Uma heisst in Indien «Göttin der Liebe». Uma ist aber auch ein suahelisches Wort und meint in Ostafrika «Gabel». Das ist zwar weniger poetisch, aber passend für eine Frau, die seit rund 15 Jahren als Orthopädin in Afrika arbeitet und mit Alltag und Küche ihrer zweiten Heimat bestens vertraut ist.

Ich habe Uma Grob in Daressalam, Tansania, besucht. Hier wohnt die Winterthurerin in einem Anwesen mit prächtigem Garten, direkt am Indischen Ozean. Das Wohnhaus ist zugleich ein Hotel mit ein paar wenigen Zimmern, die Uma Grob mit viel Liebe zum Detail mit lokalen Antiquitäten und selbst entworfenen Möbeln eingerichtet hat.

«Doktor Uma», wie sie von den Einheimischen genannt wird, will mir ein Originalrezept aus Tansania vorstellen: Huhn mit Kokosnuss – auf Suaheli «Kuku na nazi». Es ist eines ihrer Lieblingsgerichte. Sie wird es selber zubereiten, ihre Angestellten müssen für einmal zuschauen.

Uma Grob wurde zwar in der Schweiz geboren, ist aber «made in India», wie sie sagt. Das habe in ihr den Wunsch erweckt, in Indien zu leben und zu arbeiten. Doch es kam anders. Nachdem sie sich als frisch gebackene Ärztin bei «Médecins sans frontières» gemeldet hatte, wurde sie nach Simbabwe gesandt, wo eine langjährige Tour durch verschiedene afrikanische Länder begann.

Machete im Kücheneinsatz
Seit 1989 ist Uma Grob in Tansania stationiert und leitet in Daressalam das Muhimbili Orthopaedic Institute (MOI), dessen Gründung auf ihre Initiative zurückgeht. Aber sie hat den Kontakt zur Schweiz nie verloren. Früher verdiente sie ihren Lebensunterhalt als Teilzeitchirurgin in einem Schweizer Spital. Heute ist sie Direktorin des schweizerischen Spitalverbands H+, ebenfalls ein Teilzeitjob, der aber ein intensives Engagement erfordert. «Wegen der beiden Führungstätigkeiten ist mein Terminkalender immer randvoll. Mir bleibt kaum Zeit für persönliche Kontakte.»

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Umso geehrter fühle ich mich, dass sie mir ein wenig ihrer kostbaren Zeit opfert. Ist in einem tansanischen Kochbuch von frischer Kokosnuss die Rede, dann ist das auch so gemeint. Haarig, hart und unwahrscheinlich widerstandsfähig ist diese Frucht im Rohzustand – das weiss jeder, der sie schon mal mit Hammer oder Säge zu knacken versuchte. Umas Koch Nuru beweist uns, dass es einfacher geht: mit ein paar gezielten Machetenhieben.

Das Gerät, das jetzt zum Einsatz kommt, ist eine Art Schemel mit einer gezackten Metallzunge an der Stirnseite, ähnlich einer runden Säge. Umas Adoptivsohn Bruno setzt sich drauf und lässt sich von Mama zeigen, wie man die Kokosnusshälften am Metall reibt, so dass sich das weisse Fleisch in feinen Fasern löst. Das Ding heisst «Mbuzi», auf Deutsch «Ziege», und ich versuche mir vorzustellen, wie es wohl wäre, rittlings auf einer Geiss, und wie sie wohl reagieren würde, wenn man ihre Hörner als Schabwerkzeug benützte.

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Grob pendelt zwischen zwei Welten, deren Gegensätze grösser nicht sein könnten: Aus dem winterlich kalten und kargen Schweizer Mittelland reist sie alle paar Wochen ins üppige, heissfeuchte Tansania.

Letzten Herbst wurde im MOI eine neue Bauetappe eröffnet. Die Gebäude mit den Operationssälen, Labors, Intensivstationen und Krankenzimmern stehen zwar bereit, können aber noch nicht in Betrieb genommen werden. Denn für die medizinische Infrastruktur fehlen rund 1,5 Millionen Dollar in der Kasse. Das bedeutet für Uma Grob, die sich langsam aus dem Projekt hätte zurückziehen wollen, ein weiteres, mindestens fünfjähriges Engagement vor Ort.

Nicht dass sie ungern in Daressalam leben würde – ganz im Gegenteil. Auf die Frage, für welches Land ihr Herz schlage, entscheidet sie sich, ohne zu zögern, für Tansania. Die Liebe ist gegenseitig: Für ihre besonderen Leistungen hat Uma Grob kürzlich das Ehrenbürgerrecht des Landes erhalten.

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Trotz Sonnenschein und Wärme ist das Leben in Tansania hart. Die Infrastruktur lässt oft zu wünschen übrig, Strom und Wasser sind keine Selbstverständlichkeit. Uma Grob musste wie viele andere Bewohner ihres Quartiers eine private Wasserleitung bauen lassen. Zudem kaufte sie sich ein eigenes Aggregat. Nur so kann sie ihren Hotelbetrieb auf einem akzeptablen Niveau führen.

Badewanne mit Meersicht
Im ersten Stock ihres Hauses bewohnt Uma Grob einen privaten Raum plus eine grosse – nein, eine verschwenderisch grosse – Terrasse. «Von hier aus habe ich einen unmittelbaren Blick auf den Indischen Ozean – wenn ich will, sogar von der Badewanne aus. Das ist für mich der schönste Ort der Welt.»

Ihre Mitarbeiterin Philippina hat inzwischen den Tisch gedeckt, den Uma aus einer alten, kunstvoll geschnitzten Tür aus Sansibar bauen liess. So sitzen wir in luftigen Kleidern draussen und geniessen den warmen Abendwind. Ich lobe das vorzügliche Poulet mit Kokosnuss, während «Doktor Uma» darüber sinniert, wie lange sie den Spagat zwischen den beiden Welten noch machen möchte.

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