Normaler­weise machen sie Witz­chen über ihre ­Gebrechen. Oder sie reden über das Wetter wie über einen alten Kauz, für dessen Marotten man Verständnis haben muss. Oder sie schweigen, freundlich lächelnd. Sie sind ganz normale Senioren. Da­rüber, wie wir Jüngeren mit ihnen umspringen, reden Ruth Trevisan, Agnes Monhart und Arman­do Andreani eigentlich nicht. Erst wenn man mehrmals nachfragt, erzählen sie von ­ihrem Schmerz. Als sei er etwas Unanständiges, eine Unhöflichkeit den Jun­gen gegenüber. Und plötzlich wird einem beim Zuhören un­behaglich.

Beobachter: Frau Trevisan, Frau Monhart, Herr Andreani, wir sitzen hier im Mehrzweckraum des Altersheims St. Peter und Paul in Zürich. Sie leben hier. Fühlen Sie sich auch zu Hause?

Ruth Trevisan: Nein. Aber was will man machen?
Armando Andreani: Die wenigsten alten Men­schen können sich dagegen wehren, ins Altersheim abgeschoben zu werden. Das blüht irgendwann den meisten. Dagegen ist man hilflos.

Beobachter: Fühlt man sich als alter Mensch oft so: hilflos, ohnmächtig?
Andreani: Es wird über einen verfügt, so ist das im Alter.
Trevisan: Genau. Und die draussen meinen, wir haben hier im Heim alles, uns gehe es hier drin gut. Aber die Liebe und die Geborgenheit, die wir zu Hause bei uns noch hatten, die hat man hier nicht. Als mein Arzt mir sagte, ich solle besser ins Altersheim, habe ich als Erstes gesagt: Nein, das will ich nicht, das will ich nicht, ich will noch zu Hause bleiben.
Andreani: Seit meinem Schlaganfall kann ich mein Leben nicht mehr selbst kontrollieren. Je mehr Altersgebrechen man hat, umso mehr Kontrolle muss man abgeben. Das fühlt sich grässlich an, ich kann das nicht erklären. Es ist normal in unserer Gesellschaft, dass die Alten die Kontrolle über ihr Leben abgeben und ins Heim müs­sen. Niemand denkt über andere, bessere, erträglichere Modelle nach. Dass es heute so viele Altersheime voll einsamer Menschen gibt, ist doch krank.

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Beobachter: Das Thema beschäftigt auch uns Junge: Wohin mit den alten Menschen, wer soll sie pflegen?
Andreani: Man macht so ein Theater um die Pflege, um das Wohnen der alten Menschen. Dabei gehören die Alten und die Jungen doch zusammen. Die Jungen sollten schauen für uns.

Quelle: Jos Schmid

Ruth Trevisan, 85, verwitwet, hat eine Tochter, zwei Söhne und zwei Enkel. Sie war nie nur Hausfrau, arbeitete zusätzlich als Floristin, später als Papeterieverkäuferin. 2006 zog sie ins Heim, obwohl sie noch viel allein machen kann. Sie geht zum Beispiel jeden Tag mit einer anderen Bewohnerin spazieren. Kürzlich bezog auch ihr Freund ein Zimmer im Heim. Nach dem Spaziergang bleibt sie bis zum Abend bei ihm. Er ist depressiv, meist liegt er im Bett. Aber nachmittags kauft er sich im Speisesaal ein Sandwich. «Das teilen wir uns dann.» Fragt man Ruth Trevisan nach ihrem grössten Wunsch, sagt sie, nicht mehr im Heim leben zu müssen.

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Beobachter: Sollten Alte und Junge zusammen wohnen?
Andreani: Sicher! Die alten Leute dürfen nicht ins Heim. Ich bin gegen das Altersheim an sich, gegen die Institution Altersheim, gegen die Idee, dass Alt und Jung voneinander getrennt sind.

