Also, es war einmal ein kleiner Junge. Nennen wir ihn Benjamin. Er lebte vor etlichen Jahren in Zug. Das ist eine Stadt, die an einem schönen See gelegen ist. Mitten in dieser Stadt steht ein sehr alter Brunnen. Der eckige Brunnentrog ist mit roten Geranien geschmückt. Und oben auf dem grossen Brunnen befindet sich eine mit Gold und leuchtenden Farben bemalte Figur. Man sagte, es sei der alte Kolin. Deshalb heisst der Brunnen auch Kolinbrunnen.

Viele Touristen und Besucher werfen hier Münzen ins Wasser, in der Meinung, dass sie ihnen dann Glück bringen würden. Benjamins Vater hatte hier am Brunnenplatz einen Verkaufsladen und der kleine Junge war oft bei seinem Vater hinter dem Ladentisch. Ja, damals gab es noch sehr viele kleine Geschäfte, in denen man einkaufte.

Benjamin spielte oft in den Strassen der Altstadt und natürlich auch am grossen Brunnen, vor dem Laden seines Vaters. Der Brunnen war ein ganz besonderer Anziehungspunkt für Benjamin. Er musste sich ordentlich anstrengen und sich auf die Zehenspitzen stellen, um über den Brunnenrand zu schauen. Wenn er dann durch das helle, klare Wasser blickte, so sah er die vielen grossen, glänzenden Münzen auf dem Grund liegen.

Sehnsüchtig blickte Benjamin immer wieder ins Wasser und sprach zum alten Kolin: «Die vielen Batzen kann ich brauchen, und morgen hole ich mir diesen Schatz.» Dann lief er nach Hause und baute sich einen speziellen Kran. Einen Kran mit einer kleinen Schaufel und einem langen Arm.

Als ich ihn beobachtete, stand er oben auf dem Brunnenrand. In der rechten Hand seinen Kran. Mit der linken Hand hielt er sich an den Wasserröhren fest. Kein Passant konnte ihn hier stören. Er hörte und sah nichts mehr. Auch das mit lautem Martinshorn vorbeifahrende Polizeiauto bemerkte er nicht. So vertieft war er in seine Arbeit.

Immer wieder liess er die Schaufeln ins Wasser herabtauchen. Liess sie ganz langsam über den Boden gleiten und holte so die glänzenden Münzen nach oben. Geschickt und schnell steckte er eine nach der anderen in die Hosentasche. Ganz nass, aber glücklich und zufrieden sprang er dann wieder auf den Bürgersteig zurück. Der alte Kolin oben auf dem Brunnen lachte heimlich. Er sah zu und hörte wie der Bub die Münzen zählte und zu sich selber sprach:

«Mein Lohn nur ein Franken zehn!
Im Brunnen war das Geld so gross,
in meiner Hand sinds Rappen bloss,
dies kann ich einfach nicht verstehn.»

Die Brunnenfigur, der alte Bannherr, der den kleinen Bub ja schon gut kannte, beugte sich ein wenig zu ihm hinunter und flüsterte: «Benjamin, glaube mir, der Schein trügt oft. Mein klares Wasser wirkt wie eine Lupe, wie ein Vergrösserungsglas. Deshalb hast du grosse Münzen gesehen und jetzt bist du enttäuscht, weil du nur kleine Münzen in der Hand hast. Aber kleine Dinge sind oft viel wert. Geld und Münzen brauchen wir zwar zum Leben. Doch es gibt etwas, das wir noch viel mehr benötigen. Das ist Liebe.»

In der nächsten Nacht, als Benjamin schon einige Stunden geschlafen hatte, erwachte er plötzlich. Der Mond schaute durch sein Fenster. Er leuchtete hell, wie ein grosses Geldstück und direkt auf Benjamins Bettchen.

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Zuerst erschrak der Kleine, aber dann stand auch schon die Traumfee im seinem Zimmer und sprach ganz leise mit Benjamin: «Benjamin, schau dir den Mond an. Er ist so gross und hell, wie ein wunderschöner Ball. Ganz aus Gold. Auch wenn er dir noch so gut gefällt, kannst du ihn nie und nimmer haben. Du darfst dich aber freuen, wenn er die dunkle Nacht hell erleuchtet. Das ist ein Geschenk. Das ist Liebe.» Bei diesen Worten schlief Benjamin wieder ein. Gute Nacht, kleiner Benjamin, und jetzt schlafe auch du.