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Erziehung«Als ob die kleinen Kinder schon eine Persönlichkeit hätten!»

Immer mehr Eltern erziehen ihre Kinder wie Partner. Und damit zu Tyrannen, meint der deutsche Kinderpsychiater und Bestsellerautor Michael Winterhoff.

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Beobachter: Sogar auf Japanisch soll Ihr Buch «Warum unsere Kinder Tyrannen werden» erscheinen. Wie viele Exemplare haben Sie bereits verkauft?
Michael Winterhoff: Um die 300'000.

Beobachter: Dann sind Sie bald Millionär?
Winterhoff: Sie stellen ja Fragen. Aber das ist gar nicht der Punkt. Wir haben immer mehr schwerstgestörte oder auffällige Kinder, die nicht lebenstüchtig werden. Das ist alarmierend. Deshalb habe ich das Buch geschrieben.

Beobachter: Beim Lesen dachte ich: «Meine Güte, Eltern von heute erziehen ihre Kinder zu Psychopathen!»
Winterhoff: Das stimmt doch nicht! Psychopathen sind psychisch krank. Die Kinder, die ich meine, sind nicht psychisch krank, sondern emotional nicht entwickelt.

Beobachter: Jetzt schalten Sie aber ein paar Gänge herunter. Im Buch schreiben Sie vielleicht nicht von Psychopathen, aber von «Monstern»...
Winterhoff: Nein!

Beobachter: Doch. Auf Seite 14. Und von «Tyrannen».
Winterhoff: Aber nicht die Kinder sind Tyrannen, sondern die Jugendlichen! In Deutschland hatten wir schon 2004 20 Prozent nicht arbeitsfähige, auf dem Arbeitsmarkt nicht vermittelbare 18-Jährige. Jeder Fünfte! Die haben keine Leistungs­bereitschaft, keinen Sinn für Pünktlichkeit, die kann man in keinem Betrieb gebrauchen. Und 30 Prozent der Kinder sind schon vor der Einschulung wegen Verhaltensauffälligkeit in Behandlung. Das ist eine neue Entwicklung.

Beobachter: Wie äussern sich diese Auffälligkeiten bei Kindern, die zu Ihnen in die Praxis kommen?
Winterhoff: Die nehmen mich gar nicht wahr, wenn ich den Raum betrete, grüssen auch nicht. Sie sind respektlos, frech, können nicht ruhig sitzen bleiben. Gegenstände herumzuwerfen gehört zu ihren bevorzugten Reaktionen in Konfliktsituatio­nen. Ein gesundes fünfjähriges Kind kann unterscheiden zwischen sich selbst und Ihnen als ­Gegenüber. Das zeigt sich daran, dass Eltern oder Lehrer Einfluss auf das Verhalten des Kindes haben. Ein gesunder Fünfjähriger würde für Sie alles erledigen, zum Beispiel den Tisch decken, wenn Sie ihn dazu auffordern. Und zwar gern, sofort, gleich und ohne Kommentar.

Beobachter: Was soll schlimm daran sein, wenn das Kind mal den Tisch nicht decken will?
Winterhoff: Dass es mal murrt oder sich verweigert, ist normal. Aber hier geht es um Kinder, die praktisch jeden Auftrag, den man ihnen erteilt, nicht ­direkt ausführen. Stellen Sie sich in Deutschland vor eine Grundschulklasse und sagen: «Holt bitte das Deutschbuch hervor!» Nur wenige Kinder werden diesen Auftrag sofort ausführen. Weil die Kinder psychisch unterentwickelt sind. Die werden später nicht arbeits- und ­beziehungsfähig sein. Mir geht es nicht darum, den Horror an die Wand zu malen. Aber wenn wir nicht bereit sind, dieses Problem zu sehen und anzugehen, dann werden wir mit diesen Kindern nicht mehr fertig.

Beobachter: Was machen die Eltern falsch?
Winterhoff: Es handelt sich um Beziehungsstörungen. Eltern verschmelzen in einer Symbiose ihre Psyche mit der ihres Kindes. Das Kind wird gewissermassen zu einem Körperteil der Eltern. Nehmen wir eine Szene im Restaurant. Das Kind tigert im Raum herum, viele Gäste fühlen sich gestört. Der Mutter fällt es gar nicht auf, dass ihr Kind laut ist und herumtobt. Weil es ein Teil ihrer selbst ist.

