Verliert jemand einen geliebten Menschen, drückt man dem Trauernden persönlich oder schriftlich sein Mitgefühl aus. Ein schöner Brauch, tröstlich, aber auch anspruchsvoll, wenn er nicht zur leeren, gar kränkenden Geste verkommen soll. Er versetzt uns oft in das Spannungsfeld zwischen sozialer Verpflichtung und eigener Gefühlslage. Den Schmerz anderer verstehen kann man immer, ihn wirklich zu teilen setzt mehr voraus. Dennoch will und sollte man Gefühle zeigen.

«In meinen Kursen werde ich regelmässig gefragt, wie man im Geschäftsumfeld ein Kondolenzschreiben im richtigen Ton verfasst», sagt die Journalistin und Juristin Gabriela Baumgartner, die für den Kaufmännischen Verband Schreibseminare gibt und den Beobachter-Ratgeber «Besser schreiben im Alltag» verfasst hat. Sie warnt vor allem vor Gemeinplätzen: «In Kondolenzschreiben sind Floskeln besonders unpassend, weil sie Distanz statt gefühltes Beileid ausdrücken.»

Jedes Wort auf der Goldwaage

Auch der reformierte Pfarrer Daniel Frei aus Zürich sagt: «Wenn mich Leute danach fragen, wie sie sich in einem Kondolenzschreiben am besten ausdrücken sollen, rate ich ihnen immer, von ihrer eigenen Befindlichkeit auszugehen, sich des Toten zu erinnern, vielleicht eine schöne Erinnerung zu erwähnen.» Allerdings kennt er die Fallstricke aus langjähriger Erfahrung: «Gerade in Abdankungsgottesdiensten muss ich jedes Wort auf die Goldwaage legen, aus Respekt dem Verstorbenen gegenüber. Und auch, weil ich weiss, wie dünnhäutig die Hinterbliebenen in einem solchen Moment sind.»

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Deshalb rät Frei auch entschieden davon ab, in einem Kondolenzschreiben die Trauer herunterzuspielen oder belehrend zu wirken: «Sätze wie ‹Es ist sicher besser so› sind in einem solchen Moment nicht angebracht, vor allem nicht, wenn man die Todesumstände nicht ganz genau kennt. Man muss die Trauer der Hinterbliebenen auf jeden Fall ernst nehmen.»

Auch Gabriela Baumgartner rät: «Vorsicht mit Sinngebung und ­psychologischem Tiefsinn: Nicht jeder sieht in einer schweren Krankheit eine Chance, die es zu packen gilt, oder empfindet den Tod eines Angehörigen als herbeigesehnte Erlösung.» Hingegen erachtet sie literarische Zitate oder Liedstrophen als persönlich und schön – immer vorausgesetzt, man hat die verstorbene Person gut genug gekannt, um zu wissen, dass die Worte wirklich passen. Besondere Kraft erhält ein solches Zitat, wenn es eine gemeinsame Erinnerung enthält.

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Briefe beantworten als wichtige Trauerarbeit

«Als meine Mutter starb, haben meine Schwester und ich über 100 Briefe und Karten erhalten, aber keine einzige SMS und keine E-Mail», erzählt Pfarrer Daniel Frei. Monate habe es gedauert, bis alle beantwortet gewesen seien: «Das war aber auch ein schöner und wichtiger ­Prozess, ein Stück Trauerarbeit», sagt er. «Wir haben auch alle Antwortschreiben von Hand verfasst, das ist für mich selbstverständlich.»

Das Kondolenzschreiben scheint eine der wenigen Bastionen zu sein, die sich noch gegen E-Mail und SMS halten. «Für mich kommt es sehr darauf an, wie der frühere Kontakt zur verstorbenen Person war», schränkt Gabriela Baumgartner aber ein. «Wenn jemand weit weg lebt und E-Mail oder SMS schon immer das bevorzugte Kommunikationsmittel war, kann ich mir gut vorstellen, dass man sich so auch über den Tod eines gemeinsamen Bekannten informiert.»

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Muss man jemanden, dessen momentanen Aufenthaltsort man nicht kennt, rasch über einen Todesfall informieren, gibt es zwar stilvollere, aber kaum pragmatischere Wege als per Handy. In einem solchen Fall ist es sicher auch opportun, wenn die Kondolenz-Reaktion auf demselben Übermittlungsweg eintrifft. Es kann auch am Anfang eines konven­tionellen Kondolenzschreibens sinnvoll sein, die Trauernden darüber zu informieren, auf welchem Weg man vom Todesfall erfahren hat.

An der Beerdigung ist alles anders

Drückt man sein Beileid mündlich aus, gelten teils andere Regeln. Dann sind Flos­keln manchmal angebracht – vor allem bei einer Beerdigung, wenn die Trauern­den von jeder anwesenden Person eine Beileidserklärung annehmen müssen: «Der Moment, wo die Hinterbliebenen am Grab stehen und jeder Trauergast ­ihnen die Hand reicht, ist ohnehin nur schwer zu ertragen», sagt Gabriela Baumgartner. «Das ist dann definitiv nicht der Ort für Ehrlichkeit, sondern eher für ein typisches ‹Es tut mir von Herzen leid›.»

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Vermutlich ist es in diesem Moment auch gar nicht so wichtig, was man sagt. Entscheidender ist es, sich nicht nur vorzunehmen, sich auch in den Wochen und Monaten nach der Beerdigung um die Hinterbliebenen zu kümmern und Hilfe anzubieten, sondern es dann auch wirklich zu tun.

So finden Sie angemessene Worte für eine Beileidskarte

  • Vermeiden Sie Floskeln; bleiben Sie lieber bei eigenen Empfindungen, Erfahrungen, Erinnerungen.

  • Versuchen Sie nicht, dem Tod einen Sinn zu geben – die Angehörigen des Verstorbenen sehen das im Moment vermutlich anders.

  • Versuchen Sie nicht, die Trauer zu mildern.

  • Keine (Pseudo-)Poesie: Weniger ist mehr.

  • Bieten Sie Hilfe an, ohne belehrend zu wirken – und leisten Sie diese auch, wenn sie gewünscht wird.

Buchtipp

Letzte Dinge regeln

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Buchcover: Letzte Dinge regeln
Quelle: Beobachter Edition
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