Käthy Gyger hat wieder ein bewegtes Wochenende hinter sich. Am Samstag wurde sie von den Ärzten eines Spitals gerufen: Sie sollte einem Elternpaar beibringen, dass es um die Gesundheit seines Kindes schlecht stehe – dass es mit grosser Wahrscheinlichkeit sterben werde. Am Sonntag dann blieb sie bis spät in die Nacht bei einem Vater und seinen drei Kindern – die Mutter hatte sich einige Stunden zuvor das Leben genommen. Während die 45-jährige Familien- und Paartherapeutin das erzählt, reibt sie sich müde die Augen.

Seit bald sieben Jahren ist Käthy Gyger für die «Stiftung Begleitung in Leid und Trauer» mit Sitz in Winterthur im Einsatz. Während die Rettungssanitäter und die Ärzte alles tun, um Menschen am Leben zu erhalten, leistet sie bei den Angehörigen sozusagen erste Hilfe für die Seele. Vor allem dann, wenn die Mediziner ihren Kampf gegen den Tod eines Patienten verlieren.

«Ein plötzlicher Todesfall trifft die Angehörigen besonders hart», weiss Peter Fässler-Weibel. Er hat die «Stiftung Begleitung in Leid und Trauer» vor 13 Jahren gegründet, weil er immer wieder feststellte, dass Menschen durch den unerwarteten Verlust einer nahe stehenden Person zutiefst traumatisiert waren.

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Früher war es Aufgabe der Seelsorger, der Familie die unheilvolle Nachricht zu überbringen und ihr in den schweren ersten Stunden beizustehen. Heute aber, wo wir, so Fässler, «in einer multireligiösen Gesellschaft mit zunehmend religiöser Entfremdung leben», wird diese Aufgabe häufig von Polizeikräften und Rettungsleuten ausgeführt. Doch sie haben in der Regel wenig Zeit, so dass sich die Angehörigen in dieser Extremsituation oft nur ungenügend unterstützt fühlen.

Den Abschied möglich machen
«Ich bat darum, mit dem Helikopter mitfliegen zu dürfen», erinnert sich die Mutter eines verunfallten und kurz darauf verstorbenen Mädchens. Doch habe man sie nicht einmal zu ihrer Tochter hingehen lassen. «Mein Mann und ich mussten zusehen, wie der Heli aufstieg und verschwand. Einfach vergessen hat man uns.» Es habe sie fast zerrissen vor Schmerz.

Wird den Angehörigen die Möglichkeit genommen, sich gebührend vom sterbenden oder bereits toten Menschen zu verabschieden, können posttraumatische Reaktionen die Folge sein. Eine Frau hatte noch drei Jahre nach dem Tod ihres Partners heftige Albträume. Sie fand erst Ruhe, als Gyger ihr die Fotos vom Toten besorgte, die die Polizei noch an der Unfallstelle aufgenommen hatte.

«Niemand hat das Recht zu beurteilen, was die adäquate Trauerreaktion ist», betont Fässler in seinem Buch «Wie ein Blitz aus heiterem Himmel». Aufgabe der Begleiterinnen und Begleiter ist es deshalb, die Betroffenen zu animieren, ihre Gefühle zuzulassen und so Abschied zu nehmen, wie es ihnen entspricht.

Da die meisten ihre Bedürfnisse gar nicht kennen, ist es an Gyger, Angebote zu unterbreiten. Sie stellt den Angehörigen Fragen wie die folgenden: «Möchten Sie Ihren Mann nochmals zu sich nach Hause nehmen, damit Sie dort in aller Ruhe von ihm Abschied nehmen können?» Oder: «Möchten Sie ein Foto von Ihrer Schwester machen, bevor sie zum Friedhof überführt wird?» Oder aber: «Möchten Sie Ihr Baby ein letztes Mal waschen, eincremen und anziehen?»

«Der Entscheid für die eine oder andere Massnahme aber liegt einzig und allein bei den Betroffenen», betont Gyger, «und es muss ihnen unbedingt genug Zeit gelassen werden, zu diesen eigenen Bedürfnissen zu finden.»

Als Peter Fässler die «Stiftung Begleitung in Leid und Trauer» schuf, waren die Reaktionen eher kritisch: Von unerlaubter Einmischung in polizeiliche Untersuchungen war da die Rede oder von der Frage, ob eine Betreuung sinnvoll und nötig sei. Schliesslich gebe es doch genügend Ansprechpartner, Seelsorger etwa. Im Übrigen sei immer schon gestorben worden, und die Angehörigen seien auch ohne Betreuung ausgekommen.

