Tabea R.: «Meine Eltern akzeptieren mich noch heute nicht. Ich kann machen, was ich will, es genügt nicht. Und so vieles, was ich als Kind gebraucht hätte, konnten sie mir nicht geben. Was soll ich tun?»

Die Beziehung zu den Eltern ist eine der wichtigsten Beziehungen überhaupt – und nicht selten eine ganz schwierige. Die Erfahrungen, die wir in der Kindheit in der Familie gemacht haben, prägen uns das ganze Leben lang.

Jeder erinnert sich an Situationen in seiner Kindheit, wo er sich von den Eltern unfair behandelt oder ungeliebt fühlte. Wenn solche Verletzungen an der Tagesordnung waren, bleibt oft das Gefühl zurück, nichts wert zu sein, nicht erwünscht zu sein, nichts richtig zu machen. Man traut sich dann wenig zu – und tut alles, um geliebt zu werden.

Wer immer wieder hören musste «Pass auf, das kannst du nicht!» oder «Mach es anders!», reagiert oft auch noch im Erwachsenenalter hochsensibel in Situationen, in denen er beurteilt wird. Er ist vielleicht angepasst und brav – oder lehnt sich intensiv auf. Sowohl Anpassung als auch Rebellion sind Zeichen von Unfreiheit.

Anzeige

Zu Beginn ist das Kind existenziell abhängig von den Eltern und tut vieles für deren Liebe und Aufmerksamkeit. Es strengt sich an, um zu gefallen, wahr­genommen zu werden oder aus Angst vor Ablehnung. Pubertät und Nachpubertät sind die typischen und wichtigen Zeiten, in denen diese Abhängigkeit gelöst wird, nicht selten in Form der Revolte: Eltern sind in den Augen der Teenager manchmal sogar «unzurechnungs­fähig», und sie stören nur noch im Wunsch, das Leben selber bestimmen zu können. Die Aufgabe im Jugend- und jungen Erwachsenenalter ist es, die eigenen Werte und Regeln zu finden. Eltern wiederum sind gefordert, die Kinder je länger, je mehr loszulassen.

Verharren in der Kinderrolle

Die Beziehung zwischen Eltern und Kind sollte sich also mit der Zeit in eine Beziehung zwischen Erwachsenen verwandeln. Sie ist gleichberechtigt, wenn keiner den anderen grundsätzlich abwerten oder bevormunden muss oder absolut für sein Überleben benötigt. Der Weg dazu ist die Ablösung, der Schritt in die Selbständigkeit, sowohl was Entscheidungen und Handlungen als auch die emotionale Unabhängigkeit betrifft.

Anzeige

Nicht allen Eltern gelingt die Balance zwischen Begleiten und Loslassen gleich gut. Sei es, weil sie dem Kind zu wenig zutrauen, es als Beziehungsersatz benötigen, nicht bemerken, was es braucht, oder weil sie aus lauter Angst das Kind um jeden Preis beschützen wollen. Vielleicht bringt auch der junge Mensch den Mut nicht auf, sich von Vorstellungen und Werten der Eltern zu lösen, Entscheidungen zu treffen, für diese einzustehen und Konflikte aus­zuhalten. Wer Vorwürfe macht oder verzweifelt versucht, das zu bekommen, was die Eltern nicht so geben konnten, wie man es brauchte, verharrt an sich in der Rolle des Kindes und hindert sich selbst daran, den eigenen Weg zu gehen.

Verstehen hilft, Frieden zu schliessen

Um sich zu lösen, braucht es eine Auseinandersetzung mit den Eltern und die Entscheidung, das Leben selber in die Hand nehmen zu wollen.

Anzeige
  • Auch wenn es schmerzt: Versuchen Sie anzunehmen, dass Sie das, was Sie zu erhalten hofften, nicht erhielten und vielleicht auch nicht (mehr) erhalten werden. Menschen ändern sich nicht einfach so. Zu erwarten, was man nicht erhalten kann, schmerzt, da man immer wieder enttäuscht wird.

  • Geben Sie sich selbst, was Sie brauchen. Seien Sie stolz auf sich. Für das, wofür Sie sich entschieden und was Sie getan haben. Als Erwachsene haben Sie die Möglichkeit.

  • Wir haben die Eltern, die wir haben. Betrachten Sie Ihre Eltern aus der Sicht der Erwachsenen. Wer waren und sind sie? Auch sie sind individuelle Menschen mit ihrer eigenen Geschichte, mit Wünschen, Hoffnungen, Enttäuschungen. Was haben sie Ihnen mitgegeben, und was konnten sie nicht geben? Warum? Verstehen hilft, Frieden zu schliessen.

Buchtipps

Beate Scherrmann-Gerstetter, Manfred Scherrmann: «Endlich in Frieden mit den Eltern und frei für das eigene Leben»; Verlag Kreuz, 2012, 180 Seiten, CHF 24.90

Ulrike Dahm: «Mit der Kindheit Frieden schliessen. Wie alte Wunden heilen»; Verlag Schirner, 2011, 188 Seiten, CHF 16.90

Anzeige