Iris G.: «Vor den Ferien streiten wir uns immer. Mein Freund will partout nichts planen, sondern losfahren und improvisieren. Oft finden wir kein Hotelzimmer, und wir haben auch schon im Auto übernachtet. Ich will diesen Stress nicht. Ich will sorgfältig planen, um mich entspannen zu können.»

Sie würde das freuen, aber Ihren Partner mit Sicherheit nicht. Er braucht die Aufregung, um Spass zu haben. Gerade dass etwas schiefgehen könnte, macht es spannend und erhöht sein Vergnügen, wenn dann am Schluss doch alles klappt. Leider haben Sie da beide unterschiedliche Bedürfnisse, und es wird immer wieder nötig sein, einen Kompromiss zu finden. Am besten wechseln Sie in der Organisation der Ferien ab. Wenn Sie am Zug sind, gibts Sicherheit und reibungs­loses Funktionieren, wenn er dran ist, Abenteuerferien.

Der gesellschaftliche Trend scheint heute eher Richtung Abenteuer zu gehen. Extremsportarten wie Bungee-Jumping, Base-Jumping oder Wingsuit-Fliegen werden immer populärer. Vorläufiger Höhepunkt ist der kürzlich gewagte Sprung aus dem Weltall. Es gibt Psychologen, die glauben, das alles hinge mit einer über­versicherten modernen Welt zusammen. Helmtragpflicht, Sicherheitsgurte, Vorsorgeuntersuchungen, Lebensversicherung und Rauchverbot schützen uns zwar, doch es gibt eben auch so etwas wie ein Unsicherheitsbedürfnis.

Das eigene Leben als «Thriller»

Der US-Psychologe Marvin Zuckerman nennt es «Sensation Seeking» und hat dieses Bedürfnis in den letzten Jahren untersucht. Er ist überzeugt, dass es neben Ängstlichkeit, Aggressivität, Gemeinschaftsbedürfnis und Aktivität einer der fünf wichtigsten Charakterzüge ist, die alle Menschen in unterschiedlichem Ausmass haben. Er hat die Sensations­sucher in vier Gruppen eingeteilt: Die Abenteurer suchen den Nervenkitzel bei körperlich hochriskanten Aktivitäten, die Erfahrungssucher sind Neugierige, die mit Drogen experimentieren oder fremde Kulturen bereisen, die Risikosucher sind enthemmte Grenzgänger, die leichtsinnig Risiken auf sich nehmen, etwa mit häu­figem Sex mit verschiedenen Partnern, und schliesslich sind da noch die Anti-Langweiler, die stets Neues brauchen, um den Alltag zu überstehen.

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50 Jahre zuvor war bereits der Psychoanalytiker Michael Balint auf das Phänomen Sensationssuche gestossen. Er ging von der Erlebnisqualität aus, die man im Englischen mit «Thrill» bezeichnet. Er ­beobachtete, dass es zwei grundsätzlich unterschiedliche menschliche Umgangsweisen mit der Welt gibt. Den einen ist vor allem Nähe und Schutz wichtig, die anderen dagegen brauchen Freiräume, um ­immer wieder neu Spannung zu erfahren und sich in der Bewältigung schwieriger Situationen zu bestätigen.

In psychoanalytischer Tradition geht Balint davon aus, dass in der frühesten Lebensphase eine ungetrübte symbiotische Harmonie mit der Mutter besteht. Zu erleben, dass diese ein Eigenleben hat und einen auch frustrieren oder einem gar verloren gehen könnte, macht Angst.

Darauf gebe es eben diese zwei Reak­tionsweisen: Man klammert sich fortan an Menschen, an Gegenstände, versucht alles im Leben zu kontrollieren, hat Angst vor dem Alleinsein und neigt bei Verlusten rasch zu Depressionen. Der andere Reaktionstyp macht aus der Not eine Tugend, er sucht die Distanz, die Gefährdung, das Abenteuer, um dann im Gelingen wieder ein Gefühl von Sicherheit zu erfahren. ­Balint nennt die Anhänglichen die Oknophilen (griechisch okneo: zögern, sich anklammern) und die Abenteurer Philobaten (in Anlehnung an Akrobaten). Philobaten müssen keine Extremsportler sein, auch auf einer Achterbahn lässt sich die philobatische Angstlust erleben.

Ein gesunde Mischung für Paare

Wenn die Charakterzüge in einer Partnerschaft extrem unterschiedlich ausgeprägt sind, kann das Probleme geben: Wer allzu fest klammert, zerstört mit ­Eifersucht und Kontrollwahn jede Beziehung. Wer umgekehrt immer Freiheit, Abenteuer und Abwechslung sucht, ist für den Aufbau einer stabilen Partnerschaft ebenso wenig geeignet. So empfiehlt sich ein gesunder Mix: Neugier und Abenteuer­lust erweitern unseren Erlebniskreis und bereichern das Leben, Nähe und Geborgenheit schenken uns immer wieder Ruhe und ein Gefühl der Sicherheit.

Buchtipp

Michael Balint: «Angstlust und Regression»; Klett-Cotta, 2009, 116 Seiten, Fr. 35.90