Peter F.: «Mein 17-jähriger Sohn hat 120 Freunde – auf Facebook. Für mich verdienen sie diesen Namen nicht. Ich hatte während der ganzen Volksschulzeit denselben Freund, der im Haus gegenüber wohnte. Wir gingen zusammen durch dick und dünn. Ist die Zeit echter Freundschaften heute vorbei?»

Nein, das ist sie nicht. Ich bin mir sicher, dass auch Ihr Sohn, wenn Sie ihn nach seinen wirklichen Freunden fragen, nur wenige nennen wird. Sicher hält er mit diesen auch über Facebook Kontakt, aber nicht alle dortigen Kontakte sind wirklich Freunde.

Menschen brauchen auch heute Freunde, echte Freunde. Bereits Kinder benötigen sie für eine gesunde Entwicklung. Im Vorschulalter ist allerdings bereits ein Freund, wer attraktive Spielsachen hat. Allmählich lernen aber Kinder, sich ineinander einzufühlen, Konflikte zu lösen und sich gegenseitig zu unterstützen. Freundschaften werden in der Pubertät nochmals reifer und bleiben auch im Erwachsenenalter ein wichtiges Element. Ohne Freunde fühlen sich die meisten Menschen irgendwann nicht mehr sozial integriert, selbst die Gesundheit kann darunter leiden. Wer Freunde hat, fühlt sich sicherer und der Welt grundsätzlich besser gewachsen. Von einer anderen Person geschätzt zu werden stärkt das Selbstwertgefühl. Freunde können uns in schwierigen Situationen tatkräftig unterstützen, sie helfen uns bei Entscheidungen und sind Zuhörer, denen wir vertrauen. Wenn wir jemandem erzählen können, was wir erleben, oder wenn wir beim Erleben an jemanden denken können, dem wir davon erzählen werden, stärkt das unsere Identität. Wir brauchen zumindest einen Zeugen unseres Lebens. Erst wenn sich keiner im Geringsten für uns interessieren würde, wären wir einsam.

Freundschaft ist freiwillig

Drei Elemente charakterisieren Freundschaften: Im Unterschied zu verwandtschaft­lichen Beziehungen sind sie freiwillig. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen aus­serdem, dass Freundschaften nur entstehen, wenn ein gewisses Mass an Gleichheit oder Ähnlichkeit da ist: gemeinsame Interessen, ähnliche Herkunft, ähnliche Moralvorstellungen. Gibt es zu viele Unterschiede, fehlt der Gesprächsstoff oder es entstehen zu viele Konflikte. Schliesslich ist das dritte notwendige Element ein Gleichgewicht. Geben und Nehmen müssen langfristig einigermassen ausgeglichen sein. Die Freundschaftsbeziehung muss allen Beteiligten etwas bringen, und keiner darf einseitig davon profitieren wollen.

Oft wird diskutiert, ob es besser sei, eine beste Freundin oder einen besten Freund zu haben oder viele Freunde. Weder noch, haben die US-Forscher Shigehiro Oishi und Selin Kesebir mit einer Befragung von 200 Personen herausgefunden. Es kommt auf die Umgebung an. Auf dem Land und in ärmeren Regionen fühlen sich die Leute glücklicher, wenn sie wenige, sehr nahestehende Freunde haben, in städtischer Umgebung und mit zunehmendem Wohlstand macht eine grössere Gruppe weniger enger Freunde zufriedener. Eine andere Studie zeigt, dass Frauen häufiger mehrere gute Freundinnen haben und Männer eher einen dicken Kumpel und daneben mehrere Kollegen. Frauen nutzen Freundschaften eher zu Gesprächen und zum Erfahrungsaustausch, Männer unternehmen eher etwas zusammen.

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Vertrauensbruch als Trennungsgrund

Natürlich müssen Freundschaften gepflegt werden. Wenn aber beide Seiten von der Beziehung profitieren, geschieht dies wie von selbst. Der Gewinn durch die Freundschaft hält diese am Leben. Trotzdem werden lebenslange Freundschaften von der Kindheit bis ins Alter seltener. Viele lösen sich schmerzlos und automatisch, weil sich die Freunde auseinanderleben, den Beruf, den Wohnort ändern oder eine Familie gründen. In unserer hypermobilen Gesellschaft geschieht das öfter als früher. Eine bewusste Entscheidung, eine Freundschaft zu beenden, ist meist die Folge eines Vertrauensbruchs.

Um Freunde zu finden, muss man übrigens nicht weit suchen. Eine Studie der Universität Leipzig zeigt, dass Freundschaften nicht durch Planung und Willensentscheidungen entstehen, sondern in der Regel ganz einfach dadurch, dass man sich häufig begegnet, also am Arbeitsplatz, beim Hobby, in Vereinen und Kursen.