Frage von Michelle L.: Ein halbes Jahr lang habe ich geglaubt, den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Er betonte immer wieder, wie sehr er mich liebe – wir sprachen auch von einer gemeinsamen Wohnung und sogar von Kindern. Dann fand ich heraus, dass er eine Verlobte hat, seine Gefühle für mich also nur Lüge waren. Ich fühle mich verarscht und könnte ihn erwürgen. Wie kann jemand so gemein sein? 

Ich kann Ihre Wut gut verstehen, und solange Sie diesen Mann nur in der Fantasie erwürgen, ist nichts dagegen einzuwenden: Gedanken sind frei und können nicht töten. Um sich zu entlasten, sollten Sie aber einen Weg finden, dem Mann Ihre Wut, die Enttäuschung und das Gefühl, missbraucht worden zu sein, in einer angemessenen Form mitzuteilen. Es wird Sie erleichtern, und es ist zu hoffen, dass er sich schämt und es ihn zum Nachdenken zwingt. Leider gibt es viele Menschen, deren Liebesfähigkeit begrenzt ist und die andere nur als Lieferanten von Befriedigung und nicht als liebenswürdige Wesen wahrnehmen.

Sie scheinen an einen solchen Menschen geraten zu sein. Es gibt in der Liebe reifere und unreifere Menschen, aber nicht nur dort. Der amerikanische Psychologe Abraham Maslow hat sein Leben der Erforschung menschlicher Motivation gewidmet. Er hat einen Katalog der Dinge aufgestellt, die wir brauchen, um uns glücklich zu fühlen: eine Hierarchie der menschlichen Bedürfnisse, die als Maslow-Pyramide bekannt geworden ist.

Wie gehen Menschen mit Bedürfnissen um?

Der Psychologe hat entdeckt, dass es grundsätzlich zwei verschiedene Arten gibt, mit Bedürfnissen umzugehen. Auf einer niedrigen Stufe versuchen wir rücksichtslos aus der Umwelt das zu beziehen, was wir zu benötigen glauben. Wir erwarten egoistisch Liebe, Sicherheit, Geborgenheit und Anerkennung. Maslow ist nun aber bei zufriedenen und erfolgreichen Persönlichkeiten noch auf eine reifere Form gestossen: Statt ausgehungert ihre Umwelt und ihre Mitmenschen auszunützen, sind sie stärker innengesteuert. Sie sind unabhängiger, strahlen Ruhe aus, können die Welt und die Mitmenschen klarer wahrnehmen. Sie sind nicht nur glücklich, wenn sie ein Ziel erreichen, sondern können bereits den Weg dahin geniessen. Sie haben ein starkes Ich, sind selbstbewusst und brauchen gerade deshalb nicht so egoistisch zu sein.

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Weil diese Personen in sich selbst ruhen, können sie andere Menschen und ihre Eigenart respektieren. Sie sind fähig, Kinder oder Lebenspartner einfach zu lieben, ohne gleich eine Gegenleistung zu verlangen. Obwohl Maslow skeptisch schätzt, dass nur zwei Prozent der Bevölkerung diese Stufe erreicht haben, ist es potenziell eine Möglichkeit, die jeder besitzt. Wir alle können «bessere» Menschen werden: gelassener, mitmenschlicher und reifer.