Beobachter: Gehören auch Sie zu jenen Leuten, die sagen: «Ich ins Altersheim? Nie!»
Jürgen Spies:
Absolut! Ich bin ein freiheitsliebender Mensch. Ich wäre dauernd im Widerstand oder auf der Flucht. In einem konventionellen Altersheim würde man mich wohl nach zwei Tagen ruhigstellen.

Beobachter: Jetzt übertreiben Sie. Es hat sich einiges getan in der Alterspflege.
Jürgen Spies:
Schön wärs. Leider sind die meisten Pflegeheime bis heute nichts anderes als Spi­täler mit Hotelfunktion. Essenszeiten, Wäsche, Körperpflege – alles ist geregelt und wird entsprechend in Rechnung gestellt. Der alte Mensch und seine echten Bedürfnisse sind zweitrangig. Im Alltag herrscht Fremdbestimmung. Ich möchte meinen Heimleiterkollegen aber keinen Vorwurf machen: Sie tun nur, was sie gelernt haben. Im Zentrum ihres Universums stehen Dokumentationen, Pflegestandards und Qualitätsmanagement-Ordner – und nicht die Bewohner mit ihrer Gefühlsbiografie.

Beobachter: Sie arbeiten nach dem Pflegemodell des österreichischen Pflegewissenschaftlers Erwin Böhm. Was machen Sie anders?
Jürgen Spies:
Bei uns definiert der einzelne Bewohner und seine Art zu leben, was wir für ihn tun. Wir versuchen, dort anzuknüpfen, wo der Mensch stand, bevor er zu uns gekommen ist. Wie er aufgewachsen ist, wie er gelebt hat, was ihn in seiner emotionalen Prägungszeit geformt hat. Ein Mann, der sein Leben lang gearbeitet hat, wird sich wahrscheinlich auch bei uns nützlich machen wollen. Und eine Frau, die bis anhin ihren Haushalt selber geführt hat, kocht und wäscht auch bei uns selber. Natürlich nur, wenn sie das will. Wir leben mit den Leuten zusammen, wir versorgen sie nicht.

Beobachter: Wer bei Ihnen wohnt, entscheidet selber, wann er die Bettwäsche wechselt, wann er duscht?
Jürgen Spies:
Aber sicher. Wir tun solche Dinge nicht standardmässig, sondern dann, wenn die Leute das Bedürfnis haben. Alles andere ist «bireweich». Unsere Bewohnerinnen und Bewohner sind freie Bürger. Wir putzen sie nicht sauber. Wenn es die Leute gewohnt waren, alle zwei Wochen zu baden, dann tun sie das auch bei uns so, und wenn sie zweimal pro Tag geduscht werden möchten, dann helfen wir ihnen dabei.

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Beobachter: Die Vorstellungen von Hygiene gehen wohl weit auseinander. Wie überstehen Sie Grippewellen? Liegt da das ganze Heim flach?
Jürgen Spies:
Im Gegenteil. Unsere Leute haben sehr wenig mit solchen Infektionskrankheiten zu kämpfen. Harnweginfekte kennen wir fast gar nicht. Ich habe einmal in einer Institution gearbeitet, da wurde die Intimpflege bei den Frauen intensiviert. Die Folge waren nicht weniger Harnweginfekte, sondern eine Steigerung um 170 Prozent. Dass übersteigerte Hygiene die Leute schwächt, ist hinlänglich bekannt.

Beobachter: Warum wäscht man die Leute vielerorts trotzdem täglich?
Jürgen Spies:
Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist das ein riesiger Markt, in dem sehr viel Geld verdient wird. Bei den Krankenkassen rechnet man ja nicht ab, wie lange man sich mit den Leuten unterhalten hat, sondern wie oft man den Blutdruck gemessen hat und das Körpergewicht. Es zählt, wie oft die Leute gewaschen wurden, gefüttert. Egal, ob sie das so brauchen oder nicht. Hinzu kommt, dass ­unser ganzes System auf grosse, unpersönliche Heime ausgerichtet ist. Aber je grösser eine Abteilung, umso schwieriger ist es, auf individuelle Wünsche einzugehen.

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Beobachter: Also sollte man die Leute so lange wie möglich daheim pflegen?
Jürgen Spies:
Nicht unbedingt. Viele ältere Menschen vereinsamen zu Hause. Ich erinnere mich an eine Bewohnerin, die zu uns kam, weil es daheim überhaupt nicht mehr ging. Die Spitex war am Anschlag, die Angehörigen in der Krise. Die Frau war schwer psychotisch, verweigerte alles. Zwei Wochen nachdem sie zu uns gekommen war, war sie so gut beieinander, dass wir sie eigentlich hätten heimschicken müssen. Das zeigt: Die Gemeinschaft ist enorm wichtig, sie gibt dem alten Menschen Sicherheit. Wie eine Familie halt. Wer einsam ist, hat Angst, und Angst ist die Wurzel aller seelischen Not.

