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Erziehung«Das Kind ist viel zu schüchtern»

So erlernen allzu scheue und ängstliche Kinder ein gesundes Selbstbewusstsein.

Schüchterne Menschen halten sich zurück, 
aus Angst, von andern kritisiert, verurteilt oder gar belächelt zu werden.
von aktualisiert am 04. Juni 2018

Frage von Marcel und Susanne W.: «Unser Sohn Luca geht in die zweite Klasse und ist auffallend schüchtern. Für einen Jungen ist das doch eher ein Nachteil. Wie können wir ihn stärken?»

Zuerst geht es sicher einmal darum, Luca so anzunehmen, wie er eben ist. Nicht jeder Junge muss vorlaut und aggressiv sein. Und grundsätzlich sind unsere Kinder selten so, wie wir sie uns wünschen, sondern eigene Persönlich­keiten, die sich von uns unterscheiden und unsere Idealvorstellungen nicht immer erfüllen müssen.

Ich verstehe aber Ihre Sorge. Schüchternheit Schüchternheit Scheue leiden still kann nämlich tatsächlich quälend sein. Wichtig ist es deshalb, sorgfältig zu klären, ob sich Luca mit seiner Art wohl fühlt oder ob er darunter leidet.

Über­grosse Zurückhaltung ist zweifellos immer eine Belastung. Der Zürcher Erziehungswissenschaftler Georg Stöckli erforschte das Phänomen Schüchternheit über einen längeren Zeitraum und schrieb anschliessend ein Buch darüber. Gemäss seinen Erhebungen und der Einschätzung von Lehrerinnen und Lehrern ist etwa ein Sechstel aller Kinder auf der Unterstufe überdurchschnittlich schüchtern. Ihr Problem wird meist unterschätzt, weil sie viel weniger Aufmerksamkeit erregen als aggressive Schüler. Etwa die Hälfte von ihnen verliert ihre Schüchternheit im Verlauf der ersten drei Schuljahre. Die andern leiden weiter.

Wer sich nicht präsentiert, geht unter

Weil sie nicht stören, kümmert sich oft niemand um ihr Problem, und die Schüchternheit bleibt bis weit ins Erwachsenenalter bestehen. Das bedeutet weiteres Leiden, denn wir leben in einer Gesellschaft, in der man aufgestellt und cool sein und eine Menge Freunde haben muss. Selbstsicheres, extrovertiertes Auftreten ist gefragt. «Wir leben in einer Selbstdarstellungsgesellschaft», sagt Stöckli. «Wer sich nicht präsentieren kann, hat keinen Erfolg, geht unter.» Den Schüchternen fällt gerade das schwer oder ist ihnen unmöglich, denn Schüchternheit ist im Kern eigentlich Sozialangst. Schüchterne Menschen halten sich zurück, aus Angst, von andern kritisiert, verurteilt oder gar belächelt zu werden. Sie machen sich viel zu viele Gedanken über das Urteil anderer. Weil sie gerne dabei sein und bei den andern ankommen möchten und gleichzeitig Angst davor haben, abgelehnt zu werden, entstehen quälende innere Spannungen.

Schüchterne Kinder leiden deshalb gerade in der Schule, in der sie sich inmitten der Kinder behaupten müssen, besonders stark. Es wird ja erwartet, dass die Schüler im Unterricht aktiv mitmachen und Antworten geben. Jede Äusserung birgt aber für schüchterne Kinder das Risiko, für dumm gehalten zu werden. Diese Angst hemmt ihr Verhalten und verunmöglicht eine unbeschwerte Beteiligung. Wird das Kind trotzdem aufgerufen, macht das alles noch schlimmer. Es fühlt sich noch stärker blockiert und zieht sich noch mehr zurück. Ein Teufelskreis.

Aber scheue Kinder haben es auch ausserhalb des Klassenzimmers schwer. Sie haben kaum Freunde, und es fehlt ihnen die Sozialkompetenz, um sich in Spielgruppen einzubringen. Das alles führt natürlich auch dazu, dass sich kein starkes Selbstbewusstsein entwickeln kann. Zur äusseren Scheu kommt also noch eine grosse innere Unsicherheit.

Mehr Selbstsicherheit für Scheue

Als Ursache für Schüchternheit kommen verschiedene Faktoren in Frage. Es kann eine angeborene Dünnhäutigkeit sein. Was die einen kaum berührt und an ihnen abläuft wie Wasser, trifft andere, sensiblere, schmerzhaft. Oder Ängstlichkeit und Hemmungen wurden von Eltern weitergegeben, die selber unter Schüchternheit leiden und damit für die Kinder ein Modell darstellen, das diese übernehmen. In einigen Fällen ist die Schüchternheit eine Folge von veritablem Mobbing.

Begleitend zu seiner Forschung hat Professor Stöckli an der Uni Zürich ein Programm für schüchterne Kinder entwickelt: SoFiT, Soziales Fitness-Training für Primarschüler. Mit Übungen, die Spass machen, werden die Kinder mutiger und sozial kompetenter. Das Training kostet nichts und wirkt gut: Monate später befragt, empfanden sich die Kinder als weniger ängstlich – und auch ihre Lehrer bemerkten einen Unterschied.

Soziales Fitness-Training für Kinder

Das Soziale Fitness-Training richtet sich gezielt an Kinder, die sich in der Schule aufgrund von sozialen Hemmungen und sozialer Ängstlichkeit nicht angemessen entfalten können und als schüchtern und zurückhaltend auffallen. Hier gehts zur Webseite des Programms Sozial Fit – SoFit.

«Tun Sie sich etwas Gutes.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

Tun Sie sich etwas Gutes.

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