Das Angebot klingt gut. Stefan Zwickert* hadert mit dem Leben, hat Drogengeschichten hinter sich. Dann hält der 22-jährige Maurerlehrling im vergangenen Sommer einen Zettel in der Hand und liest: «Wir haben uns entschieden, Personen mit Suchtproblemen zu helfen, dafür wurde für uns ein Rehabilitationsbeschäftigungsprogramm entworfen. Ärztliche und therapeutische Fachpersonen unterstützen uns dabei sieben Tage die Woche.»

Verfasser dieser Sätze ist Daniel Illert, Geschäftsführer der Empire Parkett System GmbH in Winterthur mit einer Handvoll Angestellten. Der Briefkopf seiner Firma bezeichnet diese als «Verlege- und Handwerker-Service rund ums Eigenheim» – nebenbei will die GmbH laut Handelsregister «suchtabhängige und suchtkranke Menschen beruflich und sozial rehabilitieren, um sie wieder in den Arbeitsprozess eingliedern zu können».

Die entsprechende Abteilung nennt sich LOS (Leben ohne Sucht). Sie verspricht einen Platz in einer betreuten Wohngemeinschaft, dazu «Ergo-, Gestaltungs-, Ein­zel- und Gruppentherapien» und als Ziel die «Wiedereingliederung in das allgemeine soziale Leben». Lehrling Zwickert, über ein Personalbüro zur Firma gestossen, wittert hier seine Chance auf einen Neuanfang. «Ich war auf Abwege geraten, lebte von meiner Frau getrennt», sagt er heute. «Ich glaubte damals, dieses Programm würde mir helfen, die Lehre abzuschliessen, meine Frau zurückzugewinnen, wieder in ein solides Leben zu finden.»

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Viel Arbeit, wenig Geld, keine Betreuung

Zwickert geht eine freiwillige Beistandschaft ein – im Rahmen von LOS soll ­Illert alle seine «administrativen Arbeiten und finanziellen Angelegenheiten» regeln. Bald zeigt sich: Hinter dem Rehabilitations­programm steckt nicht viel. Zwickert ist vor allem billige Arbeitskraft. Mit den übrigen Angestellten ist er auf Baustellen tätig, nach eigenen Angaben kriegt er dafür 100 Franken die Woche. Von einem Therapieprogramm bekommt er nichts mit. Er wohnt in einer Personalwohnung der Firma, einen Arzt oder eine «therapeutische Fachperson» sieht er nie. «Für mich ging das nicht auf», sagt Zwickert. «Doch wann immer ich aussteigen wollte, hiess es, ich verwirke mir damit die Chance auf ein normales Leben mit meiner Frau. Also blieb ich.»

Derweil versucht Illert, über seinen Verbeiständeten an Sozialhilfegelder zu kommen. In einem Schreiben vom 8. Oktober 2012 wendet er sich an die Gemeinde Goss­au ZH, wo Zwickert damals noch gemeldet ist. «Zurzeit ist Herr Zwickert in der Abt. LOS in einem Beschäftigungsprogramm für eine geregelte Tagesstruktur und Wiedereingliederung in das soziale Umfeld», schreibt Illert. «Um dieses Programm weiterführen zu können, sind wir auf Ihre Unterstützung angewiesen.» Er beantragt für Zwickert rund 3100 Franken Sozialhilfe pro Monat – darunter 1800 Franken für den Platz in der angeblich ärztlich betreuten WG und 500 Franken für ein «Beschäftigungsprogramm für geregelte Tagesstruktur in betreuter Werkstatt».

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Doch in Gossau ist man misstrauisch, will mehr Details. Am 15. Oktober fordert die Sozialabteilung Illert auf, die Betriebsbewilligung für seine Einrichtung, das Therapiekonzept sowie Angaben zu Beschäftigungsprogramm und Trägerschaft nachzureichen. Die zuständige Fürsorgesekretärin hat seither nichts mehr von Illert gehört.

Dafür gibt es Hinweise darauf, dass ­Illert seine Aufgaben als Beistand nicht ­allzu ernst nimmt. Statt Zwickerts finan­zielle Angelegenheiten zu regeln, scheint er Rechnungen und Krankenkassenprä­mien konsequent nicht zu zahlen. Gemäss Zwickerts Betreibungsregisterauszug häufen sich bis Ende 2012 Betreibungen von rund 12'000 Franken an. Der Lehrling weiss davon nichts – Rechnungen und Mahnungen gehen an Illert, seinen Beistand.

