Als die Wirkung der Narkose nachlässt, spürt Ramatoulaye Manuel ein Pulsieren zwischen den Schenkeln. Dann beginnt die Wunde zu brennen. Ein Schauer läuft ihr über den Rücken. Über 25 Jahre war da nichts. Kein Schmerz, keine Lust, keine Freude. Und nun ein ­Gefühl. Das neue Organ lebt.

Was eine Beschneiderin ihr als Kind ­genommen hatte, bekam sie als Frau von Gabor Varadi zurück. Mit einer Opera­tionstechnik, die bisher vor allem in Frankreich bekannt ist, rekonstruierte der Genfer Chirurg die Klitoris seiner Patientin. «Der Eingriff ist simpel», sagt Varadi. Die Klitoris mit ihren 11 bis 15 Zentimetern Länge liegt grösstenteils im Körperinnern versteckt. Bei der Genitalverstümmelung zerstörte die Beschneiderin nur die äusserste Spitze von Manuels Klitoris. «In einem kurzen Eingriff musste ich die Klitoris etwas ­he­rausziehen, um so ihre volle Länge ­wiederherzustellen», erklärt Varadi.

Der Eingriff hat ihr Leben verändert

Diese Behandlung lindert nicht nur die Schmerzen, sondern gibt den Frauen auch das sexuelle Lustempfinden zurück, wie ­eine aktuelle Studie aus Frankreich ergab (siehe «Wiederherstellung des Lustempfindens»).

Ramatoulaye Manuel strahlt. Vier ­Wochen liegt die Operation zurück. Sie hat ihr Leben verändert. Das Gehen fällt ihr schwer, denn die Wunde brennt noch. «Doch es ist ein guter Schmerz. Ich muss ihn ertragen, um endlich eine richtige Frau zu werden», sagt die 37-Jährige. Von diesem Eingriff erfahren hat Manuel von einer Freundin, die in Frankreich lebt. Auch sie hatte ihre Scham rekonstruieren lassen, nachdem sie gemeinsam mit Ramatoulaye Manuel beschnitten worden war. In ihrem Herkunftsland, dem westafrikanischen Guinea.

Damals waren die Mädchen zehn Jahre alt. Um fünf Uhr morgens weckte die ­Mutter Ramatoulaye, ihre Schwestern und einige Nachbarsmädchen, die bei ihnen schliefen. Gemeinsam mit zwei stämmigen Frauen, die Ramatoulaye nie zuvor ge­sehen hatte, führte die Mutter sie und die anderen in ein Nachbardorf. Unvermittelt blieben die drei Frauen stehen und verbanden den Mädchen die Augen. Plötzlich ein lauter Schrei. «In diesem Moment war mir klar, warum wir in diesem Dorf waren», erinnert sich Ramatoulaye Manuel. Nach zehn Mädchen war sie dran. Sie spürte, wie sich die kräftigen Finger der Frauen in ihre Oberarme bohrten. Die beiden zerrten sie von der Gruppe weg, spreizten ihre Beine, dann passierte es. Ihre Klitoris und die Schamlippen wurden abgetrennt – ohne Betäubung (siehe «Beschneidung: Viele Opfer»).

Anzeige

Beschneidung: Viele Opfer

Weltweit werden jährlich zwei Millionen Mädchen beschnitten – als Hauptgrund wird «Tradition» genannt. Insgesamt sind zwischen 130 und 140 Millionen Frauen Opfer von Genitalverstümmelung. Allein in der Schweiz sind laut Caritas rund 7000 Mädchen und Frauen beschnitten oder in akuter Gefahr, beschnitten zu werden.

Am häufigsten wird Genital­verstümmelung in Teilen Afrikas sowie in einigen Ländern Asiens und im Nahen Osten praktiziert. Die Weltgesundheits­organisation unterscheidet drei Kate­gorien: Beim Typ I wird die äusserlich sichtbare Klitoris teilweise oder voll­ständig entfernt.

Vom Typ II ist die Rede, wenn die Klitoris und die Schamlippen teilweise oder vollständig entfernt ­werden. Beim Typ III werden die inneren und/oder äusseren Schamlippen entfernt und die Vagina bis auf eine winzige ­Öffnung zusammengenäht.

Überall war Blut

Als ihr wenige Sekunden später die Augenbinde abgenommen wurde, sah sie die ­Beschneiderin zum ersten Mal. «Sie hatte tiefe Falten und böse Augen», erinnert sich Ramatoulaye Manuel. Mit Kräutern und Blättern verband die Frau die Wunde. Die Stunden, Tage und Wochen danach waren für Manuel die Hölle. «Ich konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr essen, mich nicht waschen. Und überall dieses Blut», sagt sie. Erst zwei Wochen später traute sie sich, zu schauen, was ihr angetan worden war. «Die Wunde sah grauenhaft aus», ­erinnert sie sich.