Beobachter: Haben Sie denn Ihre Eltern gepflegt?
Andreani: Ich habe meine Mutter gepflegt. Bis sie gestorben ist. Ich bin dafür extra nach Italien gefahren, sie lebte in Como. Ich habe immer zu ihr geschaut. Bis ich meinen Schlaganfall hatte und ins Heim musste. Drei Wochen lebte ich jeweils bei ihr, dann drei Wochen in der Schweiz. Hin und her, mehr als zwanzig Jahre lang.
Trevisan
: Auch ich habe meine Mutter bis zu ihrem Tod gepflegt. Sie lebte bei mir. Früher haben die Kinder sich um die Eltern gekümmert. Mein Mann war Italiener, er war sehr kinderfreundlich. Die Familie war das Wichtigste. Wir haben drei Kinder. Wir haben für sie geschaut, bis sie geheiratet haben. Ihnen immer geholfen. Für uns war das selbstverständlich. Für die Jun­gen ist es das nicht mehr. Die Alten werden abgeschoben. Das ist nicht in Ordnung.

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Beobachter: Hätten Sie erwartet, dass eines Ihrer Kinder Sie zu sich nimmt und pflegt?
Trevisan: Irgendwie schon. Aber ich weiss ja auch, dass sie keine Zeit haben.

Beobachter: Verstehen Sie, wenn Jüngere heute ihre Eltern nicht mehr zu Hause pflegen wollen?
Andreani
: Im Kopf verstehe ich das schon. Im Herzen nicht.
Agnes Monhart: Sie wollen einfach lieber frei sein.

Beobachter: Wo würden Sie Ihren Lebensabend denn gerne verbringen, wenn nicht im Heim?
Andreani: Ich stelle mir ein Haus mit mehreren Generationen vor, mit Menschen, die solidarisch denken. Die einander wertschätzen.
Trevisan: Wir bauen Mehrgenerationenhäuser – das versprach man uns. Aber es ist fast nichts gegangen in diese Richtung.

Beobachter: Es heisst, die immer älter werdende Bevölkerung sei eine der grössten Herausforderungen für die Zukunft. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie das hören?
Trevisan: Die Jungen sehen das Alter immer nur als grosses Problem. Eigentlich könn­ten sie von uns Alten profitieren. Wir könn­ten viel erzählen, wir haben viel erlebt. Aber es interessiert sich niemand für das, was wir weitergeben könnten.

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Beobachter: Tut das weh?
Trevisan: Wehtun – das ist vielleicht ein zu grosses Wort. Manchmal ist es einfach traurig. Wir sind nicht wertlos.

Beobachter: Geben die Jüngeren Ihnen das Gefühl, wertlos zu sein?
Trevisan
: Es herrscht zu wenig Neugier auf uns Alte. Die Jungen denken nur an sich, zu­erst kommen sie. Wir Alten müssen warten.
Andreani: Man nimmt uns zu wenig ernst. Aber das ist ein allgemeines Problem: In dieser Gesellschaft nehmen Men­­schen einander generell zu wenig ernst.

Beobachter: Was meinen Sie genau?
Andreani: Es ist schwer, das zu beschreiben. Es sind kleine Dinge, die immer und überall im Alltag vorkommen, in den unterschiedlichsten Formen. Man hat keine Zeit für die alten Leute, es geht alles schnellschnell. Ich habe seit meinem Schlaganfall Mühe mit dem Sprechen, brauche Zeit, wenn ich etwas sage. Aber zum Beispiel das Personal hier im Heim hat diese Zeit öfters eben nicht. Draussen ist es noch schlimmer.

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Quelle: Jos Schmid

Armando Andreani, 67, ledig, kinderlos. Früher arbeitete Andreani als Balletttänzer, unter anderem am Stadttheater Bern. Seit einem Schlaganfall vor einem Jahr lebt er im Altersheim St. Peter und Paul. Er braucht einen Rollstuhl, das Sprechen fällt ihm schwer. Jeden Morgen kommt ein Freund zu Besuch und nimmt ihn in ein nahegelegenes Café mit. Den Rest des Tages hört Armando Andreani in seinem Zimmer klassische Musik oder er geniesst die Stille. «Manchmal kommt mir dann der Gedanke, dass ich als alter Mann nicht mehr auf diese Welt gehöre, dass ich einfach vorbei bin.»

