Wenn der Tod sich ankündigt, beginnt eine schwierige Zeit – nicht nur für Sterbende, sondern auch für Angehörige.

Wer sich aufgeschlossen den anstehenden Aufgaben stellt und Hilfe von anderen zulässt, erleichtert sich die schweren Stunden.

Vorbereitung: Das sollte abgeklärt werden

Die Betreuung eines Sterbenden ist eine 24-Stunden-Aufgabe, die eine einzelne Person völlig überfordert. Das Allerwichtigste ist deshalb, ein Helfernetz zu organisieren. Das sollte schon im Spital geschehen, am besten gemeinsam mit dem behandelnden Arzt und dem Sozialdienst des Spitals. Es gilt zu klären, welche medizinischen Dienst­leistungen in der Wohngemeinde verfügbar sind. «Der Hausarzt und die Spitex sollten rund um die Uhr erreichbar sein. Das ist ein absolutes Muss», sagt Daniel Büche vom Palliativzentrum des Kantonsspitals St. Gallen. In vielen Gemeinden bestehen zusätzliche Angebote im Bereich der Palliativmedizin. «Vielerorts gibt es einen richtiggehenden Dschungel an solchen Angeboten. Das schreckt viele Angehörige ab. Man sollte sich aber nicht scheuen, Unterstützung zu holen», sagt Andrea Jenny, Leiterin der Caritas-Fachstelle «Begleitung in der letzten Lebensphase». Die Angebote sind vielfältig: Freiwilligengruppe in Palliative Care, Hospizgruppe, Begleitgruppen für Schwerkranke und Sterbende et cetera. Träger der Angebote sind teilweise die Spitex, Heime und Spitäler, aber auch gemeinnützige Organisationen wie die Caritas, das Rote Kreuz, Kirchen und Vereine.

Zusätzlich zu den professionellen Hilfsangeboten sollte in der Familie geklärt werden, wer Betreuungsaufgaben übernehmen kann und will. Auch der nähere Bekannten­kreis sollte dabei nicht ausgelassen werden. Je nachdem, in welchem Verhältnis die Bekannten zum Sterbenden stehen, sind sie gerne bereit, einen letzten Dienst zu erweisen. Nachdem klar ist, wer alles sich an der Sterbebegleitung beteiligen kann, sollte ­eine Liste mit den Telefonnummern der Beteiligten erstellt werden. So ist Unterstützung auch in einer Notlage gewährleistet.

Was soll medizinisch alles noch gemacht werden? Auch diese Frage sollte gemeinsam mit dem Sterbenden besprochen werden. Eine Patientenverfügung, wie sie etwa von der Caritas als vorbereitetes Formular zur Verfügung gestellt wird, hilft dabei. Ausserdem muss sichergestellt werden, dass die Medikamente zur Schmerztherapie von einem Arzt verordnet und in ausreichender Menge vorhanden sind. «Ist man unsicher, wie etwa eine Morphiumpumpe funktioniert, sollte man sich die Anwendung vom Hausarzt oder von einer Spitex-Fachkraft erklären lassen, bis man sicher ist, dass man die Funktionsweise gut verstanden hat», sagt Andrea Jenny.

Zu Hause: Praktische, schöne Einrichtung

Kehrt ein Familienmitglied zum Sterben nach Hause zurück, bleibt für die Angehörigen ihr gewohntes Leben nicht einfach stehen, sondern muss, wenn auch reduziert, weitergehen. «Ich empfehle, alle Veränderungen möglichst danach zu überprüfen, ob sie praktisch sind», sagt Jenny. Ist die Wohnung rollstuhlgängig? Sind Gehhilfen vorhanden? Je nachdem, wie pflegebedürftig die Person ist, empfiehlt sich auch die Miete eines Spital-Elektrobetts. «Die Wohnung sollte aber nicht Spitalatmosphäre ausstrahlen», sagt Jenny. Christa Dettwiler empfiehlt in ihrem Buch «Zum Sterben will ich nach Hause», eine zuversichtliche und heitere Atmosphäre zu schaffen. Auch Freude dürfe herrschen: «Warum sollen wir nicht die letzten Tage eines Menschen auf Erden als stille, besinnliche Feier begehen, in der der Kranke im Mittelpunkt steht, sich geliebt und angenommen fühlt?»

