Frage von Maya P.: «Ich bin eine junge alleinerziehende Mutter eines quirligen Buben von anderthalb Jahren. Immer wieder massen sich wildfremde Menschen an, mir Tipps für den Umgang mit dem Kind zu geben. Das ärgert mich sehr. Wie soll ich reagieren?»

Einmischungen, Kritik und eigentlich wohlgemeinte Tipps und Tricks können sehr verletzen. Ratschläge können helfen, wenn um sie gebeten wird. Ungefragt Ratschläge zu erhalten heisst für uns oft, dass die Art kritisiert wird, wie wir eine Situation angehen. Oder dass an unserer Kompetenz gezweifelt wird. Solche Hinweise können verletzend sein, auch wenn sie mit Achtung ausgedrückt werden. Denn Fremde beurteilen eine Situation oft, ohne genaue Informationen zur Vorgeschichte zu haben.

Wenn uns eine Bemerkung innerlich trifft, werden wir wütend, ärgerlich oder trotzig. Wir fühlen uns verletzt, unverstanden, erniedrigt, angegriffen und falsch beurteilt. Manchmal nagt diese Wut noch über lange Zeit, wir hegen Rachegefühle, werten in Gedanken den Kränkenden ab oder fühlen uns ohnmächtig, dass wir eine solche Situation nicht verhindern können.

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Doch warum kränken uns solche Bemerkungen?

Wir alle sind in gewissen Bereichen kränkbar, manche häufiger und schneller als andere. Eine Bemerkung, die den einen Menschen kränkt, kann ein anderer jedoch ohne Probleme ignorieren oder belächeln. Es kommt ganz auf die Bedeutung an, die man der Sache gibt.

Die Wut ist eine Art Schutz

Die Bemerkung kann nur kränken, wenn sie einen wunden Punkt in uns trifft. Einen Bereich, der für uns wichtig ist, für den wir sensibel sind und den wir schützen, da wir uns sonst abgewertet fühlen. Die aufkommende Wut hat eine Art Schutzfunktion: Sie lenkt von der Kränkung ab. Sie überlagert das Gefühl von Abwertung, Scham, Angst oder Schmerz. Ob wir etwas als Kränkung empfinden, hat daher primär etwas mit uns selber zu tun.

Erfahrungen, dass einem nie etwas zugetraut wurde, können solche wunden Punkte sein. Oder dass man das Gefühl hat, etwas nicht genügend zu können. Dass man anders ist als die anderen. Oder dass man sich absetzen möchte von der Erwartung, wie andere über einen denken. Zum Beispiel von der Erwartung, dass eine junge Mutter noch zu wenig Wissen und Erfahrung hat, ein Kind zu erziehen. Diese Grundgedanken und die eigene, persönliche Bewertung geben der Bemerkung schliesslich die spezielle Bedeutung und das Gewicht.

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Wie kann man den Ärger verringern?

Sie können nicht gänzlich verhindern, dass Leute Ihnen ungefragt ihre Meinung sagen. Insbesondere, wenn die betreffende Person kurz danach quasi in der Menge verschwindet. Sie können jedoch Einfluss darauf nehmen, ob die Bemerkung Sie schmerzt, beleidigt und länger plagt.

Ein guter Schutz gegen Kränkungen ist ein gutes Selbstwertgefühl. Wenn Sie merken, dass Sie vor allem auf Äusserungen in einem gewissen Gebiet wie etwa Erziehungsfragen verletzt reagieren, überlegen Sie sich: Warum bin ich in diesem Bereich so verletzlich? Welches Bild von mir wird mit dieser Bemerkung tangiert?

Gestehen Sie sich zu, dass Sie verletzt sind. Nehmen Sie wahr, was Sie fühlen. Die aufkommenden Gefühle werden Ihnen helfen, Ihren wunden Punkt zu finden.

Halten Sie sich vor Augen, dass die Äusserungen anderer nur deren Einschätzung widerspiegeln. Diese muss nicht der Realität entsprechen. Vielleicht haben die Leute, die Ihnen Tipps geben, das Gefühl, Sie könnten die Situation allein nicht meistern – und wollen helfen. Es ist Ihre Wahl, die Tipps anzunehmen. Oder sich zu sagen: «Ich mache es gut so. Ich weiss, was ich tue. Ich muss nicht alles perfekt machen.»

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Überlegen Sie sich, ob Ihnen die Meinung der anderen Person wichtig ist. Wenn nicht, lassen Sie das Geschehene geschehen sein. Und freuen Sie sich an dem, was Ihnen wirklich wichtig ist.

Buchtipps

Bärbel Wardetzki: «Nimms bitte nicht persönlich. Der gelassene Umgang mit Kränkungen»; Verlag Kösel, 2013, 112 Seiten, CHF 19.90

Doris Wolf: «Ab heute kränkt mich niemand mehr»; Verlag Pal, 2012, 244 Seiten, CHF 23.90