Anzeige

Ihr ganzes Leben lang hat Ramatoulaye Manuel ihre Mutter um eine Begründung angefleht. Eine Antwort hat sie nie bekommen. Irgendwann habe sie sich damit abgefunden. Vom Eingriff beim Gynäkologen Varadi erzählte sie der Mutter nichts: «Sie hätte es nicht verstanden, mich vielleicht sogar beschimpft.» Auch dem Rest der ­Familie hat sie sich nicht anvertraut.

Beschneidung ist ein Tabuthema. Hat der Körper des Mädchens die widrigen und unhygienischen Umstände, unter ­denen Beschneidungen in der Regel stattfinden, erst einmal verarbeitet, folgt häufig ein lebenslanges Trauma, mit dem die Frauen zu kämpfen haben. Eine von Manuels Kindheitsfreundinnen ertrug diese psychischen Qualen nicht. Sie nahm sich das Leben, als sie ein Teenager war.

Lediglich ihr Mann und die Freundin aus Frankreich wissen, dass Manuel heute nicht zufällig enge Kleider oder tief aus­geschnittene T-Shirts trägt. «Ich fühle mich seit der Operation wie ein neuer Mensch, weiblich und stark. Der Tag meiner Operation war wie ein zweiter Geburtstag für mich», sagt sie. Ihr Mann freut sich über das neue Selbstvertrauen seiner Frau. Für ihn, einen Christen aus Nigeria, der seit mehreren Jahren in Genf lebt, war die ­Beschneidung einer Frau alles andere als normal. Er war es, der sie ermutigte, den Gynäkologen aufzusuchen.

Anzeige

Swiss & Love: Hilfe aus Überzeugung

Seit sieben Jahren gibt Frauenarzt Gabor Varadi beschnittenen Frauen ihr Geschlecht zurück. Gemeinsam mit einem anderen Gynäkologen gründete er die Organisation Swiss & Love, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Gesellschaft über Genitalverstümmelung aufzuklären, Spenden für Betroffene zu sammeln und ihnen mit ­diesem Eingriff das Leben zu erleichtern. Wenn der Eingriff von der Krankenkasse übernommen wird, gibt er seinen Lohn­anteil an die Organisation weiter. Kann ­eine Patientin den Eingriff nicht finanzieren, werden die Grundkosten aus diesem Hilfsfonds beglichen. «Ich will an diesen Frauen kein Geld verdienen», sagt Varadi.

Viele Patientinnen brauchen nach einem solchen Eingriff psychologische Betreuung. Mit diesem neuen Frausein umzugehen fällt nicht allen leicht. Manuel allerdings gibt sich optimistisch: «Nun, nachdem ich wieder ganz normal bin, gibt es nichts mehr, worüber ich sprechen müsste.» In wenigen Tagen wird die Wunde verheilt sein. Manuel ist ungeduldig. Sie kann es kaum erwarten, mit ihrem Mann zu schlafen. Denn zum ersten Mal in ihrem Leben wird sie dabei Lust empfinden.

Anzeige

Wiederherstellung des Lustempfindens

In der Klinik Poissy St-Germain nahe Paris wurden zwischen 1998 und 2009 fast 3000 Frauen operiert, deren Klitoris und Schamlippen vollständig oder teil­weise entfernt worden waren.

Der Erfinder des ­Eingriffs, Pierre Foldès, befragte ein Jahr nach der Operation 841 der Frauen bei ­einer medizinischen Nachuntersuchung: 815 gaben eine Verbesserung der klitoralen Lustempfindung an. Ein Drittel der Frauen, die vor dem Eingriff noch nie ­einen Orgasmus hatten, empfinden ihn nun teilweise oder ganz. Von den Patientinnen, die zuvor einen eingeschränkten Orgasmus verspürten, hat nun jede ­zweite einen regelmässigen Orgasmus. Die meisten Frauen leiden nach einer ­Genitalverstümmelung unter chronischen Schmerzen. Dank der Rekonstruktion der Klitoris konnten diese Beschwerden bei 821 Patientinnen gelindert werden.

Betroffene Frauen würden von Ärzten in ihrer Heimat meist nicht über Behandlungsmöglichkeiten für Probleme infolge der Verstümmelung informiert, schreiben Jasmine Abdulcadir und ihre Kollegen vom Universitätsspital Genf in einem ­Begleitkommentar zur Studie, die kürzlich in der britischen Medizinfachzeitschrift «The Lancet» erschienen ist. Gerade deshalb wäre es wichtig, in Ländern mit einer hohen Genitalverstümmelungsrate Ärzten den Rekonstruktionseingriff beizubringen, erklärt Foldès: «Der Eingriff sollte so schnell wie möglich auch in Entwicklungsländern verfügbar sein.»