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Vor allem in der Endphase entwickeln Todkranke gemäss Dettwiler extrem geschärfte Sinne, auch das Gefühl für Schönheit und Hässlichkeit wird ausgeprägter. Sie empfiehlt die Einrichtung des Raums mit Dingen, die dem Kranken wichtig sind: Lieblingsbilder, Blumen, Kerzen, religiöse Symbole – am besten in Absprache mit dem Kranken. Es sollten Dinge sein mit sanften, harmonischen Farben und Darstellungen, mit schwachen oder gar keinen Düften. Das Licht sollte indirekt und von der Seite auf das Bett fallen. Die Überempfindlichkeit gelte auch für Geräusche. Tropfende Wasserhahnen, tickende Wecker oder knarrende Türen könnten zur unerträglichen Störung werden, schreibt Dettwiler.

Tagesablauf: Hilfe anderer akzeptieren

In der Pflege von Todkranken hätten früher nur die Bedürfnisse der Sterbenden im Vordergrund gestanden, sagt Markus Feuz, diplomierter Pflegefachmann und Berufsschullehrer im Gesundheitswesen. «Mittlerweile ist man davon wieder weggekommen. Denn auch die Angehörigen sind betroffen.» So sei es legitim, wenn diese sich die Betreuung des Sterbenden nicht zutrauen würden. Der grosse Teil der Sterbenden werde in den letzten 48 Stunden ihres Lebens in eine Klinik eingewiesen, nur 18 Prozent sterben zu Hause.

«Was die Angehörigen am meisten unter Druck setzt, ist das Gefühl, ständig dabei sein zu müssen. Das erzeugt einen unheimlichen Stress», erklärt Pflegefachfrau Andrea Jenny. Und: «Hilfe anfordern ist für viele Angehörige ein grosser Schritt», sagt Markus Feuz. Die Angehörigen würden sich in einem Gewissenskonflikt befinden, weil sie meinen, sie müssten diesen letzten Gefallen allein leisten. Darum empfiehlt es sich, einen Wochenplan zu erstellen, aus dem hervorgeht, wer zu welchen Zeiten Aufgaben wahrnehmen kann: Wann kommen die Spitex, die Sozialarbeiterin, eventuell Nachbarn, Helfer, Bekannte?

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Sprechen über den Tod: Offenheit zulassen

Über den Tod zu reden fällt wohl den meisten Menschen schwer. «Holen Sie Hilfe, lassen Sie sich beraten», sagt Andrea Jenny. Man kann ein gemeinsames Gespräch mit einem Seelsorger oder einer Pflegekraft anfordern. Wichtig ist laut Jenny, dass Ängste offen angesprochen würden und man sich erlaube, emotional zu sein. «Es dürfen Tränen fliessen, man darf wütend werden. Versuchen Sie, möglichst authentisch zu bleiben, auch wenn das schwierig ist.» Auch Christa Dettwiler plädiert für Offenheit: «Wer sich weigert, über die Wirklichkeit des nahenden Todes zu reden und über die Gefühle, die das auslöst, bringt andere um die Chance, ihre Liebe und ihr Verständnis zu zeigen und ihre Hilfe und Unterstützung anzubieten.»

Im Idealfall vermögen die Angehörigen im Gespräch einen grossen Teil der noch offenen Fragen zu klären. Möchte der Sterbende noch von jemand Bestimmtem Abschied nehmen? Gibt es in der Beziehung zueinander vielleicht Dinge, die ausgesprochen werden sollten? Wie soll die Beerdigung gestaltet werden? Ist die Nachfolge, das Testament geregelt? Hier ist allerdings Zurückhaltung und Feingefühl nötig, das mitunter fehlt. «Oft sind wir als Angehörige zu stark auf die materiellen Dinge und die Wertsachen fixiert», sagt Andrea Jenny.