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Beobachter: Wir Jungen machen uns Sorgen um unsere AHV, weil es immer weniger Junge und immer mehr Alte gibt. Können Sie das nachvollziehen?
Monhart: Was mich stört, ist, dass viele meinen, man sollte bei den Alten runter mit der Rente. Aber wir haben gekrampft bis zum gesetzlich vorgeschriebenen Alter. Es gibt viele Junge, die zu faul sind, eine Lehre zu machen, die jetzt arbeitslos sind. Da sind wir Alten ja nicht schuld dran, oder?

Beobachter: Ihre Generation ist die letzte, die noch keine Angst haben musste vor Arbeitslosigkeit. Die Wirtschaft prosperierte, die Renten waren gesichert. Die Jungen heute können von dieser Sicherheit nur träumen.
Monhart: Früher hatte man eine sichere Stelle, das stimmt. Wir verdienten aber auch viel weniger, mussten mit viel weniger zufrieden sein.

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Beobachter: Sie finden nicht, dass Ihre Generation die letzte ist, die es noch richtig gut hatte?
Andreani: Nein.
Trevisan: Wir hatten auch unsere Unsicherheiten, unsere Ängste. Ständig mussten wir uns Sorgen machen um das Geld, das immer fehlte. Das Leben damals war entbehrungsreicher als heute.

Beobachter: Frau Trevisan, Sie haben Kinder und Enkel. Reden Sie mit ihnen über solche Themen?
Trevisan: Wenig. Die Enkel sind noch klein. Und die Kinder kommen mich nicht so häufig besuchen. Das heisst, die Tochter kommt oft, alle zwei Wochen. Die Söhne kommen fast nie. Die machen vorwärts, eine Lehre, nach der Lehre eine Weiterbildung. Dann noch mal etwas und noch mal etwas. Damit sie ein paar Franken mehr verdienen. Sie arbeiten am Abend und in der Nacht. Kürzlich hat mir meine Tochter gesagt, dass auch sie nicht mehr so oft kommen kann. Sie ist Filialleiterin geworden. Sei doch stolz, hab ich gesagt, mach dir kein schlechtes Gewissen.

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Beobachter: Wie möchten Sie von der jüngeren Generation behandelt werden?
Monhart: Ich wünschte mir, dass die Jungen etwas netter sind mit den Alten. Ein paar nette Worte wären schön. Wenn man sich auf der Strasse begegnet, könnte man sich grüs­sen. Nur ein nettes Wort, das hilft uns.

Beobachter: Haben Sie eigentlich viel Kontakt zu jüngeren Leuten?
Trevisan: Nein.
Andreani: Ich auch nicht.
Monhart: Wie auch? Ich komme fast nie aus dem Haus.

Beobachter: Woher wissen Sie dann so genau Bescheid, wie die Jungen sind?
Andreani: Ich weiss, worauf Sie jetzt hinauswollen. Sie wollen uns Alten die Schuld geben, dass es nicht mehr so richtig funk­tioniert zwischen den Jungen und den Alten. Aber es gibt keinen Schuldigen. Die Welt hat sich verändert. Nichts ist mehr gleich, die Jungen sind ganz anders als früher, haben andere Ziele.
Trevisan: Man muss Verständnis haben für die Jungen, sonst verliert man sie ganz. Meine Söhne habe ich schon verloren.

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Beobachter: Herr Andreani, Sie haben gerade gesagt, dass es zwischen den Generationen nicht mehr gut funktioniert. War das früher anders?
Andreani: Es gibt zwar heute noch Solidarität, aber früher gab es mehr davon.
Trevisan: Etwas ist zerbrochen. Die Jungen entfernen sich je länger, je mehr von den Alten. Sie sind so beschäftigt. Sie sind irgendwie getrieben. Und in dieser Getriebenheit, in ihrem Stress haben sie das Interesse an uns verloren.