Beobachter: Viele psychische Erkrankungen entstünden gar nicht, wenn die Leute besser gepflegt würden?
Jürgen Spies:
Es gäbe sicher weniger. Bevor ich nach dem Modell von Erwin Böhm zu arbeiten begann, ging ich davon aus, dass es normal ist, dass die Leute eine Krise durchmachen, wenn sie ins Heim eintreten. Jetzt erlebe ich oft genau das Gegenteil: dass sie aufblühen. Vor allem bei Leuten, die uns aus anderen Institutionen zugewiesen werden, ist das zu beobachten. Sie treten mit einer hohen Pflegestufe ein, brauchen Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme, bei der Körperpflege, bei Alltagsverrichtungen. Kaum sind sie bei uns, machen sie ihr Zeug wieder selber. Ganz einfach, weil sie hier ihr Leben so leben können, wie es ihnen entspricht. Hinter der gelebten Normalität steht ein echter Lebenssinn. Oder wie Böhm es nennt: «verlässlich wiederkehrende Lebensmotive».

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Beobachter: Können Sie ein Beispiel nennen?
Jürgen Spies:
Gerade kürzlich zog eine Bewohnerin bei uns ein, die nicht mehr essen und trinken mochte. Seit sie wieder selber bestimmen kann, was sie isst, hat sich das Problem in Luft aufgelöst. Ich kenne Heime, da wird eine Sitzung einberufen, wenn eine Bewohnerin etwas anderes essen will, als auf dem Menüplan steht. Das ist doch absurd! Wir haben eine Metzgerei und einen Lebensmittelladen im Dorf. Da findet sich für jeden etwas, und wenn man gemeinsam kochen kann, kommt der Appetit von alleine. Das gemeinsame Kochen ist viel mehr als Hausarbeit, es ist eine Möglichkeit, etwas für andere zu tun. Das ist in dieser Generation drin. Wer nicht mehr für andere da sein kann, verliert das Selbstwertgefühl und läuft Gefahr, zu seinen Alterserkrankungen auch noch in eine seelische Krise zu geraten.

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Beobachter: In den meisten Heimen aktiviert man die Bewohner mit Therapien und Veranstaltungen.
Jürgen Spies:
Ja, das ist fast überall fest im Angebot. Aber mir geht das gegen den Strich, wir machen das prinzipiell nicht. Wer hier lebt, kann sich jederzeit an den anfallenden Arbeiten beteiligen oder selber Aktivitäten planen. Einen Kuchen backen, das Haus dekorieren. Real einen Beitrag leisten. Wir bezahlen auch keine 220 Franken pro Stunde für einen Therapiehund. Bei uns lebt eine Katze, und wenn eine Mitarbeiterin ihren Hund mit zur Arbeit nimmt, macht der seinen Job gratis. Auch ohne therapeutische Ausbildung.

Beobachter: Sie beklagen nicht nur den Wahn zur Regulierung, sondern auch den Wahn zur Ausbildung. Was spricht gegen gut ausgebildetes Personal?
Jürgen Spies:
Nichts. Das ist mir wichtig: Ich bin weder gegen die Pflegeforschung noch gegen akademische Ausbildungen in unserem Bereich. Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht den Boden unter den Füssen verlieren. Nehmen wir die Pflege-Expertenstandards. Einige sind bis zu zehn Seiten lang und voll mit wissenschaftlichen Termini sowie Struktur-, Prozess- und Ergebniskriterien. Wer soll die an der Basis denn verstehen oder anwenden? Schlimm wird es, wenn die Pflegenden durch Strukturen gezwungen werden, solche Instrumente im Alltag anzuwenden. Statt bei den Bewohnern zu sein, denken, diskutieren und dokumentieren sie, was das Zeug hält. Gut dokumentiert – das gilt heute als gute pflegewissenschaftliche Pflege.

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Beobachter: Das sagt einer, der selber in der Ausbildung von Pflegefachleuten gearbeitet hat…
Jürgen Spies:
Ich wehre mich nur gegen die Vorstellung, dass eine akademische Ausbildung per se gutes Betreuungspersonal produziert. Tatsache ist doch, dass viele dieser Leute gar nicht mehr an der Basis arbeiten wollen. Sie suchen nach dem Studium verständ­licherweise einen gut bezahlten Kaderjob. Was dann von dort oben verordnet wird, ist manchmal hanebüchen: dass wir Schutzhandschuhe tragen sollten, wenn wir die Leute eincremen, oder dass in einer Demenzstation vor jedem Zimmer Handdesinfektionsmittel hängen muss. Das ist schon aus menschlichen Überlegungen fragwürdig. In der Praxis kann es zu gefährlichen Situationen kommen, zum Beispiel wenn Demente das Zeugs dann trinken.

