25 Jahre beim Schweizerischen Bauernverband, davon 14 als

Direktor: Nein, so schnell räumt Melchior Ehrler seinen

Sessel nicht. Auch in der heimischen Küche in Riniken

AG weicht er kaum von seinem Platz. Warum auch? Vom Kopfende

des Tisches hat er den ganzen Raum unter Kontrolle und sieht

sofort, wer zur Tür hereinkommt. Und beim Kochen oder

Abräumen zu helfen würde nicht viel bringen: Man

müsste dem Mann alles erklären.

Ehrlers Küche hat dem Wohnzimmer den Rang abgelaufen.

Hier trifft man sich und kann essen und trinken, ohne gleich

wieder aufräumen zu müssen. Hier hats am grossen

Esstisch genügend Platz für die Familie und einigen

Besuch. Heute sind die Nachbarin, ihre Tochter und weitere

Kinder da.

Ob es oft vorkommt, dass Freunde vorbeikommen, will ich

von Melchior Ehrler wissen. «Man sagt es», schmunzelt

er, «aber ich bin meistens nicht dabei.» Als Ersatz

für den physisch nicht anwesenden Familienvater kleben

Post-it-Zettelchen mit seinem Konterfei auf der Ablage.

Die Rollen sind bei Ehrlers klar verteilt. In der Küche

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ist Melchior ein Gast, der schätzt, was seine Frau Marianne

ihm auf den Tisch stellt. Er anerkennt ihre Kompetenz auf

diesem Fachgebiet und würde es nicht wagen, sich einzumischen.

Das Interesse für die Details der kulinarischen Welt

geht Ehrler weitgehend ab. Ausser wenn es um das Rohmaterial

geht, das die Bauern produzieren. Jahrelang hat er sich unermüdlich

für sie eingesetzt, ihnen klar gemacht, dass sie umdenken

und von jammernden Subventionsempfängern zu selbstbewussten

Unternehmern werden müssen.

In Ehrlers Haushalt kommen allerdings nur wenige Produkte

aus der einheimischen Landwirtschaft zur Verarbeitung. Politisch

unkorrekt eingekauft? Nein, Marianne Ehrler hat einen derart

grünen Daumen, dass im Garten Kartoffeln, Tomaten, Salate,

Aprikosen, Trauben und vieles mehr prächtig gedeihen.

Die Familie kann sich praktisch selber versorgen. Sogar Schafe

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hatten Ehrlers bis vor ein paar Jahren. Und einen Esel, von

dem im Garten immer noch der Trampelpfad sichtbar ist.

Vorliebe für Wahrschaftes

In Melchior Ehrlers Elternhaus war die Ernährung nur

Mittel zum Zweck. Auf dem gepachteten Bauernbetrieb gabs viel

zu tun, und man musste futtern, um bei Kräften zu bleiben.

«Iss gschwind und gang wider», hiess es. Auf keinen

Fall lange herumhocken und die Zeit totschlagen. Vor allem

aber musste der Teller leer gegessen sein, denn das war die

Voraussetzung für schönes Wetter.

Melchiors Lieblingsmenü gabs immer, wenn man von einem

Spaziergang auf der Ibergeregg Selbergepflücktes nach

Hause brachte: Spaghetti an einer Heidelbeersauce. Noch heute

zählt er währschafte Menüs wie Älplermagronen,

Hafechabis oder Kartoffelstock («Gummelstunggis»)

zu seinen Leibspeisen.

Die Gewohnheit, dem Herrgott die Zeit nicht zu stehlen,

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ist Ehrler bis heute geblieben, steht er doch oft um vier

Uhr morgens auf, um ungestört arbeiten zu können.

Da paaren sich Pflichtbewusstsein und ökonomisches Denken:

«Was ich frühmorgens erledige, kann mir keiner

mehr nehmen.»

Selbstkocher war Ehrler nur gerade während seiner

Studentenzeit. Im belgischen Leuwen, als er sich Kant, Wittgenstein

und anderen Philosophen widmete, war der Tauchsieder das wichtigste

Küchengerät. Und es kam sogar vor, dass er sich

Spaghetti oder eine Suppe zubereitete. Das reichte, um satt

zu werden und nicht allzu sehr vom Denken abzulenken.

Nicht mehr Herr über den Grill

Später, wenn ihn seine Frau mal allein zu Hause gelassen

hatte, versuchte er seinen Kindern Eindruck zu machen, indem

er eine Omelette in der Luft wendete. Kochen als spielerische

Nebenbeschäftigung. Heute machen ihm seine Söhne

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sogar am Gartengrill, der ja in vielen Haushalten den Familienvätern

vorbehalten ist, etwas vor. «Die haben in der Kochschule

schon so viel gelernt, da habe ich keine Chance aufzuholen.»

Melchior Ehrler gibt definitiv in ganz anderen Bereichen

den Ton an. Zum Beispiel im Umgang mit Konflikten. Da konnte

er die Erkenntnisse aus dem Studium im politischen Alltag

umsetzen. «Ich habe gelernt, dass es die absolute Wahrheit

nicht gibt. Das ist eine wichtige Voraussetzung, um zuhören

zu können.» Diese Qualität wird auch in seinem

zukünftigen Job gefragt sein, wenn es darum geht, Regionen

in Entwicklung und Tourismusfragen zu beraten.

Ich schaffe es, Melchior Ehrler dazu zu überreden,

uns ein Dessert zu machen. Es braucht mehrere Anläufe

– aber dann steht er auf und folgt Schritt für Schritt

den Instruktionen seiner Frau. Eine Schürze lässt

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er sich allerdings nicht umbinden. Lieber widmet er sich einem

technischen Detail: dem Deckel der neuen Küchenmaschine.

Stolz verkündet er nach wenigen Minuten, er habe herausgefunden,

wie man ihn schliesse. Die gefrorenen Erdbeeren, den Puderzucker

und den Rahm mittels Knopfdruck zu mixen fordert sicher nicht

das Letzte vom ehemaligen Bauernverbandsdirektor. Aber das

Dessert schmeckt hervorragend. Warum kompliziert, wenns auch

einfach geht?

Wechsel in der Küche

Auf den Küchenseiten des Beobachters ändert das

«Menü»: Ab sofort schreibt hier exklusiv

Röbi Koller. Der Ex-Fernsehmoderator begegnet

jeweils einer Persönlichkeit aus Politik, Wirtschaft,

Kultur, Medien oder Sport in der Küche und guckt dabei

in deren Töpfe. Ganz nach dem Motto: «Sag mir,

wie du isst, und ich sage dir, wer du bist.»

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