Eines war für Mary immer klar: Wenn ihr Mann sie je betrügen würde, ­würde sie gehen, zurück in die alte Heimat. Die Engländerin ist seit 16 Jahren mit einem Schweizer verheiratet und hat mit ihm zwei Söhne im Teenageralter. Das sagte sie sich immer – aber dann ging sie doch nicht.

Vor elf Monaten wurde Mary, die als Pflegerin arbeitet, im Altersheim ans Te­le­fon gerufen. Ob sie Mary sei, wollte eine Frauenstimme wissen. Es sei sehr wichtig, es gehe um ihren Mann. Leider müsse sie ihr mitteilen, dass dieser fremdgehe. «In diesem Moment fühlte ich gar nichts», ­erzählt Mary rückblickend. Sie konnte nicht weiterarbeiten und fuhr sofort nach Hause. Dort stellte sie ihren überraschten Mann zur Rede.

Mary packte die Sachen und betrank sich

«Ich sagte ihm, er müsse mir die Wahrheit sagen, sonst würde ich ihn kaputtmachen», erinnert sich Mary. Sie versprach ihrem Mann aber auch, dass sie versuche, nicht allzu stark zu reagieren, wenn er mit allem herausrücke. Daraufhin gab er zu, dass er zwei Jahre lang eine sexuelle Beziehung zu einer anderen Frau gehabt habe. Die Beziehung sei aber seit vier Monaten vorbei.

Mary packte und ging. Zuerst betrank sie sich, dann rettete sie sich zu einer Freundin, danach ins Kriseninterventionszentrum in Zürich. «Ich brauchte jemanden, der auf mich aufpasst. Ich wollte nur noch sterben.»

Nach zwei Tagen und vielen Ge­sprächen mit Psychologen rief Mary ihren Mann an, um sich mit ihm zu verabreden. «Als wir uns trafen, fühlte es sich an, als sähen wir uns das erste Mal», erinnert sie sich. «Er war mir fremd.» Sie redeten mehrere Stunden miteinander: über die andere Frau, aber auch darüber, wie hoch die Alimente bei einer Trennung wären oder was es bräuchte, damit sie bliebe. «Er sagte, er würde alles machen, was ich wollte», sagt Mary.

Die Hitze des Gefechts

Nach einer weiteren Nacht im Kriseninterventionszentrum kehrte Mary zu ihrem Mann zurück. «Entscheidend war, dass er die Beziehung zur anderen Frau beendet hatte», erklärt sie. Andernfalls hätte sie ihn verlassen. Mary und ihr Mann vereinbarten eine Paartherapie. Kurz darauf suchten sie einen Therapeuten in Winterthur auf, den ihnen ein befreundetes Paar empfohlen hatte. Die Therapie sei wie ein Anker gewesen, der sie vor dem Ertrinken gerettet habe. Geholfen habe vor allem, dass sie und ihr Mann sich einmal richtig aus­sprechen und sich alles an den Kopf schmeissen konnten. Mary hatte ihren Mann bis dahin erst zweimal weinen sehen. In der Therapie weinte er hingegen oft. «Es war nur schon schön, ihn so zu erleben und zu sehen, dass er sich schämte.» Die Therapie zeigte auf, dass sie immer weiter auseinandergedriftet waren, immer mehr wie in einer Wohngemeinschaft gelebt hatten.

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Schnell wieder im Alltagstrott

Es ist ihnen bewusst geworden, wie wichtig die gemeinsame Zeit ist, sich verbunden zu fühlen und zu spüren, was dem anderen guttut. «Wir haben auch herausgefunden, dass wir in der Krise am besten zusammen funktionieren, die guten Zeiten aber nicht wirklich zu geniessen wissen.»

Mary und ihr Mann besuchen die Paartherapie noch immer rund zweimal im Monat – zusammen oder bei Bedarf einzeln. «In der Schockphase ging es mir nur ums Überleben. Danach ums Ge­winnen», sagt Mary offen. «Keine andere sollte meinen Mann kriegen.»

Nach elf Monaten ist jetzt wieder der Alltag eingekehrt, und in diesem müssen die beiden nun bestehen. Aber selbst wenn ihre Ehe nach allem doch noch auseinanderbrechen sollte, fügt Mary an, sei es doch eine gute Entwicklung für ­beide gewesen.