Balguissa, Mamoudou und Issa sehen zu, wenn Natalie Burlet abends am Küchentisch «das Büro macht»: Termine organisieren, Briefe aufsetzen, Newsletter schreiben. Darin geht es um Geschichten wie jene von Balguissa, Mamoudou oder Issa, die von der Fotowand her in die kleine Wohnung in Dättwil AG strahlen. Hier lebt die 33-Jährige ihr gewöhnliches Leben: voll berufstätig als Fachfrau für Radiologie am Kantonsspital Baden, daneben alleinerziehende Mutter der knapp sechsjährigen Nisrine. «Sie hat Energie, Energie, Energie», sagt Burlet und zieht vielsagend die Augen zu den Brauen hoch, in denen ein Piercing steckt. Heisst: eigentlich nochmal ein Fulltimejob.

Was hat da noch Platz daneben? Nichts weniger als ein eigenes Hilfswerk. Eines, das Kindern wie Balguissa, Mamoudou und Issa Perspektiven ermöglicht, die sie sonst nicht hätten.

Natalie Burlet führt über einen privaten Verein seit sieben Jahren das Projekt «Sourire aux Hommes», das in Burkina Faso zwei Waisenhäuser betreibt (siehe folgende Seite). Das hat einiges mit ihrer Biografie zu tun. Burlet wuchs zweisprachig auf, verbrachte die Kindheit zeitweise auch in Kuwait, Kanada und den USA. «Mein Blick ging schon immer über die Grenzen hinaus», sagt sie. Reisen wurden zur Leidenschaft der jungen Frau, und das nicht für Strandferien an der Adria, sondern für Trips nach Indien oder Äthiopien.

Malaria, Infekte, Unterernährung

2005, zum Abschluss der Berufsausbildung, kam Burlet für ein Praktikum ins Kinderspital von Ouahigouya im Norden Burkina Fasos. Eine Radiologieabteilung sollte sie aufbauen, doch weil sich das dortige Röntgengerät schlicht als unbrauchbar erwies, packte die damals 24-Jährige kurzerhand als Krankenschwester mit an. Es wurde zur «grössten Schule meines Lebens»: Hunderte von Kindern mit Malaria, mit schweren Infekten, gezeichnet von Unterernährung, kamen zu ihr in die Pflege – «ein täglicher Kampf gegen die Hoffnungslosigkeit».

Für die zweijährige Koulsouma gab es keine Hoffnung mehr. Obwohl fast Tag und Nacht umsorgt, starb das schwer mangel­ernährte Mädchen in den Armen von Natalie Burlet. Kurz davor gab die Schwester aus der Schweiz Koulsouma das Versprechen, sich dafür einzusetzen, dass künftig nie mehr ein Kind aus Burkina Faso ein solches Schicksal erleidet. «Das hört sich vielleicht naiv an», sagt sie heute, «aber ich meinte es ganz genau so.»

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Ziemlich viel Dramatik! Doch die zierliche Frau mit der schwarzen Mähne erzählt es so beiläufig, als ginge es um den letzten Coiffeurbesuch. Natalie Burlet macht kein Aufhebens um ihre Person. Hält sie denn ihr ehrenamtliches Engagement, für das sie im Alltag auf einige Annehmlichkeiten verzichtet, für selbstverständlich? Sie re­agiert erstaunt: «Aber natürlich! Man muss diesen Kindern doch helfen.»

Allerdings: «Damals hatte ich noch keine Ahnung, wie ich mein Versprechen einlösen könnte.» Durch einen Zufall – ein leerstehendes, zur Miete ausgeschriebenes Haus – sowie 6000 Franken Startkapital aus dem eigenen Sack wuchs der konkrete Plan, gemeinsam mit ihrer Freundin Nina Werfeli ein Waisenhaus aufzubauen. «Du spinnst», hörte Burlet aus ihrem Umfeld allenthalben. Widersprochen hat sie nicht.

Noch ein Merkmal: Natalie Burlet ist ein Bauchmensch und geht wenn nötig auch mal ein Risiko ein. So war es auch, als sich im letzten Jahr die Möglichkeit ergab, in Ouahigouya ein Haus zu kaufen – eine einmalige Gelegenheit, um das unsichere Mietverhältnis abzulösen. «Als wir zugesagt haben, war das Geld dafür noch nicht einmal auf unserem Konto», erzählt sie schmunzelnd. Das Bauchgefühl war verlässlich. Alles klappte reibungslos, seit diesem Februar ist das neue Waisenhaus bezogen.

«Wem vertrauen? Was ist Korruption?»