Es kommt zur Konfrontation

Ende 2012 hat sich Zwickert mit seiner Frau wieder ausgesöhnt, sie hat sich ebenfalls in Winterthur niedergelassen, die beiden erwarten ein Kind. Da bekommt der junge Maurer Wind vom Gemauschel seines vermeintlichen Gönners. Er stellt ihn zur ­Rede, kündigt die Stelle. In den Wochen darauf schaukelt sich die Situation stetig hoch. Nachdem die beiden mehrmals ­aneinandergeraten, erstattet Zwickert im ­Januar Anzeige, unter anderem wegen Tätlichkeit und Nötigung. Illert lässt das nicht auf sich sitzen. Via seinen Anwalt fordert er Zwickert auf, die Anzeige zurückzuziehen. «Noch ist es dazu nicht zu spät, und ich erlaube mir, Sie daran zu erinnern, dass Sie bald Vater werden», schreibt der Anwalt. Um anzufügen: «Wollen Sie Ihre Situation und damit auch diejenige Ihrer Familie wirklich noch verschlimmern?»

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Daniel Illert ist für eine Stellungnahme zu den Vorwürfen nicht erreichbar, spielt offensichtlich auf Zeit. An einem Tag lässt sein Stellvertreter ausrichten, er sei an ­einem Seminar; tags darauf teilt seine Frau mit, er sei operiert worden und arbeitsunfähig – an beiden Tagen jedoch sieht ein Zeuge Illert in seinem Büro sitzen. Schliesslich bietet sein Anwalt ein Treffen an; allerdings erst nach seinen Ferien.

Illert ist in Winterthur kein Unbekannter: Bereits im Jahr 2006 berichteten der Beobachter und der «Landbote» über Unregelmässigkeiten im Zusammenhang mit LOS-Teilnehmern. Die Sozialen Dienste Winterthur hatten Illert im Verdacht, Sozialhilfegelder von Klienten abzuzweigen. Da er sich weigerte, seine Buchhaltung ­offenzulegen, beschloss die Behörde, seine Firma weder als Arbeitsintegrationsprojekt noch als Therapieplatz anzuerkennen. «Seine Institution ist eine selbsternannte Therapieeinrichtung, die wir nicht unterstützen können», sagt Daniela Moro von den Sozialen Diensten.

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In Fachkreisen ist Illerts Abteilung «Leben ohne Sucht» völlig unbekannt. In der Datenbank der vom Bund eingesetzten Koordinationsstelle Infodrog fehlt sie, ebenso im Verzeichnis der Sozial- und Drogen­hilfeeinrichtungen mit kantonaler Beitragsberechtigung des Kantons Zürich. Bei der Fachstelle Integrierte Suchthilfe Winterthur kennt man sie vage dem Namen nach, beim Sozialdienst Gossau, wo Illert für Zwickert Sozialhilfe beantragt hatte, nicht einmal das. Und der als «Vertrauensarzt» aufgeführte Winterthurer Psychiater kann auch nichts zur Funktionsweise der Institution sagen. «Ich werde hin und wieder zwar zur Empire GmbH gerufen, aber das ist selten, und ein offizielles Mandat als Vertrauensarzt habe ich nicht», sagt er.

«Rechtlich nichts einzuwenden»

So dubios das alles klingt: Illert, der regelmässig zwei bis drei Angestellte mit Drogenvergangenheit beschäftigt, ist schwer zu stoppen. «Seine Klienten sind mündige und handlungsfähige Personen, denen es freigestellt ist, die Verwaltung ihrer finan­ziellen Obliegenheiten einer Drittperson zu übertragen», sagt Daniela Moro von den Sozialen Diensten Winterthur. «Rechtlich ist dagegen nichts einzuwenden.»

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Stefan Zwickert hat es geschafft, von LOS loszukommen, er hat eine neue ­Lehrstelle, hat Zukunftspläne. Aber auch Sorgen: «Illerts Schikanen halten bis heute an, der damit verbundene Stress setzt ­meiner schwangeren Frau stark zu», sagt er. Seit Anfang April liegt die junge Frau im Spital.

*Der Name wurde auf Wunsch des Protagonisten nach mehreren Jahren nachträglich anonymisiert. Er ist der Redaktion bekannt.