Dass Sie das Verhalten Ihrer Tochter erschreckt und Sie sich sorgen, kann ich gut verstehen. Sie sollten sich jedoch keine Vorwürfe machen. Ich bin überzeugt, Sie haben in der Erziehung Ihr Bestes gegeben und sicher vorgelebt, dass man fremdes Eigentum respektieren soll. Jetzt müssen Sie trotzdem deutlich ­reagieren, um ein Zeichen zu setzen. Es geht darum, das Stehlen zu verurteilen und die Enttäuschung darüber auszudrücken. Nicht der Mensch Saskia soll verurteilt werden, sondern nur das Fehlverhalten.

Statt Vorwürfe zu machen oder gar die Tochter zu «entwerten», sollten Sie ehrlich Ihre Gefühle formulieren: «Wir machen uns Sorgen um deine Zukunft, wenn du Mein und Dein nicht unterscheidest. Wir fühlen uns hintergangen, wenn du uns heimlich Geld entwendest, und es wird schwieriger für uns, dir zu vertrauen.» Aber natürlich sollten Sie Ihre Empfindungen in Ihre eigenen Worte fassen.

Das Thema Stehlen taucht in der Erziehung häufig auf. Und dann erschreckt es die Eltern, weil Diebstahl im Erwachsenenalter ein Straftatbestand ist. Wer sich unberechtigt aus fremdem Besitz etwas aneignet, stiehlt. Das ist die Definition. Aus ethischer und sozialer Sicht ist es aber erst dann ein Diebstahl, wenn das Kind eine feste Vorstellung von ­Eigen- und Fremdbesitz hat. Ein Bewusstsein dafür ent­wickelt sich in der Regel erst mit sechs, sieben oder acht Jahren. Daher gibt es Stehlen in bewusster Absicht im Kindergarten überhaupt nicht und im Primarschulalter kaum.

Man kann verschiedene Formen von Stehlen unterscheiden: Wenn Süssig­keiten aus dem Küchenschrank oder das Spielzeug eines anderen Kindes genommen werden, geschieht das meist ohne Überlegung. Das Kind nimmt sich einfach, was es gerade haben will oder was ihm fehlt.

Hinter dem Stehlen können aber auch emotionale Gründe stecken: Wenn einem gefühlsmässig etwas fehlt, wenn man sich ungeliebt fühlt, ist Stehlen ein Versuch, diesen Mangel zu beheben. Wenn das Selbstwertgefühl schwach ist, kann Stehlen ein Mittel sein, es zu stärken. Manche stehlen auch, um anderen Geschenke zu machen und so soziale Anerkennung zu gewinnen. Vor allem im Jugendalter kann Stehlen auch auf Gruppendruck hin erfolgen. Um seinen Mut zu beweisen, lässt man im Supermarkt etwas mitlaufen. Da spielt der Reiz des Verbotenen mit.

Lieber negative Aufmerksamkeit als keine

Schliesslich kann das Stehlen auch einen Appellcharakter haben. Das Kind möchte (unbewusst) erwischt werden, um wenigstens negative Aufmerksamkeit zu bekommen, wenn es sich sonst vernachlässigt fühlt. Bei Saskia könnte es eine Rolle spielen, dass der Bruder wegen seiner Schwierigkeiten viel mehr Aufmerksamkeit bekommen hat als sie selbst, was sie jetzt auf diese Art kompensieren will.

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Nicht zuletzt ist die Versuchung zu stehlen in unserer Gesellschaft so gross, weil der Wert eines Menschen oft an seinem Besitz gemessen wird und weil uns die Werbung mit raffinierten Mitteln stets zum Konsum bewegen will. Kinder sind gegen diese Einflüsse noch weniger resistent als Erwachsene.

Der Umgang mit dem Fehlverhalten Stehlen erfordert viel Feingefühl. Die in­dividuelle Situation des Kindes muss berücksichtigt werden. Kontraproduktiv sind Strafen oder Blossstellen des Ertappten. Wiedergutmachen, also zurückbringen, zurückzahlen und sich entschuldigen, ist dagegen wichtig. Um hinter die Motive zu kommen, soll man versuchen, sich nicht wertend in die Welt und das Erleben des Kindes oder Jugendlichen einzufühlen. Das bedeutet aber nicht, dass man das Verhalten billigt. Neben dem Verständnis muss ebenso deutlich die klare moralische Forderung durchkommen, das Eigentum anderer fortan zu achten.