Sehnsüchtig beobachtet die acht­jährige Marie die lachenden Kinder. Zu gerne würde sie mitspielen, aber sie traut sich nicht zu fragen. So steht sie scheu da und wartet. Vielleicht wird sie ja zum Mitmachen aufgefordert. Aber die ­anderen nehmen sie kaum zur Kenntnis.

Schüchternheit äussert sich bei Kindern auf unterschiedliche Weise. Sie kann wie bei Marie als soziales Symptom auftreten, etwa als Hemmung oder Unbeholfenheit. Sie kann sich aber auch als körperliches Symptom wie Erröten, Herzklopfen oder als flaues Gefühl im Magen zeigen. Oder sich gar als kognitives Symptom zu erkennen geben: Das Kind betrachtet sich zu oft und zu stark «von aussen», es schätzt sich selbst zu negativ ein oder lehnt sich gar ab.

Ein Teil der Persönlichkeit

Warum Marie schüchtern ist, weiss sie selber nicht. Vielleicht hat sie negative Erfahrungen gemacht und traut sich jetzt nichts mehr zu. Vielleicht ist sie aber auch aufgrund ihrer eher ruhigen Persönlichkeit nur vorsichtig und beobachtet genau. Ihre Schüchternheit könnte auch genetisch mitbedingt sein. So haben Forscher fest­gestellt, dass schüchterne Menschen eine höhere Reizbarkeit der Amygdala auf­weisen. Dieser sogenannte Mandelkern ist jene Stelle im Gehirn, die Angstgefühle, aber auch Mut und Abenteuerlust steuert. Demnach ist diese Empfindlichkeit angeboren und bleibt lebenslang erhalten.

Sehr oft übernehmen die Kinder auch das Verhalten ihrer Eltern. Die Erwach­senen wollen ihre Kinder dann meist mit aller Kraft zu einem forschen Verhalten drängen. Doch ein Appell wie «Jetzt spiel doch endlich mal mit den anderen» bewirkt oft das Gegenteil. Das Kind bekommt das Gefühl: So, wie ich bin, ist es falsch, und ich gefalle meine Eltern nicht.

Was können Maries Eltern tun, um ihr den Rücken zu stärken? Vor allem ist es wichtig, dass sie Marie so annehmen, wie sie ist, und ihre Schüchternheit nicht direkt ansprechen. Sie könnten sie vielmehr in Schutz nehmen. Wird sie als Angsthase bezeichnet, können sie kontern: «Marie hat keine Angst, sie will im Moment nicht mitmachen, später hat sie bestimmt Lust.» Oder sie können Marie fragen: «Meinst du, wenn ich mit dir hingehe, könntest du dann fragen, ob du mitmachen darfst?»

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Weitere Tipps

  • Nicht rügen, sondern an vergangene ­Erfolge anknüpfen, wenn sie mal wieder sagt: «Das kann ich nicht.»

  • Kleine Dinge üben, die das Kind selbständig erledigen kann – das stärkt sein Selbstvertrauen.

  • Lob und viel positives Feedback geben.

  • Möglichst viele Kontakte mit Gleich­altrigen ermöglichen.

  • Rollen tauschen: Das Kind kann mal den Part von Mama oder Papa übernehmen. Das kann zu Hause eingespielt und im Café oder beim Einkaufen fortgesetzt werden.

  • Geschichten und Märchen erzählen. Oft entwickelt sich darin ein Angsthase zum gefeierten Helden, und das macht Mut.

  • Anregen, sich zu bewegen, zu toben und zu lachen. Das schafft ein gutes Körpergefühl und stärkt die Selbstsicherheit.


Übrigens, eine Langzeitstudie des Münchner Max-Planck-Instituts hat ergeben: Schüchterne brauchen zwar etwas länger bei der Berufs- und Paarfindung, sind aber letztlich genauso erfolgreich wie kontaktfreudige Menschen.