» Dann werde sie wohl Ausreden suchen müssen, um trotzdem in die Stadt fahren zu können: «Vielleicht miete ich ein Büro oder gebe Gesangsstunden.»

Das Essen wird einen Stock unter der Küche serviert. Die Treppe ist schmal und steil, sie erfordert von mir höchste Aufmerksamkeit – vor allem weil nicht nur der Käse, sondern auch der Griff des Caquelons heiss ist. Ob das falsche Fondue tatsächlich leichter ist als das echte, wage ich zu bezweifeln. Sicher ist: Die Kombination von Käse und Milch, serviert mit Kartoffeln, schmeckt hervorragend.

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