Anna Ilg: «Seit dem Erlebnis mit meiner Mutter habe ich eine Patientenverfügung. Ich will keine Maschine, die mein Leben verlängert. Ich möchte nicht leiden, ich habe Angst vor diesem Zustand, in dem ich alle Kontrolle über mich verliere. Nun spreche ich auch viel öfter mit meinen Kindern über mein Sterben. Ihnen ist das eher unangenehm. Aber ich möchte nicht, dass sie – wie meine Schwestern und ich – vor diesem Entscheid stehen und nicht wissen, was richtig und gut ist.»

Früher, am Anfang seiner Karriere, scheute Markus Béchir vor dem Wort zurück. Dasselbe erlebt er nun bei seinen jüngeren Kollegen. «Sterben» – als könnte man sich daran die Zunge verbrennen. Darüber zu sprechen sei ein Tabu in dieser Gesellschaft, die ihre Toten verstecke, in der sich das Menschenbild stetig dem einer reibungslos funktionierenden Maschine anzunähern scheine, sagt er.

Seit fünf Jahren ist er Arzt auf der Intensivstation des Universitätsspitals Zürich. Ein Mann mit jungenhaftem, sonnengebräuntem Gesicht, der in seinem weissen Krankenhauskittel wie ein verkleideter Skilehrer aussieht. «Wir dürfen keine Angst haben, das Wort Sterben in den Mund zu nehmen.» Im ultimativen Ausnahmezustand des Lebens, wenn die Krankheit das Bewusstsein löscht, wenn der Mensch nur noch an Schläuchen hängt, ist das Abstellen der lebenserhaltenden Maschinen, ist Sterben eine «Therapieoption, die kein Arzt den Angehörigen verschweigen darf».

Was Ärzte nicht wissen können

Es gibt unter den Ärzten die Allwissenden, die Angehörige wie stümperhafte Amateure behandeln und sich in eine paternalistische Hoheit hüllen. Es gibt aber auch die Suchenden. Ärzte wie Béchir, der sich von Anfang an Zeit nimmt für die Angehörigen und ihnen Sätze sagt wie: «Ich würde Sie nie anlügen.» Der das Vertrauen der Angehörigen braucht, weil nur sie das Wissen besitzen, das ihm fehlt, das er sucht.

Die meisten Menschen, die auf seiner Station liegen, haben keine Patientenverfügung. Béchir fragt die Angehörigen: «Was hätte er von mir gewollt?» Wie hat er gelebt? Welche Vorstellungen über die Welt hatte er? Abends, vor Dienstschluss, geht Béchir manchmal durch die Abteilung und betrachtet die an Apparate angedockten Körper. Er malt sich ihre Biographien aus und versucht, den Arzt in sich für ein paar Augenblicke zum Schweigen zu bringen. Die Maximen der Vernunft auszublenden, die über das Würdige und Unwürdige des Sterbens nichts besagen. «In diesen Momenten bin ich nur noch Mensch.»

Es brauche diesen humanen Gegenpol in Zeiten der High-Tech-Medizin, sagt er. «Fast alles ist machbar. Aber ist es auch wünschbar? Verlängert es das Leben eines Menschen oder nur noch sein Sterben?»

Über das Sterben zu entscheiden, heisst vor allem, über die Grenze zu wachen, die zwischen dem Patienten, seinem Willen, seiner Würde und den fast unendlichen Möglichkeiten der Apparatemedizin verläuft. Markus Béchir, der Grenzwächter. So gesehen hat das Abstellen der Maschinen etwas Beschützendes. «Ich schütze die Würde des Patienten.» Würde – das beinhaltet für den Intensivarzt ganz elementare Dinge: jemanden nicht zurückhalten, wenn er gehen will zum Beispiel. Und wenn auf dem Herzschlagmonitor nur noch eine waagrechte Linie zu sehen ist, denkt Béchir oft: «Jetzt hat er es geschafft.»

Wie ist es, den Entscheid zu fällen? Während des ganzen Gesprächs ist Markus Béchir ernst, trotzdem sehr entspannt. Er strahlt eine heitere Ruhe aus, wirkt wie einer, der ein natürliches Talent zum Lebensglück hat.

Jetzt, bei dieser Frage lächelt er zum ersten Mal. «Der Entscheid wird immer vom Behandlungsteam und nicht von einem Einzelnen allein gefällt. Dieser Moment ist etwas sehr Spezielles. Aber nicht so, dass es mich auffrisst.» Wer sich als bedingungslosen Gehilfen des Patientenwillens begreift, für den hat das Abstellen der Maschinen nichts Beklemmendes. «Es kann sogar befreiend und stärkend sein. Weil es ein richtiger und konsequenter Schritt ist.»

Zwei Dinge dürfe man als Arzt in so einer Situation unter keinen Umständen tun: das Sterben des Patienten persönlich nehmen. «Wenn ich die Maschinen abstellen muss, heisst das nicht, dass ich als Arzt gescheitert bin.» Es gäbe solche, die so denken, und die zerbrächen an ihrem Job. Eine noch viel schlimmere Sünde sei es, den Entscheid an die Angehörigen zu delegieren, sie zu fragen: Darf ich abstellen? Für einmal verliert Béchir alles Heitere. «Das darf ich denen nicht antun. Ich darf den Angehörigen nicht die Last der Schuld aufbürden.» Immer entscheide das Behandlungsteam – mindestens zehn Ausrufezeichen.

