Beobachter: Jesper Juul, Sie sind seit 40 Jahren als Familientherapeut in Europa unterwegs. Sind Schweizer Eltern anders als andere?
Jesper Juul
: Erziehungsprobleme sind Konflikte in Liebesbeziehungen, und die laufen überall in etwa gleich ab. Daher sind Schweizer Eltern wie alle anderen Eltern auch. In der Schweiz macht aber der ­enorme Bildungsdruck die Sache noch schwieriger. Ich spüre dieses kollektive Gefühl, dass es ohne höhere Bildung kein Leben gebe. Das stimmt nicht. Und wenn die Schule die Eltern dazu zwingt, jeden Tag mit ihren Kindern zu streiten, läuft etwas grundsätzlich falsch. Darunter leiden viele Eltern. Sie fühlen sich in eine Rolle gedrängt, in der sie sich überhaupt nicht wohl fühlen.

Beobachter: Was raten Sie denn? Streiken? Akzeptieren, dass das Kind die Schule unter seinen Möglichkeiten abschliesst?
Jesper Juul: Ersteres: jawoll! Ich wundere mich schon lange, dass die Eltern nicht auf die Strasse gehen. Die zweite Frage ist falsch gestellt. Sie impliziert, dass ein Kind erfolgreicher ist, wenn die Eltern Druck machen. Meine Erfahrung zeigt: Druck produziert in erster Linie Widerstand.

Beobachter: Das leuchtet ein. Trotzdem widerspreche ich Ihnen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Noten meines Sohnes ­verschlechtern sich immer mehr. Mein Sohn sagt: «Easy, das regle ich.» Er ­ist dabei nur mässig erfolgreich. Darf ich mich nun einmischen, oder muss ich zusehen, wie er scheitert?
Jesper Juul: Das kann ich so nicht beantworten. Gefragt wäre ein offenes und ehrliches Gespräch. So in der Art: Ich habe mich jetzt acht Jahre lang für deine schulischen Leistungen mitverantwortlich gefühlt. Bis vor kurzem ­waren wir damit recht erfolgreich. Jetzt weiss ich nicht mehr, was ich machen soll. Deine Noten machen mir Angst, und ich frage mich, ob ich Druck und Kontrolle verstärken soll oder ob du es wirklich alleine schaffst...

Beobachter: Das schafft die Mehrheit der 14-Jährigen nie und nimmer.
Jesper Juul: Sie dürfen mich nicht falsch verstehen. Es geht um Zusammenarbeit, nicht um Demokratie. Das Ziel ist, ein gemeinsames Problem gemeinsam zu lösen. Es ist Ihr gutes Recht, zu wollen, dass Ihr Kind einen Schulabschluss macht, der ihm eine relative Freiheit bei der Berufswahl ermöglicht. Die meisten 14-Jährigen, die eine anständige Beziehung zu ihren Eltern haben, werden das verstehen und kooperieren wollen.

Beobachter: Ich zweifle nicht am Willen, nur an der Fähigkeit, dies umzusetzen. Denn da gibt es noch ­Facebook und Freunde und Computerspiele.
Jesper Juul: Dann sagen Sie das, und vereinbaren Sie ein monatliches Pizza-Essen, bei dem Sie die Fortschritte oder Rückschläge besprechen. Ehrlicherweise muss man aber ­auch sagen, dass Eltern bei diesen schulischen Sachen nur einen ­bedingten Einfluss haben. Da wären in erster Linie die Lehrkräfte gefragt – die müssten sich bewegen.

Beobachter: Die Lehrer haben sich bei meinem Sohn frühzeitig bemerkbar gemacht.
Jesper Juul: Das ist ein guter Anfang. Schön wärs, wenn Ihr Sohn zu hören bekäme, dass es dem Lehrer leidtue, dass es so weit gekommen sei; wenn der seine Hilfe anböte, um nach einer gemeinsamen Strategie zu suchen.

Beobachter: Nehmen wir mal an, es war so. Kann ein 14-Jähriger die Konsequenzen seines Handelns wirklich abschätzen?
Jesper Juul: Eine unverrückbare Tatsache ist, dass sich das Hirn eines 14-Jährigen im Totalumbau befindet. Die Fähigkeit, Risiken abzuschätzen und Konsequenzen vorauszusehen, verabschiedet sich zeitweise total. Das ist weder Rebellion noch böser Wille. Erklären Sie das Ihrem Sohn, vielleicht lässt er sich dann unterstützen. Vielleicht auch nicht. Tragen Sie es mit Fassung. Ich spreche aus 40-jähriger Erfahrung: Es kommt meistens gut.

Beobachter: Abwarten und Tee trinken?
Jesper Juul: Nein, Sie haben viel zu tun. Ihre Aufgabe ist es, Ihrem Kind zu vermitteln, dass es okay ist so, wie es ist. Das brauchen Jugendliche mehr als alles andere. Eltern sollen in erster Linie dafür sorgen, dass sie den Kontakt zu ihrem Kind nicht verlieren.

Beobachter: Das ist einfacher gesagt als getan. Ist es nicht normal, dass ein Jugendlicher sich abgrenzen will?
Jesper Juul: Das ist das Schicksal aller Eltern. Aber dass die Kommunikation ganz abreisst, liegt oft am Verhalten der Eltern.

