Beobachter: Weihnachten steht vor der Tür. Wie werden Sie feiern?
Geneviève Appenzeller-Combe: Wir werden die Feiertage mit unserer 16-jährigen Tochter in Disentis verbringen und mit Skifahren verbinden.

Beobachter: Werden viele Geschenke unter dem Baum liegen?
Appenzeller-Combe: Sicher nicht so viele wie früher, als unsere Tochter noch klein war. Zeit füreinander ist das grösste Geschenk.

Beobachter: Ihre Tochter steckt mitten in der Pubertät. Kommen da nicht viele materielle Wünsche?
Appenzeller-Combe: Doch, schon. Aber sie hat ja auch noch Grosseltern, Gotte und Götti (lacht). Zu ihrem letzten Geburtstag hat sie sich von mir gewünscht, dass ich einen ganzen Samstag zu Hause bin.

Beobachter: Und wie wird im Internat Weihnachten gefeiert?
Appenzeller-Combe: Wir werden am Sonntagabend vor Weihnachten einen Adventsgottesdienst feiern, ganz traditionell, gemeinsam mit den Eltern. Es ist doch einfach schön in einer Kirche, wenn alle Lichter flackern. Das macht etwas mit einem, selbst wenn einem die Kirche sonst nicht viel bedeutet.

Anzeige

Beobachter: Im Internat herrscht grosse Nähe zwischen Pädagogen und Schülern. Privat leben Sie anders, Sie sind nicht sehr viel zu Hause bei Ihrer Tochter.
Appenzeller-Combe: Die Qualität der Beziehung misst sich nicht an der Zeit allein. Unsere Tochter braucht uns, aber sie braucht in ihrem Alter nicht primär Präsenz, sondern Verlässlichkeit. Dass ich tatsächlich da bin, wenn ich es angekündigt habe. Sie hat kein Bedürfnis nach intensivem Austausch, aber nach Sicherheit.

Beobachter: Hat sich die Beziehung zu Ihrer Tochter verändert, seit Sie in Disentis arbeiten?
Appenzeller-Combe: Ich habe vor allem durch mein vorgängiges halbjähriges Sabbatical in Italien gemerkt, dass Abstand auch sehr bereichernd sein kann. Die ganzen alltäglichen Streitereien zwischen Eltern und Kindern entfallen. Wir sprechen nicht über Zahnpastaspritzer am Spiegel, sondern konzentrieren uns auf zentrale Dinge wie Freundschaft oder Gefühle.

Anzeige

Beobachter: Sie waren früher für eine Reformschule tätig, wo jeweils sechs Schüler mit Ihnen im gleichen Haushalt lebten – ein ganz anderes Modell.
Appenzeller-Combe: Damals hatte ich vermutlich noch weniger Zeit für meine eigene Tochter (lacht). Wir mussten unsere Aufmerksamkeit auf jene richten, die sie am meisten verlangten. Jeden Sonntagabend gab es eine Familiensitzung. Es bestand also ein Zwang, anstehende Probleme anzusprechen und zu lösen. Das war zwar manchmal mühsam, aber die Kinder lernten so, Konflikte zu lösen. Diejenigen Schüler in Disentis, die am Wochenende freiwillig bleiben, müssen den Sonntagsgottesdienst besuchen. Ebenfalls ein Zwang, aber auch eine Möglichkeit für ein Erlebnis. Ich finde es wichtig, dass Kinder lernen, sich auch mal durchzubeissen und Unangenehmes durchzustehen.

Anzeige

Beobachter: Wie setzen Sie sich bei Ihrer Tochter durch?
Appenzeller-Combe: Ein Bekannter sagte mir einmal, in der Pubertät seien die Eltern der Geburtskanal. Sie müssen einen gewissen Widerstand leisten. Ich finde, das hat was. Ich schaue, dass ich nicht alles verbiete, sondern eine bestimmte Hierarchie dabei einhalte – von Dingen, die wirklich nicht gehen, und solchen, die weniger schlimm sind.

Beobachter: Gewichtet Ihre Tochter gleich wie Sie?
Appenzeller-Combe: Natürlich nicht! Aber für mich ist es wichtig zu wissen, in welchen Bereichen ich eher locker bin. Das gibt mir die Kraft, bei den anderen hart zu bleiben.

Beobachter: Welche Hierarchie herrscht denn bei Ihnen zu Hause?
Appenzeller-Combe: Ich habe zum Beispiel keine Mühe mit Computern und kontrolliere auch nicht, was meine Tochter im Internet macht. Wir haben darüber gesprochen, was tabu ist. Keine Adressen herausgeben, keine Bilder. Einmal gab es Schwierigkeiten, weil ein Typ sie aufforderte, sich auszuziehen. Doch wenn man als Eltern mit dem Kind in Kontakt bleibt, dann kommt es damit auf einen zu. Ich versuche, meiner Tochter so viel Freiraum zu geben, dass sie sich als eigener Mensch entwickeln kann.

