«Einigen Freundinnen im Dorf habe ich einen Brief hinterlassen. Ich konnte ihnen das nicht vorher sagen, sonst wüsste es das ganze Dorf. Und die frommen Christen würden mir die Bude einrennen. Ich habe schon zu viele solche Bekehrungsversuche er­lebt. Deshalb darf dieser Bericht auch erst erscheinen, wenn ich tot bin.

Alle meine Gebresten, jedes für sich wäre ja auszuhalten. Aber nicht alle miteinander: die Wirbelsäule voll Arthrose, ebenso ­Hände und Zehen, Spasmen, schwere Schlafstörungen seit meiner Kindheit, Migräneattacken, Überempfindlichkeit auf Licht und Lärm, abnormale Ermüdbarkeit, Depressionen.

Suizidgedanken begleiten mich von Kindesbeinen an. Ich habe trotz starken Medikamenten ständig Schmerzen, stehen kann ich höchstens zehn Sekunden lang, gehen maximal 50 Meter. Ich bin nicht freudlos, kann mich über Kleines freuen und auch lachen. Aber alles, was ich gerne tat, kann ich nicht oder kaum mehr tun: Klavier spielen, fotografieren. Ich fühlte mich immer am Rand des Lebens, habe nie gerne gelebt. Ausser in den letzten paar Jahren mit meinem Mann. Aber 1996 ist er an Krebs gestorben.

Die Verwandten? Jemand sagte: Das darf man nicht machen. Das sei verantwortungslos. Natürlich ist es eine Zumutung für die Angehörigen. Aber das Leben ist für mich die grössere Zumutung. Ich nehme gerade so viele Schmerzmittel, damit ich noch einigermassen wach bleibe. Nähme ich mehr, wäre ich völlig weggetreten. Das ist nicht gerade das, was ich mir unter Leben vorstelle. Seit dem Tod meines Mannes lebe ich nur noch anderen Leuten zuliebe.

Ich will meine Geschichte erzählen, weil der Bundesrat es Menschen wie mir verbieten will, mit Hilfe von Exit zu sterben. Ich bin gegen ein solches Verbot. Natürlich soll man genau hinschauen. Aber jemand wie ich sollte diese Möglichkeit haben.

Sich vor den Zug werfen? Das ist vor allem gemein. Denken Sie an den Lokführer und an den Menschen, der einen zusammenkratzen muss. Würdelos? Da macht man ­immer so ein Theater um die Würde, um die Leute, die sich auf einem Parkplatz in einem Auto umbringen. Wenn man wirklich sterben will und es keine andere Möglichkeit gibt, gopfridli, dann hätte ich das auch so gemacht.»

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Sabine A.

Im Fernsehen haben sie im ‹Club› neulich über Sterbehilfe diskutiert. Völlig theoretisch. Ich finde, es fehlte das konkrete Anschauungsmaterial. Wieso soll man den Leuten vorschreiben, wer sterben darf und wie? Völlig unhaltbar. Bei uns in der Familie wird man steinalt. Ich könnte noch ohne weiteres weitere 30 Jahre so dahinvegetieren. Das halte ich nicht aus.

Mein Bruder sagte, mein Sterbewunsch wirke wie ein Urteil, nicht wie ein Entschluss. Ich erlebe es selber auch nicht als freien Entscheid, obwohl ich natürlich entschieden habe. Aber ich kann einfach nicht mehr anders. Wenn man mir vorhält: Das darfst du anderen Leuten nicht antun, dann denke ich: Sollen die doch ein paar Tage in meiner Haut stecken. Ich habe nicht das klassische Invalidengesicht. Habe immer noch ein freches Maul, das ist aber Galgenhumor.

Ich habe das Gefühl, ich falle der Welt nur noch zur Last. Ich heize 100 Quadratmeter für eine Person, fahre mit einem Elektromobil, bin nicht mehr produktiv. Nie habe ich gelernt, dass ein Mensch für sich einen Wert hat. Das hockt in mir drin.

Ich glaube nicht, dass mein Beispiel den Druck auf ältere Menschen erhöhen wird, es mir gleichzutun, nur um ihren Angehörigen nicht zur Last zu fallen. Der gesunde Mensch hängt doch am Leben, das ist biologisch verankert. Eine 27-jährige Nichte schrieb mir, es sei un­natürlich, so zu sterben. Doch was ist schon natürlich? Es behauptet ja auch niemand, man dürfe nicht operieren, weil das unnatürlich sei.

Vor dem 11. Dezember, mei­nem Todestag, habe ich keine Angst. Mein Terminkalender ist randvoll. Mein Bruder besucht mich sehr oft, um mich noch auszufragen. Er möchte noch ein paar Sachen wissen. Das ist der Vorteil, wenn man so Abschied nimmt.

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Ich bin 100-prozentig sicher, was meine Entscheidung be­trifft. Alle Versicherungen sind gekündigt, alle Abos abbestellt. Die Adress­etiketten für die Todesanzeigen sind geschrieben, hier drin, zusammen mit dem Testament.

Der Frau, die den Hund übernimmt, habe ich gesagt, ich gehe am 11. Dezember mit einer Freundin in die Ferien, sie solle ihn für ein paar Tage zu sich nehmen. Die Nachbarn wissen nichts. Meiner Spitex-Hilfe, zu der ich ein sehr offenes Verhältnis habe, machte ich mal eine leise ­Andeutung. Sie ist dermassen zusammengezuckt, dass ich von da an nichts mehr gesagt habe.