Beobachter: Wenn ich der Mutter sagen würde, ihr Kind sei frech, empfindet sie das so, als ob ich sie selber als frech beschimpfen würde?
Winterhoff: Genau. Das ist, wie wenn Sie an ihrem Arm kratzen würden. Das wird sie sich verbitten. Lehrer haben das gleiche Problem. Wenn der Sohn nach Hause kommt und klagt, die Lehrerin habe ihn angebrüllt, werden Eltern in einer Symbiose wahrscheinlich gegen diese Lehrerin vorgehen, statt abzuklären, was los war.

Beobachter: Weil sie sich nicht mehr von ihrem Kind abgrenzen können?
Winterhoff: Ja. Wenn ich das Kind auffordere, sich anzuziehen, und es sagt: «Mach ich nicht!», dann wäre das vor 20 Jahren schlicht ein freches Verhalten gewesen. Und wenn ein Kind frech ist, schick ich es aufs Zimmer. Ich grenze mich ab. In der Symbiose aber reden die Eltern mit dem Kind, diskutieren, argumentieren, versuchen herauszufinden, was beim Kind abgeht. Das ist, wie wenn Sie am Bahnhof angepöbelt würden. Normalerweise gehen Sie weiter und lassen den Typen links liegen. Wenn Sie in einer Symbiose wären, liessen Sie sich auf eine Diskussion ein und überlegten: Warum pöbelt der mich an? Und wie krieg ich ihn dahin, dass er nicht mehr pöbelt? Statt sich abzugrenzen und weiterzugehen.

Beobachter: Sie meinen, die Eltern vergessen vor lauter ­Diskutieren das Handeln?
Winterhoff: Damit sprechen Sie eine weitere Beziehungs­störung an, die Partnerschaftlichkeit. Die ist heute fast schon der Normalfall. Kinder werden zu Partnern der Eltern gemacht. Dahinter steckt die Vorstellung, dass ich Kinder mit Erklären erziehen kann. Das funktioniert beim Kleinkind aber nicht. Dieses offene Konzept haben wir auch im Kindergarten und in der Grundschule. Für mich als Kinderpsychiater ist das eine Kata­strophe. Als ob die kleinen Kinder schon eine Persönlichkeit hätten!

Beobachter: Die haben sie noch nicht?
Winterhoff: Nein. Ihre Psyche muss erst noch aufgebaut werden. Und das geschieht nur, wenn man ihnen immer wieder zeigt, was richtig und was falsch ist. Die Psyche bildet sich erst im Lauf der Kindheit aus – und keineswegs automatisch. Das braucht Übung. Je kleiner die Kinder sind, desto klarer muss die Führung sein. Wenn ich sie wie Partner behandle, gebe ich dem Gehirn des Kindes gar nicht die Möglichkeit zu lernen.

Beobachter: Die Kinder sind überfordert?
Winterhoff: Völlig. Und emotional entwickeln sie sich nicht. Zu diesem partnerschaftlichen Modell, das mit der 68er Generation aufkam, gehört die Vorstellung, dass die Kinder selber bestimmen, was sie in der Grundschule machen. Mit der Vorstellung, sie lernten dann besser. Der Lehrer tritt immer mehr in den Hintergrund, damit sich die Kinder angeblich frei entfalten können. Ein Lehrer hingegen, der das Kind als Kind sieht, wird selbstverständlich Hausaufgaben kontrollieren und sagen: «Das schreibst du neu.» Dieser Lehrer signalisiert ganz klar: Ich bestimme dich, nicht umgekehrt. Es geht dabei überhaupt nicht um einen Kasernenhofton oder darum, dass alle Lehrer und Eltern autoritäre Knochen werden. Wir müssen aber als Menschen erst mal lernen, dass wir fremdbestimmt sind. Das kann ich als Erwachsener nur, wenn ich als Kind gelernt habe, dass ich bestimmt werde.