In keiner Sekunde schimmert zwischen Béchirs Worten Zweifel auf. Ist jeder Fall so eindeutig? Jetzt tu ich Gutes. Und ab hier wird es sinnlos. – Lässt sich das immer so genau sagen? «Nein! Es ist immer ein Prozess im Team. Wenn wir unsicher sind, können wir uns an unsere klinische Ethikerin wenden», sagt Béchir. Das komme selten vor, aber es sei ein gutes Instrument, um aus einem Dilemma herauszufinden.

Natürlich hat er sich, «wie wahrscheinlich jeder Intensivarzt hier», schon überlegt, den Bereich zu wechseln. Ein Mann wird eingeliefert. Autounfall. In derselben Nacht stirbt er. «Dann muss man der Frau und drei kleinen Kindern sagen, dass sie soeben einen geliebten Menschen verloren haben. Warum tut man sich das an?» Dieses Sterben immer – «extrem hart». Trotzdem will er, muss er sich berühren lassen von all den Schicksalen. «Sonst bin ich nicht mehr Mensch.»

Quelle: Oliver Bartenschlager

Markus Béchir: «Eine alte Frau schaffte es nicht, ihren Mann gehen zu lassen. Das Behandlungsteam hatte entschieden, die lebenserhaltenden Maschinen ­abzustellen, aber sie war noch nicht so weit. Dann kam sie eines Tages: Jetzt sei sie bereit, aber nur, wenn ich bei ihr bliebe. Wir sassen am Bett des Mannes, ich hielt sie, äusserte mein Bedauern. Als er einige Stunden später starb, hatte die Situation fast etwas Sakrales.»

Die Mutter verhungern lassen?

Genau dieses Einfühlungsvermögen, von dem Béchir spricht, vermisste Anna Ilg (Name geändert) bei ihrem Gespräch mit der Ärztin. Vor fünf Jahren kam auch die Mutter von Anna Ilg in den Ausnahmezustand, dieses Zwischenreich zwischen Leben und Sterben. 92 war sie und dement, «liebenswürdig und glücklich wie ein kleines Kind», als ein Hirnschlag die alte Frau ins Koma stürzte.

Innert weniger Tage sammelte sich Wasser im Körper. Finger, Arme, Beine schwollen an. Bald würde das Wasser in die Lunge dringen, die Mutter womöglich qualvoll ersticken. So ähnlich sagte es die Ärztin und schlug vor, die künstliche Ernährung einzustellen. Dann dieser Satz: «Haben Sie kein schlechtes Gewissen, dass Ihre Mutter verhungert. Sie wird das nicht spüren.» Es war dieses Wort «verhungern», das Anna Ilg und ihre Schwestern so entsetzte. Verhungern lassen, das klingt wie Folter, wie Mord. «Die Hilflosigkeit der Ärztin hat mich schockiert», sagt Anna Ilg. Wie sie es nicht geschafft habe, Vertrauen herzustellen. Einen Scherbenhaufen zurückliess.

Anna Ilg hätte nichts dagegen, ihren Namen in der Zeitung zu lesen. Sie wohnt am Stadtrand, allein. Ihre Wohnung mit den Fliesen am Boden und den alten Bauernmöbeln nennt sie «mein Reich». Stolz ist sie auf ihr eigenständiges Leben. Dass sie es schaffte, als der Mann sie und die zwei Kinder vor langer Zeit verliess. Dass sie den Sprung in die Stadt wagte, weg vom Dorf, weg auch von der Grossfamilie. Anna Ilg ist eine elegante, schöne Frau. Ihre Schwestern leben immer noch im Dorf. «Sie haben die Familie und die Mutter nie loslassen können.» Die Schwestern sind dagegen, dass Anna Ilg ihren richtigen Namen preisgibt.

«Als mein Mann mich verliess, war ich gezwungen, mein Leben zu verändern. Es ist mir gelungen, es hat mich nicht umgebracht», so Anna Ilg. Diese Erfahrung habe ihr geholfen, die Mutter sterben zu lassen. Sie wusste, sie würde es auch diesmal überleben. Die Schwestern hatten Panik vor dem Beben, das der Tod der Mutter auslösen würde. Verzweifelt klammerten sie sich an dieses Fitzelchen Restleben auf dem Krankenhausbett. Niemand stellt die Maschinen ab! Niemand tötet unsere Mutter!

«Jetzt verstehe ich meine Schwestern nicht mehr», dachte Anna Ilg damals. «Das war doch kein würdiges Leben mehr für meine Mutter.» Sie bat einen anderen Arzt um ein Gespräch. Alle zusammen an einem Tisch. Die Schwestern fragten ihn: «Was würden Sie machen, wenn es Ihre Mutter wäre?» Er sagte, er würde ihr das Siechtum ersparen. Dieser Ernst und die Ehrlichkeit hätten die Schwestern überzeugt.

Wenige Tage später starb die Mutter. Alle seien unendlich erleichtert gewesen, sagt Anna Ilg. Sie spricht vom Trost, den sie und ihre Schwestern verspürt hätten, «dass sie ihr Leben würdig beenden durfte».

Treffende Frage am Sterbebett

Immer geht es um die Würde. Wenn die Existenz entgleitet, gibt es nur noch die Einsamkeit. Es gibt nichts mehr zu schützen ausser der Würde des Sterbenden. Seine Unversehrtheit existiert nicht mehr. Die Freiheit, die Autonomie, das Leben – alles ist weggebrochen. Manchmal führt der Arzt Markus Béchir Angehörige an das Bett des Patienten. Dann, wenn sie seinen Entscheid, die Maschinen abzustellen, nicht nachvollziehen können. «Schauen Sie», sagt er, «ist das noch Ihr Vater?»