Beobachter: Inwiefern?
Jesper Juul: Viele Eltern verhalten sich ihren Kindern gegenüber – entschuldigen Sie – wie Journalisten. Kaum kommt das Kind zur Tür herein, geht das Interview los: Wie wars in der Schule? Hast du eine Prüfung bekommen? Wie viele Hausaufgaben hast du? Diese Kontrolle hassen Jugendliche. Sie­ reagieren entsprechend einsilbig: Okay. Nö. Nicht viel...

Beobachter: Was wäre besser?
Jesper Juul: Erzählen Sie von sich. Sprechen Sie auch einmal über Ihre eigenen Grenzen und über die ­Herausforderungen, denen Sie im Alltag begegnen. Reagieren Sie nicht sofort, wenn Ihr Kind über seine Probleme spricht. Überlegen Sie sich mal, wie Sie sich verhalten würden, wenn Ihr Partner vergleichbare Probleme am Arbeitsplatz hätte. Von ­seiner Partnerin würde er zu Recht Verständnis erwarten, echtes Interesse und das Angebot, zu helfen. Wenn Sie Ihrem Mann gleich beim ersten Gespräch um die Ohren knallen, dass da eine Miete zu zahlen ist und eine Autoversicherung, kommt es nicht gut. Leider begegnen wir unseren Kindern häufig auch so, wenn es um die Schule geht. Da regiert plötzlich die Panik.

Beobachter: Erklären Sie sich mit dieser Panik den Erfolg von Büchern wie «Die Mutter des Erfolgs» von Amy Chua? Das Buch der chinesischen Mutter, die ihre Mädchen regelrecht zum Erfolg gezwungen hat, ist in der Schweiz seit Monaten auf der Bestsellerliste.
Jesper Juul: Ich liebe dieses Buch! Ein postmoderner Bildungsroman in Ichform.

Beobachter: Das erstaunt mich einigermassen. Das Buch ist doch alles andere als ein Plädoyer für partnerschaftliche Erziehung.
Jesper Juul: Trotzdem ist Amy Chua eine hervorragende Mutter. Sie hat genau das gemacht, woran sie glaubt. Sie ist authentisch, und sie ist drangeblieben. Was sie mit ihrer Erstgeborenen durchgezogen hat, würde ich um Gottes willen niemandem empfehlen. Was Amy Chua zu einer guten, wenn nicht gar ausgezeichneten Mutter macht, ist, dass sie das Feedback ihrer zweiten Tochter ernst genommen hat und fähig war, daraus zu lernen. Darum hat sie das Buch geschrieben – nicht, um zu verkünden, wie erfolgreich sie war.

Beobachter: Das erklärt aber nicht den Erfolg des Buches.
Jesper Juul: Da kann ich nur spekulieren: Vielleicht ist es so erfolgreich, weil Chuas Erziehungsmethoden schön ins neokonservative Weltbild passen oder weil die Schweizer denken, sie hätten sich ihren Wohlstand so hart erarbeitet, dass die Kinder das gefälligst schätzen und weiterführen sollen.

Beobachter: Sie vertreten gewisse Standpunkte vehement. Zum Beispiel den, dass die Verantwortung für die Stimmung in der Familie bei den Eltern liegt. Was heisst das genau?
Jesper Juul: Dass das Betriebsklima Sache der Machthaber ist – und in einer Familie sind das nun mal die Eltern. Ich versuche, Ihnen das an einem Beispiel zu erklären: Ein Elternpaar streitet sich ständig. Jeder clevere 14-Jährige analysiert innerhalb von Sekunden, dass die Stimmung daheim schlecht ist, aber er hat keine Chance, etwas daran zu ändern. Es geht nicht, dass ein Kind sagt: «Mama und Papa, jetzt setzt euch einmal an einen Tisch und klärt das.» Genauso wenig geht es, dass die Raumpflegerin der Geschäftsleitung aufträgt, ihren Umgang mit den Mitarbeitenden zu verbessern. Viele Eltern sind sich nicht bewusst, dass sie es in der Hand haben, die Lebensqualität ihrer Kinder zu verbessern – mit einem einzigen offenen Gespräch. Wenn Sie sich das vor Augen halten, verstehen Sie vielleicht, warum ich manchmal wenig Geduld habe mit Eltern, die sich aufreiben an der Frage, ob ihr Kind eine Stunde früher oder später ins Bett soll.

Beobachter: Herr Juul, so etwas können Sie nur sagen, ­weil Sie das alles längst hinter sich haben. Waren Sie auch so cool, als Ihre Kinder klein waren?
Jesper Juul: Wollen Sie eine ehrliche Antwort?

Beobachter: Ich bitte darum.
Jesper Juul: Ich war in den ersten Jahren hysterisch. Wenn ich heute sehe, wie mein Sohn und seine Frau mit ihren Kindern umgehen, werde ich ganz still. Sie sind viel gelassener, als ich es je war. So ist das Leben: Man wird ­irgendwann überholt.

Jesper Juul, 1948 in Dänemark geboren, ist Lehrer, Familientherapeut, Konfliktberater, vierfacher Vater und Buchautor («Dein kompetentes Kind» u.a.). Er ist Gründer der Familylabs, die es inzwischen in zehn europäischen Ländern gibt. Ziel von Familylab-Seminaren, -Elternkursen und -Beratungen ist, in der Familie eine Atmosphäre zu schaffen, die von Nähe, Respekt, Klarheit und Liebe geprägt ist.
www.familylab.ch

Quelle: Tanja Demarmels