Beobachter: Stammen die von Ihnen kritisierten Kinder aus prekären Verhältnissen?
Winterhoff: Nein, im Gegenteil. Ich habe in meiner Praxis vor allem mit engagierten, gesunden und beziehungsfähigen Eltern zu tun. Gute bürgerliche Mittelschicht. Diese Kinder sind nicht verwahrlost, keine Schlüsselkinder. Trotz solch optimalen Bedingungen sind sie respektlos und emotional unter­entwickelt.

Beobachter: Verstehen Sie, dass man Ihr Buch als Fertigmachen von Eltern lesen kann?
Winterhoff: Nein. Viele Eltern, die mir schreiben, fühlen sich bestätigt. Es geht ja gar nicht nur um Eltern, es geht auch um Kindergärten und Schulen.

Beobachter: Aber die Misere beginnt doch im Elternhaus.
Winterhoff: Natürlich fängt es im Elternhaus an.

Beobachter: Eben. Ihr Buch ist eine Abrechnung mit den heutigen Eltern.
Winterhoff: Es ist überhaupt keine Abrechnung, sondern eine Analyse. Und die Grosseltern bekommen doch auch ihr Fett ab. Wenn Sie eine Oma...

Beobachter: ...ja, was machen denn die Omas falsch?
Winterhoff: Die sind in der Projektion.

Beobachter: Wie bitte?
Winterhoff: Eine Oma hätte früher den Enkel verwöhnt und ihm das Lieblingsessen gekocht. Aber sie hätte auch verlangt: «Du wäschst dir erst die Hände, setzt dich an den Tisch, wo du sitzen bleibst, bis wir beide das Essen beendet haben.» Kurz: Sie hat erzogen. Eine Oma von heute, die geliebt werden will, wird kaum mehr erziehen. Weil sie befürchten muss, dass der Enkel sie dann nicht mehr besuchen kommt.

Beobachter: Es gibt doch auch die Familien, die ihre ­Kinder vollstopfen mit Frühchinesisch, ­Frühschwimmen, Frühklavier – Disziplin von früh auf. Nichts von 68er Kuschelpädagogik.
Winterhoff: Das sind die Partnerschaftlichen. Gerade mit solchen habe ich ja zu tun. Die wollen ihren Kindern alles bieten. Deshalb haben wir Kinder, die mit vier schon grandios che­mische Formeln rauf und runter erzählen können, aber emotional nichts draufhaben.

Beobachter: Seit je erziehen Eltern intuitiv. Warum klappt das heute nicht mehr?
Winterhoff: Das hat mit dem enormen Wohlstand zu tun. Da sind Sie in Gefahr, nur noch Ihre Bedürfnisse zu befriedigen, auch die der Kinder. Bis 1990 wurden Kinder noch als Kinder gesehen. Dann wurde das traditionelle Denken abgelegt. Wir haben auch keine brauchbaren Vorbilder mehr in Deutschland, die Globalisierung...

Beobachter: ...das versteh ich jetzt nicht.
Winterhoff: Lassen Sie mich zu Ende führen. Wir haben keine Sicherheit bei Krankenkasse und Rentenversicherung, wir haben angstmachende Prozesse, Windows 95, der Computer, der in alle Haushalte einzog. Das müssen wir ja alles psychisch verkraften. Unsere Wünsche nach Orientierung und Sicherheit werden durch die Gesellschaft nicht mehr befriedigt. Und jetzt bietet sich das Kind zur Kompensation an. Und zwar nach dem Motto: Wenn mich draussen keiner mehr liebt, dann soll das halt mein Kind tun.

Beobachter: Gibt es bald einen pädagogischen Führerschein für Eltern?
Winterhoff: Das wäre ja fürchterlich. Es reicht völlig, wenn Erwachsene wieder Erwachsene sein wollen.

Michael Winterhoff, 53, ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit eigener Praxis in Bonn. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sein Buch «Warum unsere Kinder Tyrannen werden» (Gütersloher Verlagshaus) ist seit Monaten auf den Bestsellerlisten. Im Januar erscheint der Folgeband «Tyrannen müssen nicht sein. Warum Erziehung nicht reicht – Auswege».

Veröffentlicht am 08. Dezember 2008