Beobachter: In Ihrem Zentrum lebt die Hälfte der Bewohner mit einer psychiatrischen Diagnose. Kann man mit einer Demenzerkrankung oder einer Depression seinen Alltag selber planen?
Jürgen Spies:
In vielen Fällen ja, man braucht einfach mehr Unterstützung. Es ist nicht so, dass wir nie an unsere Grenzen kommen. Aber bevor wir handeln, überlegen wir sehr ­genau, wie weit wir eingreifen. Der alte Mensch mit oder ohne Demenz zeigt in seiner psychischen Erkrankung oft ein unkultiviertes Verhalten. Solange es ihm dabei gut geht, müssen wir das aushalten.

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Beobachter: Das klingt anstrengend. Was sagt Ihr Personal? Wie viele Burn-outs gibt es zu beklagen?
Jürgen Spies:
Kein einziges (lacht). Wir hatten in den letzten Jahren nur drei Prozent krankheitsbedingte Ausfälle, Schwangerschaften mit eingerechnet. Wir haben kaum Fluktuation. Unsere Leute kommen gut gelaunt zur ­Arbeit und gehen so wieder nach Hause. Auch wenn das heute fast ketzerisch klingt: Wir haben einen tollen Job. Jedenfalls dann, wenn wir ihn so ausführen können, dass es den Patientinnen und Patienten und uns emotional gut geht.

Beobachter: Und den Angehörigen? Die gehen bei Ihnen ein und aus, arbeiten sogar mit.
Jürgen Spies:
Warum nicht? Es steht uns nicht zu, unseren Bewohnern vorzuschreiben, wann sie ihre Kinder oder Partner sehen können.

Beobachter: Führt das nicht zu Konflikten?
Jürgen Spies:
Ganz selten, und wenn, dann reden wir mit den Leuten. Die meisten Angehörigen sind sehr gern hier. Manche kommen regel­mässig um fünf vor zwölf zu Besuch (lacht). Dann legen wir ein Gedeck mehr auf. Konflikte mit Angehörigen entstehen meist dann, wenn diese das Gefühl haben, ihren Verwandten gehe es nicht gut. Dann werden unausgesprochene Schuldgefühle wach, und man zettelt einen Konflikt an. Das ist bei uns zum Glück nicht nötig.

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Beobachter: Das klingt alles umsetzbar, solange die Bewohner fähig sind, mitzureden, sich zu beteiligen. Was passiert, wenn sie das nicht mehr können?
Jürgen Spies:
Darauf gibt es nur eine Antwort: Die Leute bleiben bei uns, bis sie sterben. Wir haben noch nie jemanden verlegt oder weggeschickt. Das wäre laut Konzept zwar möglich, aber wir tun das nicht. Die Phasen des Sterbens sind bei uns in der Regel sehr kurz. Meist nur wenige Stunden oder Tage.

Beobachter: Wie steht es mit den Kosten? Machen all die Sonderwünsche den Betrieb nicht sehr teuer?
Jürgen Spies:
Nein. Wir stehen im Vergleich zu anderen Betrieben im Mittelfeld. Mit unseren 8,5 Vollzeitstellen machen wir alles, decken auch die Phasen ab, in denen jemand intensive Begleitung braucht. Das muss die Zukunft sein: kleine, dezentrale Einheiten in den Dörfern und Quartieren. Orte, an denen die Bewohner die Möglichkeit haben, ihr ganz persönliches Leben zu leben. Und wo die Pflegenden die Kompetenzen und die Freiheit haben, sie dabei zu unterstützen.

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Jürgen Spies, 57, ist Leiter des Zentrums Sonne in Elsau ZH (www.eulachtal.ch). Er ist Lehrbeauftragter für psychobiografische Pflegeforschung. Das vom österreichischen Pflegeforscher Erwin Böhm geprägte Modell (www.enpp-boehm.com) sieht den Menschen als Einheit aus Körper, Geist, Seele, sozialem Umfeld und persönlicher, emotional geprägter Geschichte. Oberstes Ziel ist die emotionale Wiederbelebung des Menschen, die maximale Förderung seiner Ressourcen und Anerkennung seiner psychobiografisch gewachsenen Identität.