Nina (Name geändert) ist sieben. Sie weint. Auf der Velotour mit den Eltern ist plötzlich die Sonne hinter den Wolken hervorgekommen. Doch Nina hat keine Sonnenbrille dabei, jetzt tun ihr die Augen weh. Die Mutter sagt: «Ich habe dir doch gesagt, du sollst alles mitnehmen, was du brauchst! Ich kann dir auch nicht helfen.»

Mario (Name geändert) ist vier. Er steht im Pyjama vor seinem Kleiderschrank, seit fast einer halben Stunde. Plötzlich stürmt der Vater ins Zimmer: «Mario, du musst in den Kindergarten! Weisst du noch immer nicht, was du anziehen möchtest?» Mario senkt den Kopf, schaut zu Boden.

Laura (Name geändert) ist 13. Sie kommt von der Schule heim, steckt den Schlüssel ins Schlüsselloch und hofft inständig, dass die Tür noch versperrt ist. Denn das würde bedeuten, dass die Eltern noch nicht zu Hause sind. Dass niemand sie fragt, wie es in der Schule war. Dass niemand fragt, wie die Lateinprüfung gegangen ist. Dass niemand sich ausrechnet, dass es nie und nimmer reichen wird für die Probezeit am Gymi.

Lauras Eltern finden, Laura sei jetzt an der Oberstufe und damit gross genug, die Verantwortung für ihre schulische Leistung selber zu tragen. Anfangs fand Laura diese Idee toll. Inzwischen wäre sie allerdings froh, mit jemandem über Schule und Schulprobleme reden zu können. Aber sie traut sich nicht – sie möchte die Eltern nicht enttäuschen, die ihr so viel Verantwortung überlassen haben.

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Das sind Geschichten, wie sie auch Renato Meier immer wieder hört. Meier leitet die Familien-, Paar- und Erziehungsberatungsstelle Fabe in Basel. Zu ihm kommen Eltern zum Beispiel, weil der Sohn oder die Tochter Probleme in der Schule hat. Im Gespräch zeige sich dann oft, dass die Schwierigkeiten mehr mit der Situation zu Hause zu tun hätten. «Man erfährt etwa, dass das Kind jeden Morgen selbständig aufstehen, das Haus verlassen und zur Schule gehen muss, weil die Eltern früh zur Arbeit müssen», sagt Meier. Manchen Kindern mache das Angst: «Das Kind darf nichts vergessen, muss die richtigen Kleider anziehen, die Wohnung absperren – das ist viel Verantwortung. Je nachdem, wie reif es ist, kann es eine Überforderung sein.» Die Angst geht mit zur Schule und äussert sich dort etwa in unruhigem Verhalten oder Unkonzentriertheit.

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Das Kind denkt sich: «Ich bin ihnen egal»

Von überbehüteten Kindern hört man häufig. Doch das Gegenteil kommt genauso vor und hat nicht selten damit zu tun, dass Eltern nicht gern Grenzen setzen. «Manchmal scheuen sich Eltern auch einfach davor, Konflikte auszutragen oder Forderungen zu stellen, und delegieren die Verantwortung ans Kind», sagt Erziehungs­berater Meier. Es darf dann zum Beispiel selber entscheiden, was es zum Znüni einpacken will oder welche Schuhe es tragen möchte. «Für das Kind kann das auch bedeuten: Es ist den Eltern gar nicht wichtig. Das verunsichert es.»

Solche Situationen können Kinder auch überfordern, weil Entscheiden voraussetzt, dass man die Auswirkungen abschätzen und verstehen kann. Das sind Bedingungen, die Kinder nur schon von der physiologischen Entwicklung her nicht erfüllen, sagt der Zürcher Pädagoge Patrick Lustenberger. «Eltern müssten ihren Kindern auf verantwortungsvolle Weise gewisse Entscheide einfach abnehmen.»