Quelle: Jos Schmid
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Agnes Monhart, 85, verheiratet, kinderlos. Vor zwei Jahren zog ihr Mann ins Altersheim, er hat­te Alzheimer. Sie wollte ihn nicht allein lassen und ging mit ins Heim. «Von morgens bis abends bin ich mit mei­nem Mann zusammen. Es ist sehr anstrengend.» Früher nahm die einstige Büroangestellte ihre Mahlzeiten noch im Speisesaal ein, zusammen mit den anderen. Seitdem ihr Mann sie bat, auch mittags und abends bei ihm zu bleiben, sieht sie nur noch wenige Leute. Auf die Frage, ob ihr die Gemeinschaft nicht fehle, sagt sie: «Wissen Sie, ich habe nicht mehr so einen grossen Lebenswillen. Da ist vieles nicht mehr so wichtig. Und er braucht mich.»

Beobachter: Haben Sie manchmal das Gefühl, den Jüngeren eine Last zu sein?
Trevisan: Ich weiss nicht, ob ich für meine Kinder eine Last bin. Ich weiss einfach, dass sie nicht kommen, aber warum, das weiss ich nicht.
Monhart: Ich muss meinen Mann pflegen, ich habe zum Glück keine Zeit, darüber gross nachzudenken.

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Beobachter: Ihr Mann, Frau Monhart, ist dement. Hat man im Alter Angst vor Demenz?
Monhart: Ich habe erst dran gedacht, als mein Mann sie bereits hatte.
Andreani: Man denkt sonst nicht daran.
Trevisan: Ich hab schon etwas Angst davor.

Beobachter: Welche Themen sind wirklich wichtig im Alter, aus Ihrer Sicht?
Andreani: Einsamkeit. Ich kann leben mit ihr, aber die meisten leiden darunter.
Trevisan: Einsamkeit ist das Schlimmste im Leben. Darüber müsste man viel mehr sprechen, die Einsamkeit der Alten.

Beobachter: Ist es schlimm, alt zu werden?
Trevisan: Ich habe im Alter auch noch Diabetes bekommen. Jetzt darf ich ganz vieles nicht mehr essen. Keine Weintrauben mehr, keine Mandarinen. Alles, was ich früher so gern hatte, ist verboten. Alt werden ist schwer.
Andreani: Das muss nicht unbedingt sein. Bei dir ist es jetzt schwer, aber bei jemand anderem ist es vielleicht leicht. Für mich ist es nicht schwer.
Monhart: Es ist so, wie wir drei das jetzt ­öfters gesagt haben: Wir bräuchten mehr Zuwendung, dann wäre es einfacher auszuhalten.
Trevisan: Ja, die Wärme fehlt.

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Beobachter: Sie reden viel von fehlender Liebe und Wärme – fehlt Ihnen auch die Berührung, werden Sie im Alter eigentlich noch umarmt?
Trevisan: Mein Freund liegt ständig im Bett.
Monhart: Mein Mann auch, da kann man nicht mehr viel verlangen.
Andreani: Ich bin schon lang nicht mehr umarmt worden.
Trevisan: Ich auch nicht. Ich vermisse das sehr. Vieles, was man früher als selbstverständlich hinnahm, ist es heute nicht mehr. Erst jetzt merkt man, wie wertvoll das war.

Beobachter: Hier im Heim gibt es ja ganz viele Leute, die einsam sind, keinen Partner mehr haben. Warum tut man sich untereinander nicht mehr zusammen?
Andreani: Wir sind uns fremd. Wir sind eine Zwangsgemeinschaft. Man ist ja nicht einfach weniger einsam, weil man unter Menschen ist. Es kommt immer auch auf den Menschen selbst an. Nicht jeder kann einem Geborgenheit und Liebe geben. Es muss stimmen zwischen den Menschen. Hier herrschen eher oberflächliche Beziehungen, die nehmen einem die Einsamkeit nicht.
Trevisan: Viele Menschen können ja das Zimmer auch gar nicht mehr verlassen.

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Beobachter: Gibt es auch etwas Schönes im Alter?
Trevisan: Nicht viel.
Andreani: Eigentlich fühle ich mich gar nicht alt, ich habe noch viel Lebensfreude in mir.

Beobachter: Was würden Sie mir raten in Bezug auf das Altwerden?
Andreani: Werden Sie nie alt! Bleiben Sie wenigstens im Herzen jung.