Frage von Elena B.: «Mein Mann arbeitet viel. Zum Ausgleich treibt er Sport und ist gern mit Freunden unterwegs. Ich fühle mich mit dem Haushalt und den Kindern alleingelassen. Wie kann ich ihn dazu bewegen, sich mehr in die Familie einzubringen?»

In vielen Partnerschaften ist die Auf­teilung von Arbeit und Anwesenheit ein Streitpunkt: Wie viel Freiraum darf sich jeder nehmen? Ist die Verteilung ausgewogen? Was ist fair?

Gerecht behandelt zu werden ist ein menschliches Grundbedürfnis. Nur wenn eine Art von Gerechtigkeit herrscht, ist ein Miteinander möglich und haben wir die Sicherheit, dass wir nicht ausgenutzt werden.

Die Psychologie unterscheidet verschiedene Prinzipien, die unser Gerechtigkeitsgefühl leiten. Das Gleichheitsprinzip fordert das Gleiche für alle, zum Beispiel was Rechte, Chancen und Geld betrifft. Das Beitragsprinzip verlangt, dass individuelle Anstrengungen belohnt werden: Wer viel leistet, soll viel bekommen. Das Anrechtsprinzip geht davon aus, dass gemäss Position und Status gewisse legi­time Ansprüche bestehen, etwa das Recht auf mehr Verdienst. Und das Bedarfs­prinzip sagt, dass jede Person das erhalten soll, was sie braucht – egal, was sie leistet.

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Wer trägt wie viel zum Wohl bei?

Auch in der Partnerschaft orientieren wir uns an diesen Prinzipien. Die Antwort auf die Frage, was denn nun in Beziehungen gerecht ist, ist jedoch äusserst schwierig. Denn Gerechtigkeit ist keine objektive Grösse. Gerechtigkeit ist immer meine subjektive Bewertung, ob mein Einsatz gemäss meinen Vorstellungen wert­geschätzt und belohnt wird. Gleich­­­zeitig bewerten wir auch den Einsatz des anderen. Doch ist etwa Kindererziehung ein Aufwand oder macht es vor allem Spass? Ist Rasenmähen ein wichtiger Beitrag für das Familienleben? Diesbezüglich können die Meinungen stark auseinandergehen. Und damit auch die Bewertung, wer wie viel zum Gelingen einer Partnerschaft und Familie beiträgt.

Studien zeigen: Wenn beide Partner das Gefühl haben, ähnlich viel in die Beziehung zu investieren, sind sie zufriedener. Wenn keine Balance herrscht, fühlen wir uns unfair behandelt. Wir reagieren mit Frust, Ärger und Trauer darüber, mit den Pflichten alleingelassen zu werden, und mit Neid und Eifersucht, weil der andere das hat, was man sich selber vielleicht auch wünscht.

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Das Abwägen von Kosten und Nutzen

Es lohnt sich daher, immer wieder gemeinsam zu überlegen, wie das Verhältnis von Kosten und Nutzen für beide verbessert werden kann. Kosten etwa im Sinne von Einschränkungen im Berufsleben, weniger Zeit für sich, finanziellen Verpflichtungen, Rücksichtnahme, Kompromissen, die schwerfallen. Nutzen dagegen im Sinne von Erfreulichem und Bereicherndem wie dem Gefühl, aufgehoben zu sein, Liebe und Vertrauen zu erhalten, finanziell abgesichert zu sein und gemeinsame Ziele zu erreichen.

Tipps für die Lösungsfindung

Gegenseitiges Verständnis für die Belastungen des Einzelnen ist die Basis dafür, dass Sie gemeinsam eine Lösung finden können. Bei der Lösung gibt es kein Richtig oder Falsch. Jedes Paar muss seinen eigenen Weg suchen.

  • Überlegen Sie für sich, warum Sie sich unfair behandelt fühlen. Was belastet Sie? Was brauchen Sie?
  • Wählen Sie einen ruhigen Moment aus, um über das Thema zu sprechen. Sagen Sie, wie Sie sich fühlen. Hören Sie auch Ihrem Mann zu, wie er die Situation einschätzt. Gegenseitige Wertschätzung ist ein Türöffner in vielen Paargesprächen.
  • Überlegen Sie, wie Sie beide Ihre Kosten in der Beziehung reduzieren und wie Sie einander unterstützen können.
  • Wenn Sie sich einig sind, dass Sie etwas ändern wollen: Machen Sie gemeinsam eine Liste mit Aufgaben, die regelmässig anstehen. Überlegen Sie sich, wer was übernehmen kann. Es kann hilfreich sein, dass jeder auswählen kann, was er gern tut. Die anderen Aufgaben können abwechselnd aufgeteilt werden. Vereinbaren Sie gemeinsame Ziele, halten Sie sich an die getroffenen Absprachen.
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Buchtipps

  • Hans Jellouschek: «Die Kunst, als Paar zu leben»; Verlag Herder, 2013, 144 Seiten, CHF 14.90
  • Guy Bodenmann, Caroline Fux: «Was Paare stark macht»; Edition Beobachter, 2013, 244 Seiten, CHF 38 (für Beobachter-Mitglieder CHF 29.90)