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Teenager wirken oft erwachsen, aber…

Kinder, die zu viele Entscheidungsfreiheiten erhalten und zu viel Verantwortung ­tragen müssen, sind nicht selten gefährdet, stellt ­Renato Meier fest. «Es sind oft diese Kinder, die mit 14 nachts um elf noch draussen rumhängen, ohne dass die Eltern wissen, wo sie sind.» Aber auch das Gegenteil sei möglich: überangepasste Kinder, die alles tun, um den Ansprüchen der Eltern zu genügen, weil sonst Liebesentzug droht. «Auch das ist nicht gesund.»

All das bedeutet allerdings nicht, dass Kinder gar nicht mitbestimmen sollten. Eltern sollten ihnen durchaus etwas zutrauen und ihnen Verantwortung für bestimmte Dinge übertragen, betont Meier. Der Grat zwischen zu viel und zu wenig ist bisweilen schmal, denn am Alter allein lässt sich nicht festmachen, wozu ein Kind in der Lage ist. Hier ist die Aufmerksamkeit der Eltern gefordert: Sie sollten merken, wenn es dem Kind zu viel wird, auch wenn es das nicht so direkt äussern kann und es manchmal schwierig einzuschätzen ist. «Gerade Teenager wirken manchmal äus­serlich fast wie Erwachsene, sind aber im Innern noch Kinder», sagt Renato Meier.

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Eltern schliessen von sich auf das Kind

«Ich beobachte hin und wieder, dass Eltern vorschnell von den eigenen Erfahrungen aufs Kind schliessen», sagt Christine Eggensberger vom Schulpsychologischen Dienst der Stadt Zürich. «Wenn die Eltern sich damals als Vierjährige schon selbständig an- und ausgezogen haben, glauben sie, ihr Kind sollte dazu auch in der Lage sein.» Ein Fehlschluss: «Jedes Kind entwickelt sich anders, manche schneller, andere langsamer. Es gibt Kinder, die können gut ein paar Stunden auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen und tun es auch gern. Andere, Gleichaltrige, sind vielleicht noch nicht so weit und fühlen sich alleingelassen.» Wichtig sei, Kinder Schritt für Schritt hin zu mehr Verantwortung zu begleiten.

«Wir haben dich genau gleich lieb»

Laura hat sich dann doch noch getraut, der Mutter zu sagen, dass es mit der Schule nicht so rund läuft. Die Mutter ist im ersten Moment ungehalten, doch dann legt sie der Tochter den Arm um die Schulter und sagt: «Mach dir keine Sorgen. Wir haben dich genau gleich lieb, ob du nun ins Gymi gehst oder in die Sek. Soll ich dich vor der nächsten Prüfung Lateinwörtli abfragen?» Laura könnte heulen vor Erleichterung. Die Mutter schluckt auch leer. In Zukunft, nimmt sie sich vor, wird sie daran denken, dass man mit 13 eben doch noch nicht erwachsen ist.

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Was kann ein Kind? Und was noch nicht?

Welche Verantwortung kann ein Kind übernehmen, ohne überfordert zu sein oder zu scheitern? Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort, denn die Entwicklung von Verantwortungsgefühl ist bei jedem Kind anders und auch abhängig von der Erziehung. Grundsätzlich lernen Kinder viel über Nachahmung der Eltern. Stehen diese für ihre Handlungen ein, geben sie dieses Verantwortungsbewusstsein an ihre Kinder weiter.

Trotzdem ist ein schrittweises Abgeben von Verantwortung nötig, indem man Kindern zum Beispiel kleinere Aufgaben zuteilt. Ein Dreijähriger darf zum Beispiel wissen, dass es sein «Job» ist, den leeren Joghurtbecher in den Abfal­leimer zu werfen – er hat sogar Spass an dieser kleinen Selbständigkeit. Allerdings sollte man ein so kleines Kind nicht bestrafen, wenn es seine «Aufgabe» einmal vergisst.