Der Sterbeprozess: Ruhe ist sehr wichtig

Die letzten Tage des Lebens sind für jeden Menschen einzigartig, sehr persönlich und privat. Gewisse Anzeichen können darauf hindeuten, dass der Tod nahe ist, schreibt Dettwiler. Der Patient verbringt mehr Zeit im Bett, driftet zwischendurch in Bewusstlosigkeit ab, Details wie genaue Zeit oder Wochentage sind nicht mehr wichtig. Er trinkt kaum mehr und wird zusehends zerbrechlicher und schwächer. In der allerletzten Lebensphase schliesslich können ebenfalls typische Symptome auftreten. «Über diese Zeichen sollten die pflegenden Angehörigen Bescheid wissen», sagt Palliativarzt Daniel Büche. Bei der Atmung kommt es zu längeren Aussetzern und dem sogenannten «Sterberasseln», also zu einer geräuschvollen Atmung. Dies hängt mit der schwindenden Kraft und dem Umstand zusammen, dass vermehrt Lungensekret gebildet wird. Die Augen sind geschlossen, können sich aber auch ganz plötzlich wieder öffnen. Die Haut ist kühl, vor allem an den Füssen und Händen, und kann sich dort bläulich grau verfärben. «Ruhe ist in dieser Phase ganz wichtig, denn der Sterbende ist zu diesem Zeitpunkt sehr sensibel», sagt Andrea Jenny. Man soll vorsichtig an den Menschen herantreten und ihn nur behutsam anfassen.

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Wie erlebt der Mensch sein Sterben? Monika Renz, Leiterin der Psychoonkologie am Kantonsspital St. Gallen, hat Hunderten von Sterbenden und deren Angehörigen in den letzten zehn Jahren beigestanden. Die Erfahrungen an den Sterbebetten hat sie aufgeschrieben, hat Hunderte von Protokollen verglichen und eine «Systematisierung des Sterbens» entwickelt. Ihre wichtigsten Erkenntnisse: Sterbende sind «hörend». Das Ohr ist zentrales Wahrnehmungsorgan, ähnlich und doch anders wie beim Menschen im Mutterleib. Sterbende reagieren auf wichtige familiäre Prozesse; es lohnt sich etwa, Versöhnungsversuche zu wagen und ihnen Wichtiges mitzuteilen.

Vor allem aber verändert sich ihre Wahrnehmung vom Ich zum Sein. Immer neu und zunehmend gelangen sie in einen «äussersten Zustand irdischen Seins ausserhalb von Angst und Schmerz». Das Ich verliert seine Konturen, an seine Stelle treten Glück und Staunen, eine «spirituelle Öffnung». Monika Renz: «Es beeindruckt mich immer wieder, dass Menschen, die vorher verzweifelt waren und etwa nach Exit riefen, in diesen gelösten Zustand gelangen können.»

Nach dem Tod: Nichts überstürzen

Nach Eintritt des Todes brechen oft Hektik und Unruhe aus. Das ist unnötig. «Wichtig ist, sich Zeit zu nehmen und in Ruhe zu überlegen, was man jetzt tun will», sagt Andrea Jenny. Beispielsweise die Familienangehörigen informieren, die Abschied nehmen wollen. Das Gesetz verlangt, dass der Tod innerhalb von 48 Stunden gemeldet wird. Wenn der Tod in der Nacht eintritt, reicht es, wenn der Hausarzt am nächsten Morgen gerufen wird. Bestattungsunternehmen helfen bei der Vorbereitung und der Einkleidung der Leiche.

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Davor - Hindurch - Danach: Drei Stufen im Sterbeprozess

Die Sterbeforscherin Monika Renz unterscheidet im Sterbeprozess drei Zustände, die unter Umständen mehrfach erlebt werden. In Todesnähe, so die Forscherin, ist die Frage des sich ändernden Bewusstseins, der sich verändernden Wahrnehmung, zentral.

