«Ich kann nicht mehr»: Diesen Satz hört Therese Zweifel häufig von Eltern. Es sind engagierte Väter und Mütter von Teenagern, die zu ihr kommen. Sie ver­suchen mit aller Kraft, das «Richtige» und «Beste» für ihre Kinder zu tun – und stos­sen dabei an ihre Grenzen. Psychologin Zweifel, die seit zehn Jahren bei der Zürcher Jugendseelsorge Eltern und Jugend­liche berät, erklärt die Hilferufe damit, dass «die Ansprüche an Familien in den letzten Jahren nicht nur gestiegen, sondern teils auch widersprüchlich sind».

Der Einfluss der sozialen Medien wächst

Eltern sollen ihren Nachwuchs zu leistungsfähigen Menschen erziehen, aber auch Raum lassen zum Kind-Sein. Die Zöglinge sollen selbständig sein, aber dabei keinen Blödsinn anstellen und sich bitte auch anpassen können. Sie sollen mitdenken, aber nicht alles hinterfragen.

Erziehung nach Gutdünken und Bauchgefühl kommt heute gesellschaftlich nicht mehr an. Gute Eltern halten sich über Erziehungsfragen auf dem Laufenden und setzen sich fundiert mit dem Thema aus­einander. Die unzähligen Erziehungsrat­geber in den Buchhandlungen zeugen davon. Die Infoflut verstärkt den Druck, stellt Beraterin Zweifel fest: «Viele Eltern suchen nach dem ‹Richtigen› und wissen nicht, wofür sie sich entscheiden sollen.»

Der Soziologe François Höpflinger von der Uni Zürich sieht einen Grund für das Hadern vieler Eltern in der Diskrepanz zwischen dem vorherrschenden, nach wie vor traditionellen Familienbild und der Realität. Noch immer seien viele der Ansicht, Eltern seien für alles verantwortlich, was der Nachwuchs ausfrisst. «Unsere immer älter werdende Gesellschaft, die tendenziell an Kinderfreundlichkeit verliert, wünscht sich nach wie vor klare Verantwortlichkeiten», erklärt der Familiensoziologe. Alkoholexzesse, Schmierereien und Schlägereien wollen Schuldige sehen.

Doch die Möglichkeiten, den Nachwuchs zu formen, sind längst nicht mehr so gross. «Die Rolle der Väter und Mütter fokussiert sich immer mehr auf jene eines Coachs», sagt Höpflinger. Andere Einflussgruppen nähmen an Bedeutung zu: Krippen und Horte, Schulen, Vereine, Freunde, soziale Medien. Innerhalb der Familien führt die sinkende Toleranz der Gesellschaft für Kinder laut Höpflinger zu mehr Solidarität (siehe «Eltern und Kinder verstehen sich besser als früher»). Eltern stellen sich – teils radikal – vor ihre Töchter und Söhne und verteidigen sie gegenüber Lehrpersonen und anderen Instanzen.

Der Einfluss sinkt, die Ansprüche sind eher gestiegen. Eine verfahrene Situation. Dabei haben Eltern heute das gleiche Ziel wie schon ihre Eltern und Grosseltern: Sie wollen gute Väter und Mütter sein und für ihre Kinder nur das Beste. Aber in den letzten Jahren haben sich zu diesem Ziel einige Aspekte hinzugesellt, sagt Renato Meier, Leiter der Familien-, Paar- und Erziehungs­beratung in Basel: «Eltern haben zusätzlich den Anspruch, auch eine gute Paarbeziehung zu führen, bei der Arbeit eine gute Figur zu machen, Freundschaften zu pflegen und sich als Individuum weiterzuentwickeln.» Entsprechend seien die Ansprüche komplexer geworden.

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Auch die Förderung der Kinder hat sich verändert: Früher reichte es einer Familie oft, wenn einer der Sprösslinge sich hervortat, sagt Soziologe Höpflinger. «Heute haben die meisten Paare ein oder zwei Kinder – auf ihnen liegt der alleinige Fokus.» Sie sollen möglichst alle Möglichkeiten haben. Jugend- und Berufsberaterin Therese Zweifel: «Vätern und Müttern wird überall suggeriert, es seien nur noch die Besten gefragt – Firmen wollen jene mit dem besten Notenschnitt, Musikwett­bewerbe jene mit der plattentauglichsten Stimme, und die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium schaffen auch nur wenige.»