Ab vier oder fünf Jahren kann ein Kind mit tatkräftiger Unterstützung der Eltern die Verantwortung für ein Haustier übernehmen, ab etwa fünf kann man ihm ­«Ämtli» zuteilen, etwa die Zeitungsbündel vor die Tür zu tragen oder den Tisch abzuräumen. Auch jetzt sollten nicht eingehaltene Abmachungen aber höchstens direkt damit zusammenhängende und auf keinen Fall schwerwiegende Konsequenzen haben: Eine Woche Fernsehverbot für die nicht aufgeräumte Spielzeugrennbahn ist unverhältnismässig und für das Kind auch nicht verständlich. Hingegen freut es auch ein Kind, wenn man seine Leistung anerkennt und nicht für selbstverständlich ansieht. Lob für gute Aktionen ist unterm Strich immer effektiver als Tadel für schlechte.

Von einem Teenager darf man erwarten, dass er die Schulsachen selber bereitlegt und am Morgen rechtzeitig aufsteht, um den Bus zu erwischen. Ein Mittelstufenschüler kann auch sein Geld einteilen und zum Beispiel mit einer monatlichen Summe haushalten lernen, statt einen wöchentlichen Batzen zu bekommen. Ein Kind in diesem Alter kann – respektive muss rechtlich gesehen sogar – für seine Handlungen geradestehen. Wenn etwas schiefgeht, lernt es auch, damit umzugehen. ­Eltern können nicht alle Probleme stellvertretend für das Kind lösen und ihm ungefragt alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Sie sollten es aber auf jeden Fall unterstützen, wenn es irgendwie signalisiert, dass es Hilfe braucht.

Wie alle Entwicklungen läuft auch jene der Verantwortungsfindung nicht linear. Es kann zum Beispiel vorkommen, dass ein Mittelstufenschüler fordert, die Verantwortung für seine schulischen Leistungen selber zu übernehmen und die Eltern nicht mehr dauernd über seine Noten zu informieren. Dann ist es sinnvoll, eine Art «Probezeit» zu vereinbaren: Wenn diese Methode bis zum nächsten Zeugnis klappt, läuft es so weiter. Wenn nicht, hat das Kind wieder «Meldepflicht». Eltern sollten Direktbe­troffene (in diesem Fall den Klassenlehrer) unbedingt über den Deal informieren.

In jedem Alter gilt: Wenn ein Kind Un­sicherheit oder Gesprächsbedarf signalisiert, darf man nicht weghören. Es ist fatal, einem Kind alle Entscheidungen abzunehmen – aber ebenso fatal ist es, ihm das Gefühl zu vermitteln, man lasse es allein, wenn es Hilfe braucht.

Text: Sarah Baumann

Interview: «Hinhören, was das Kind sagt»

Pädagoge Patrick Lustenberger erklärt, weshalb Eltern gern Verantwortung ans Kind delegieren – und wie man dabei das gesunde Mass findet.

Beobachter: Wer muss Entscheidungen treffen, das Kind oder die Eltern?
Patrick Lustenberger: Ich beobachte, dass Orientierungsinstanzen wie Lehrpersonen und Eltern heute eher autoritätsängstlich sind und weniger Entscheidungen treffen als noch vor zehn Jahren. Dabei sind Entscheidungen für Kinder in ihrem Entwicklungsprozess etwas sehr Wesentliches – ein Kind braucht Orientierungshilfen, und zwar nicht erst im Vorschulalter, sondern schon dann, wenn es beginnt, sich mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen, wenn es anfängt, Fragen zu stellen.