1. Davor – vor einer inneren Bewusstseinsschwelle
Sterbende sind ganz da, normal ansprechbar. Sie erleben als ein Ich intensive Begegnungen, Sinneseindrücke, aber auch Angst. Dem Ich wird alles genommen, was ihm gehörte, alles, was Ich war. Sterbende sagen: «Jeden Morgen ist es schlimmer, ich kann immer weniger.» Der Kampf um Einwilligung gehört ins Davor.

2. Hindurch – über diese Schwelle
Irgendwann wird nicht mehr gefragt, sondern nur durchlebt. Im Hindurch ist es, als wären alle vertrauten Strukturen, alle Gesetzmässigkeit unserer Wahrnehmung (oben/unten, hell/dunkel, ich/du) verloren. Angst wird erlebt als reine Körperreaktionen wie Schaudern, Schwitzen, Unruhe. Das Ich ist überwältigt und willigt doch ein.

3. Danach nach einer inneren Bewusstseinsschwelle
Alle Gebundenheit ans Ich, auch alle Wahrnehmung von Angst und Schmerz, ist wie losgelassen. Der Sterbende erlebt Friede, Glückseligkeit. Ein allfälliger Kampf ist durchgestanden. Viele Sterbende sind still. Ihre Ausstrahlung ist anders. Einige beginnen zu strahlen, zu gestikulieren: «So schön», Momente sind wie ewig.

Sterbeprozess: «Hilfe, ich falle!»

Ein Sterbeprozess, aufgezeichnet von Sterbeforscherin Monika Renz.

Ein junger Mann liegt seit Tagen im Sterben. Es ist, als würde ihn etwas hindern. Eines Morgens äussert er Angst, ständig zu fallen. Unruhe und Panik erfassen ihn. Er ruft um Hilfe: «Ich falle!»  «Sie fallen nicht», meint die Pflegerin, «sie liegen sicher in Ihrem Bett, die Gitter an beiden Seiten sind hochgezogen.» Doch ihre Worte scheinen am Sterbenden vorbeizugehen. Hat er sie überhaupt gehört? Noch einmal versucht sich der Mann deutlich zu machen und ruft: «Ich falle!» Mit verzweifeltem Gesichtsausdruck hält er sich am Bett fest. Hilflosigkeit macht sich bei Pflegenden und Angehörigen breit. Ich sage nun zu ihm, was er rational sicher nicht verstehen kann: «Sie fallen innerlich: Ihr Erleben von Schwerkraft, von Orientierung und Sein schlechthin verändert sich so fundamental, dass Ihnen ist, als würden Sie aus allem Vertrauten herausfallen.» Diese Worte erreichen ihn offenbar: Der Mann öffnet seine Augen und schaut mich an. Dann erfasst ihn erneute Panik: «Ich falle!» Ich bestätige: «Ja, Sie fallen. Der Durchgang ist schlimm. Aber dort, wo Sie hinfallen, ist es schön. Dort können Sie nicht mehr herausfallen.» Augenblicklich beruhigt sich der Leib des Mannes. Noch einmal schaut er mich mit grossen Augen an und murmelt: «Ja, sehr schön.» Dann versinkt er in einen schlafähnlichen Zustand, seine Not hat sich für Tage in Frieden verwandelt.

Buchtipps

Das Angebot an Beratungsbüchern ist gross. Hier eine kleine Auswahl.

  • Monika Renz: «Zeugnisse Sterbender»; Verlag Junfermann, 2008, 224 Seiten, Fr. 32.90.
  • Christa Dettwiler: «Zum Sterben will ich nach Hause. Ein Leitfaden für Angehörige»; Verlag Kontrast, 1999, 184 Seiten, Fr. 29.80.
  • Monika Specht-Tomann, Doris Tropper: «Bis zuletzt an deiner Seite. Begleitung und Pflege schwerkranker und sterbender Menschen»; Verlag MVG, 2008, 80 Seiten, Fr. 12.90.