Um das Beste herauszuholen, wird gefördert, gefördert, gefördert – und entsprechend gefordert. Berater Meier ist damit in seinem Berufsalltag häufig konfrontiert: «Eltern investieren viel Zeit und Geld in den Nachwuchs und erwarten entsprechend viel.» Bis die Kinder streiken. Wie jener Junge, von dem Psychologin Zweifel berichtet: Er hatte eine Lehre machen wollen. Doch seine Eltern, Akademiker, setzten sich durch. Der Sohn ging zur Mittelschule. Kurz vor Abschluss schmiss er die Schule. Jetzt ist er vorübergehend von daheim ausgezogen – und sucht eine Lehrstelle in der Gastronomie.

«Eltern haben manchmal das Gefühl, sie könnten mit genügend Förderung aus ihren Kindern Genies machen», sagt Verhaltenspsychologin Elsbeth Stern von der ETH Zürich. Das sei allerdings Wunschdenken. Kein Förderunterricht bringe ­etwas, wenn nicht eine Grundbegabung vorhanden sei. Hingegen hätten Eltern auf die emotionale Entwicklung ihres Nachwuchses grossen Einfluss: «Sie lehren die Kinder Werte, Vertrauen und den Umgang mit Emotionen und können ihnen früh zeigen, wie sie ihre Intelligenz nutzen können.» Mit kleinen Dingen im Alltag, indem man mit ihnen zum Beispiel überlege, wie viele Gabeln es für den Besuch zum Abendessen braucht.

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Es gibt mehr als eine Wahrheit

In der Teenager-Phase nimmt der Einfluss der Eltern zwar ab, sagt Stern. Dennoch müssten Eltern immer klar signalisieren, was ihnen wichtig sei, und eingreifen, wenn sie sähen, dass Jugendliche sich längerfristig gefährdeten. Haare­färben sei eine Sache, sagt die Wissenschaftlerin. Kriminalität eine andere. «Teenager neigen erwiesenermassen dazu, in Gruppen Risiken einzugehen, ohne sich der Folgen bewusst zu sein.»

Psychologin Zweifel rät Eltern in Gesprächen zu «weniger normativem Denken». «Was gesellschaftlich als gut und das Beste angesehen wird, ist nicht die einzige Wahrheit.» Oft sei für das Kind ­eine Variante passender, die sich mit den hohen Ansprüchen nicht decke. «Damit wird es zufriedener. Und das nimmt den Druck von Kind und Eltern.»

Familienkreis: Eltern und Kinder verstehen sich besser als früher

Auch wenn die Ansprüche an die Eltern gestiegen sind und sich daraus Konflikte mit den Kindern ergeben: Die Beziehungen innerhalb der Familie sind in den letzten Jahrzehnten eher besser geworden, sagt Familiensoziologe François Höpflinger. Gemäss einer Erhebung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) findet es die Mehrheit der Teenager in der Schweiz einfach, mit den Eltern über heikle Dinge zu sprechen. Mütter sind für solche Gespräche beliebter als Väter, aber auch an diese wenden sich die Kinder mit grossem Vertrauen.

Die deutsche Shell-Studie von 2010 zeigt ebenso, dass die Bedeutung der Familie bei Jugendlichen steigt. 76 Prozent der Befragten fanden, es brauche eine Familie, um wirklich glücklich zu sein. Über die Hälfte der 12- bis 25-Jährigen gab an, sie kämen mit den Eltern klar und hätten nur gelegentlich Meinungsverschiedenheiten. Weitere 35 Prozent bezeichneten die Beziehung zu den Eltern schlicht als «bestens». Einen Grund für die Entspannung innerhalb der Familie sieht François Höpflinger darin, dass sich die Generationen einander annähern. «Heute lernen Grosseltern und Eltern immer mehr auch von ihren Kindern, selbst wenn das den Erwachsenen häufig nicht bewusst ist.» Die Erziehungspersonen setzten sich häufiger mit der jüngeren Generation auseinander. Deren Welt sei ihnen vertraut. Und: «Die heutige Jugend ist eher wieder etwas konservativer eingestellt – und gleicht sich damit den Eltern an.»