Alle Menschen nehmen in ihrer Kindheit Schaden – jedenfalls habe ich das kürzlich mal in einem Buch gelesen. Der Autor behauptet, nur in einer Welt mit perfekten Eltern, Geschwistern und Gefährten wäre das anders. Gross­eltern fehlten in der Aufzählung.

Ich bin überzeugt, dass der Autor irrt: Wir erleiden nicht alle einen Schaden. In einem normalen Umfeld, in dem Kindern Liebe geschenkt und kein Leid angetan wird, können gar nicht so viele Fehler ­geschehen, dass wir alle einen Schaden davontrügen.

Dennoch muss ich am Beobachter-Beratungstelefon fast täglich Eltern beruhigen, wenn sie zwischendurch mal ihre eigenen Bedürfnisse über diejenigen der Kinder stellen. Und neuerdings suchen auch immer mehr Grosseltern Rat. Gelegentlich frage ich mich, ob das wohl so ist, weil sie sich von einem Heer von Psychologen und Pädagogen verunsichern lassen.

Dann hörte ich neulich im Radio Tipps einer Autorin, die ein Buch für Grosseltern geschrieben hat: Wenn die Enkel zu Besuch seien, müsse man sich bewusst sein, dass ein Lebewesen in der Wohnung sei, das die Welt entdecken wolle. Aha. Man müsse mit «Kinderaugen» auf «Kinder­höhe» durch die Wohnung gehen und ­Giftiges wegschliessen, Zerbrechliches in höhere Lagen legen und Brennbares verstecken. Als ob Kinder in Gestalt von ­Enkelkindern nicht einfach Kinder wären. Brauchen Grosseltern solche Tipps?

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Vom Rockkonzert zum Babysitten

Grosseltern sind nicht so doof. Schliesslich haben sie selbst Kinder grossgezogen. Meistens gar nicht so schlecht. Weil Grosseltern nicht blöd sind, wissen sie, dass die heutige Erziehung anders als vor 30 oder 40 Jahren aussieht. Deshalb wissen sie auch, dass sie ihren Kindern nicht drein­reden sollen. Heutige Grosseltern dürfen sich bloss nicht verunsichern lassen. Sie müssen ihre Rolle definieren und dürfen sich nicht in alte Rollenbilder pressen ­lassen. Das genügsame, sockenstrickende Grosi ist längst tot. Auch den etwas abseits stehenden Grossvater mit dem milden ­Lächeln gibt es nicht mehr. Heutige Grosseltern waren erst gerade noch an einem Rockkonzert, gehen zum Sport und auf Reisen, sind WG-erprobt und meistens ­total busy: Sie verklickern ihren Kindern deutlich, dass sie anderes zu tun haben, als sieben Tage pro Woche auf Abruf den Babysitter zu ersetzen.

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Natürlich lassen sie dann trotzdem ­alles stehen und liegen, wenn sie die Enkel hüten sollen. Davon handelt übrigens ein neues Buch, das ich nicht nur Gross­eltern empfehle: «Durch dick und dünn – Grosseltern von heute und ihre Enkel».n

Buchtipp: Paula Lanfranconi, Ursula Markus: «Durch dick und dünn – Grosseltern von ­heute und ihre Enkel»; Verlag Helden, 2011, 192 Seiten, mit 105 grossformatigen Farb­fotografien, 53 Franken