Anzeige

Beobachter: Sind Sie eine strenge Mutter?
Appenzeller-Combe: Ich halte mich in einzelnen Bereichen für sehr grosszügig. Meine Tochter findet aber manchmal, ich sei in gewissen Dingen unglaublich streng. Ich bin relativ strikt beim Ausgang. Ich habe Vertrauen in sie, aber ich kenne ihre Kollegen nicht. Sie hat ein paar Klassen übersprungen, sie ist mit 16 bereits in der fünften Gymi-Klasse, ihre Kameraden fahren schon Auto. Es ist klar, dass sie dann auch cool sein möchte. Es ist meine Verantwortung, auch mal Stopp zu sagen.

Beobachter: Was ist schwieriger, das eigene Kind zu erziehen oder fremde?
Appenzeller-Combe: Ganz klar das eigene. Ich mache bei der Erziehung meiner Tochter Fehler, die ich bei anderen Kindern nie machen würde. Irgendwie mute ich anderen Kindern mehr zu.

Beobachter: Weshalb?
Appenzeller-Combe: Vielleicht weil man die eigenen Kinder schon viel länger kennt, sich an ihre Hilflosigkeit erinnert. Vielleicht liegt es auch daran, dass es weniger ans Herz geht, wenn fremde Kinder einen manchmal einfach eine blöde Kuh finden.

Anzeige

Beobachter: Wie teilen Sie sich die Erziehungsarbeit mit Ihrem Mann – hat sich das Zusammenspiel verändert, seit Sie seltener zu Hause sind?
Appenzeller-Combe: Für uns ist es ein spannendes Experiment. Bevor wir Eltern wurden, war ich hauptberufstätig, und mein Mann arbeitete daheim. Mit dem Kind änderte sich das, wir rutschten in traditionelle Muster. Jetzt hat sich alles wieder gewendet. Unsere Tochter sagte einmal, sie wisse nicht mehr, wer an ihre Tür klopfe. Früher habe sie mich am sanften Klopfen erkannt, meinen Mann am starken. Jetzt sei es umgekehrt. Es kommt auch vor, dass mein Mann meine Tochter mir gegenüber in Schutz nimmt – so wie ich früher sie gegenüber ihm. Es spiegelt sich alles.

Beobachter: Aber wenn es um Erziehung geht, sind Sie sich einig?
Appenzeller-Combe: Grundsätzlich schon. Aber am Wochenende weiss ich nicht immer über die Vorgeschichten Bescheid. Ich muss aufpassen, dass ich meiner Tochter nicht irgendetwas erlaube, ohne mich vorher mit meinem Mann abgesprochen zu haben.

Anzeige

Beobachter: Was passiert, wenn ein Kind – Ihre Tochter oder einer Ihrer Schüler – gegen Regeln verstösst? Wie strafen Sie?
Appenzeller-Combe: Für mich ist es wichtig, dass die Strafe etwas mit dem Vergehen zu tun hat. Wenn ein Internatsschüler beispielsweise Alkohol getrunken hat, dann schicke ich ihn zum Abfallsammeln an einen bekannten Alki-Treffpunkt. Als meine Tochter einmal zu spät vom Ausgang nach Hause kam, musste sie als Konsequenz einen Vorschlag machen, wie sie mein Vertrauen wiedergewinnen könnte. Sie hatte die Idee, mich im Ausgang per SMS auf dem Laufenden zu halten.

Beobachter: Wie wurden Sie selber erzogen? Haben Sie bestimmte Erziehungsmethoden Ihrer Eltern übernommen?
Appenzeller-Combe: Ich hoffe nicht. Meine Eltern lebten getrennt. Ich wuchs bei meiner Mutter und den Grosseltern in einem sehr strengen, konservativen Umfeld auf. Es gab körperliche Strafen. Auch die Privatsphäre wurde nicht respektiert. Ich hatte immer Angst, dass jemand mein Tagebuch liest oder meine Briefe öffnet. Das war sehr belastend.

Anzeige

Beobachter: Was wünschen Sie sich, dass Ihre Tochter über Sie sagt, wenn sie erwachsen ist?
Appenzeller-Combe: Sie sollte von uns das Gefühl vermittelt bekommen haben, dass das Leben nicht schwer ist und dass man aus jeder Situation etwas Gutes machen kann.

Geneviève Appenzeller-Combe, 47, ist studierte Physikerin und seit einem Jahr Rektorin der Klosterschule Disentis, einer von Benediktinern geführten Mittelschule. Sie bezeichnet sich selbst als gläubig. Die gebürtige Genferin ist verheiratet mit dem Mathematiker Konstantin Appenzeller. Neben ihrem 80-Prozent-Job als Rektorin absolviert sie an der Universität St. Gallen einen Executive-MBA-Lehrgang. Sie lebt unter der Woche in Disentis, am Wochenende mit der Familie im aargauischen Islisberg.