Heute ist der Dienst längst etabliert: Bei tragischen Ereignissen wie dem Attentat von Luxor oder dem Unfall bei Bologna im Jahr 2000, wo Juniorfussballer aus Zürich-Affoltern verunglückten, werden die Therapeutinnen und Therapeuten der Stiftung regelmässig zu Hilfe gerufen. Aber auch beim Tod einzelner Menschen werden Käthy Gyger und ihr Team oft aufgeboten. «Ich bin unglaublich froh, dass es diesen Dienst gibt», sagt ein Sanitäter. «So kann ich ruhigen Gewissens wegfahren, wenn nach einem Notfall bereits wieder mein Piepser zum nächsten Einsatz ruft.»

Holz hacken vor lauter Wut
Käthy Gygers Beruf verlangt enorm viel von ihr. Die ausgebildete Familientherapeutin ist jeweils eine ganze Woche lang Tag und Nacht auf Pikett, und das ein- bis zweimal pro Monat. Sobald das Notfallhandy klingelt, schlüpft sie in ihre Schuhe und ist innert fünf Minuten mit ihrem Auto unterwegs. Ganz egal, ob an Silvester oder Weihnachten oder ob sie gerade erst von einem Einsatz heimgekommen ist – und eigentlich ein paar Stunden Schlaf nötig hätte, weil sie am folgenden Tag als Referentin an einer Tagung sprechen muss.

Käthy Gyger wirkt jung und frisch, vor allem wenn sie lächelt. «Das ist leider nicht immer so», betont sie. «Wenn ich von einem Einsatz zurückkomme, dann sieht man mir das manchmal an. Dann fühle ich mich auch mal zerschlagen und traurig.» Aber das sei auch richtig und wichtig so, sinniert sie. «Und wenn es einmal nicht mehr so sein sollte, höre ich auf – weil ich dann nicht mehr fähig wäre, die Bedürfnisse der Trauernden zu fühlen.»

Gespräche im Team und mit ihrem Lebenspartner sowie eine Fall-Supervision sind für Käthy Gyger meist das Wichtigste, um mit belastenden Erlebnissen umzugehen. Manchmal geht sie auch spazieren oder Holz hacken – «wenn ich meine Wut loswerden muss oder mein Unverständnis darüber, dass das Leben manchmal so ungerecht und grausam scheint».

Die Arbeit mit den Trauernden hat sie auch nach sieben Jahren noch nicht depressiv gemacht. Und doch hat diese Tätigkeit sie geprägt: «Durch das ständige Bewusstsein der eigenen Endlichkeit lasse ich möglichst nichts mehr anstehen. Wenn ich mit jemandem ein Problem habe, dann muss ich es ansprechen und vielleicht auch lösen – so rasch wie möglich.»

Zehn Schritte in Tagen der Trauer – und danach

  • Ich darf mich meiner Trauer völlig hingeben, ohne danach zu fragen, was andere Menschen denken.

  • Ich darf die Schmerzen zulassen, darf weinen und klagen und zornig sein.

  • Ich darf mich während meiner Trauer vom heutigen Leben zurückziehen und ganz in der Erinnerung leben.

  • Ich darf Dankbarkeit empfinden für diesen Menschen, gerade weil mich der Verlust schmerzt.

  • Ich darf Fragen zulassen über meine Versäumnisse gegenüber diesem Menschen. Wenn ich mich schuldig weiss, darf ich diese Schuld eingestehen.

  • Ich darf Fragen zulassen über Versäumnisse und Lieblosigkeit des verstorbenen Menschen mir gegenüber. Ich darf ihm Schuld auch nachträglich vergeben.

  • Ich darf zu Gott beten und klagen. Ich darf bei ihm «abladen».

  • Ich darf auf ein Leben nach dem Tod hoffen und trotzdem in dieser Welt leben.

  • Ich darf so trauern, weil es für mich und meine Heilung gut ist.

  • Ich darf das «neue Leben» nach der Trauer so führen, wie ich es für gut halte.



Quelle: «In Tagen der Trauer» von Rainer Haak; Herder-Verlag, 2003, 56 Seiten, Fr. 12.80