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Beobachter: Ist es sinnvoll, dass manche Eltern den Kindern auf Nebenschauplätzen Entscheidungsfreiheit lassen? Dass der Vierjährige zum Beispiel entscheiden soll, was er anziehen möchte?
Lustenberger: Wenn ein Kind das Bedürfnis äussert, müssen Eltern und Lehrpersonen genau hinhören, was es sagt. Konkret: Wenn der Vierjährige äussert, er wolle keinen Regenmantel anziehen, und es regnet in Strömen, muss man ihm die Entscheidung abnehmen und ihm erklären, warum es notwendig ist, einen Regenmantel anzuziehen. Möchte er hingegen im Sommer statt den grünen Sandalen lieber die blauen anziehen, dann soll er das tun.

Beobachter: Es gibt viele Eltern, die ihr Kind überbehüten und ihm alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Dann gibt es aber solche, die ihm zu viel Eigen­verantwortung aufbürden.
Lustenberger: Oft sind das sogar dieselben Eltern. Die Begründung ist dann, das Kind dürfe selber entscheiden, was es wolle. Das halte ich in gewissen Situationen für unverantwortlich – Entscheiden setzt Verstehen und Verstand voraus, was ein Kind nicht in jedem Alter und nicht in jeder Thematik aufbringen kann. Man weiss, dass der Frontal­kortex, der unter anderem für Entscheidungsfindungen zuständig ist, erst etwa im Alter von 16 Jahren völlig ausgebildet ist. Deshalb sind die Eltern gefordert, den Kindern auf verantwortungsvolle Weise gewisse Entscheidungen abzunehmen. Zum Beispiel die, auf welchen Chat-Foren sie sich tummeln dürfen und auf welchen eben nicht.

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Beobachter: Doch gerade im Internet sind Kinder sehr oft allein.
Lustenberger: Kinder sind heute Digital Natives, ihre Eltern eher Digital Immigrants. Da gibt es für Eltern nichts anderes, als sich für die neuen Medien zu interessieren, sie zu verstehen und gemeinsam mit den Kindern kritisch zu reflektieren. Zudem weiss man, dass Kinder, die sehr viel Zeit in sozialen Netzwerken verbringen, das mitunter aus Langeweile tun – und weil sie sich allein fühlen. Da können Eltern gegensteuern, vorausgesetzt allerdings, sie sind da und nehmen sich Zeit.

Beobachter: Weshalb fehlt diese Zeit heute so oft?
Lustenberger: Das Ziel vieler heutiger Eltern ist die Indi­vidualisierung. Damit meine ich, dass sie stark ihren eigenen Bedürfnissen nachgehen. Wenn der Fokus dann stark auf einem selber liegt, soll das Kind halt auch selber entscheiden – entweder, weil die Eltern wollen, dass es seine Individualität entwickelt, oder auch aus schierer Bequemlichkeit und Selbstbezogenheit. Eine mögliche Erklärung ist auch der herrschende Leistungsdruck: Ein Kind muss möglichst rasch etwas erreichen, da soll es doch so früh wie möglich damit anfangen.

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Beobachter: Was macht das längerfristig mit den Kindern?
Lustenberger: Kinder holen sich, was sie brauchen. Kompensation kann, muss aber nicht zu schwierigen Mustern führen, zu Verhal­tens­auffälligkeiten, zu Entwicklungsstörungen in der Persönlichkeitsbildung. Im Gegenzug stellt das dann wieder ein neues Betätigungsfeld für Berater dar.

Beobachter: Ist das alles ein neues Phänomen?
Lustenberger: Die heutigen Jugendlichen scheinen mir eher wieder bürgerlicher, konservativer – sie tendieren hin zu Heirat und Häuschen. Auch die Grundfrage ist nicht neu: Wie viel Autorität braucht ein Kind, und wie viel Autonomie? Sicher ist jedenfalls, dass das Fehlen von Orientierungspunkten es erschwert, Entscheidungen zu treffen. Und ohne Vorbilder gibt es auch keine Orien­tierungspunkte.

Interview: Sarah Baumann

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Patrick Lustenberger, 39, ist Psychologe und 
Pädagoge in Zürich.

Quelle: Getty Images