Geholfen hat bei alledem die Erfahrung an vorderster Front. Die Erfahrung, wie Afrika tickt. Die Anfänge waren für die jungen Frauen aus der geordneten Schweiz ein Sprung ins kalte Wasser. Als 2007 der Betrieb aufgenommen wurde, schickte das örtliche Sozialamt schon am Eröffnungstag 16 Kinder ins Haus – da lernt man improvisieren. «Man kann nicht mit schweizerischen Vorstellungen kommen und denken, dass es so schon klappt», sagt Burlet. Erst hätten sie herausfinden müssen: Wem kann man vertrauen? Wie funktioniert der Staat? Und was ist reine Korruption?

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Inzwischen ist der Wechsel zwischen den Kulturen Routine. Auch in der Heimat läuft es rund, die Spenden fliessen erfreulich. Einen Aufschwung brachte Ende 2013 Natalie Burlets Nomination für den Award «Aargauer/-in des Jahres». Zum Sieg reichte es knapp nicht, das öffentliche Echo war aber so reichlich wie wohlwollend: Ihr Engagement komme «von Herzen», sie sei «ausdauernd», «mutig». Burlet selber würde «authentisch» hinzufügen – weniger für sich selber als für ihr Hilfswerk. Ihr ist es ein Anliegen, die Kinder in Burkina Faso nach traditionellem Muster und durch Einheimische zu erziehen, nicht aus einer europäischen Optik heraus. So hat etwa ein burkinischer Geschichtenerzähler seinen festen Platz im Betreuerteam.

Parallel zum Projekt sind auch die Mädchen und Buben gewachsen – die Bedürfnisse verschieben sich. Zunehmend wichtig wird die Ausbildung, auch durch externe Betreuung von älteren Jugendlichen, die das Haus bereits verlassen haben. «Sourire aux Hommes» will darauf mit der Schaffung von Ausbildungspatenschaften reagieren. Dabei hat man es mit einer durchaus anspruchsvollen Klientel zu tun: «Unsere Kinder wissen, dass sie gegenüber Gleichaltrigen in Burkina Faso einen Chancenvorteil haben, und den wollen sie nutzen», sagt Burlet. «Sie haben ganz konkrete Vorstellungen, was sie werden wollen.» Vor allem die Mädchen seien extrem zielstrebig; hoch im Kurs steht bei ihnen etwa Gynäkologin. Ein Segen für ein Land, in dem jede siebte Frau beim Gebären stirbt.

«Sie würden nicht überleben»

Gibt es Momente, in denen Natalie Burlet alles über den Kopf wächst? Die Antwort ist die einer Mutter. «Es ist wie beim eigenen Kind: Anstrengend – aber wenn man mal Ja dazu gesagt hat, kann man sichs nicht mehr anders vorstellen.» Die Verantwortung ihren burkinischen Kindern gegenüber lassen den Gedanken an freiwilliges Aufhören gar nicht erst zu. «Gäbe es unsere ‹Inseln› nicht mehr, würden sie nicht überleben.»

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Zuvor hat sie in einem Nebensatz erzählt, wie Balguissa, Mamoudou, Issa und all die anderen sie ansprechen, wenn sie jeweils ein paar Wochen im Jahr in Ouahigouya zu Besuch ist: «Sie sagen ‹Mami› zu mir.» Man weiss jetzt, weshalb.

Das Hilfswerk «Sourire aux Hommes»

  • Das Hilfsprojekt, auf Deutsch «Lächeln für die Menschen», ist in der Stadt Ouahigouya im west­afrikani­schen Burkina Faso ansässig, einem der ärmsten Länder der Welt. Es besteht aus zwei «Îles du Bonheur» («Glücksinseln»): ein Haus für Kinder bis drei Jahre (seit 2010), das andere für die grösseren bis etwa 18 Jahre.

  • Die Zuweisungen erfolgen durch das lokale Sozialamt. Vermittelt werden Kinder, die keinen Unterschlupf in einer Familie finden oder vernachlässigt und misshandelt wurden. In den beiden Häusern finden maximal 50 Kinder und Jugendliche ein Zuhause. Hier bekommen sie, was ihnen aufgrund ihrer schlechten Startbedingungen sonst verwehrt bliebe: Schulbildung, medizinische Versorgung, gesunde Ernährung.

  • Ein wichtiges Standbein des Projekts ist seine Funktion als Arbeitgeber: Die Waisenhäuser beschäftigen gut 20 einheimische Mitarbeitende (Lehr-, Wach- und medizinisches Personal) zu einem fairen Lohn. Auch Ausbildungsplätze werden angeboten.

  • Als Träger fungiert der gemein­nützige Verein «Association Sourire aux Hommes», gegründet 2007 von Natalie Burlet, ihrer Mutter Annette Reymond und Nina Werfeli. Die Finanzierung erfolgt vollumfänglich über private Spenden. Pro Jahr kommen um die 160'000 Franken zusammen.

www.sourire-aux-hommes.ch