Beobachter: Otto Wermuth, Sie engagieren sich beruflich für die gewaltfreie Erziehung. Ist Ihnen als Vater nie die Hand ausgerutscht?
Otto Wermuth: Für mich und meine Frau war klar, dass Gewalt kein Erziehungs­mittel sein darf. Auf jeden Fall. Einmal hab ich glaub einem eins getätscht, oder?
Yann Wermuth: Gewalt war bei uns kein ­Thema.

Beobachter: Die Debatte wird aktuell sehr emotional geführt. In Frankreich sollen 85 Prozent der Eltern ihre Kinder ohrfeigen, in der Schweiz gaben bei der letzten Erhebung 68 Prozent an, ein Klaps schade keinem Kind.
Cédric Wermuth: Das ist beängstigend. Diesbezüglich machen wir als Gesellschaft Rückschritte. Autoritäre Strukturen werden wieder salonfähig. Das zeigt sich auch in der Verehrung von Wirtschaftsführern.
Yann: Das stimmt, trotzdem finde ich es seltsam, dass wir so hysterisch reagieren, wenn es um Aggressionen in der Familie geht. Als ob Kinder mystische Wesen wären. Kinder streiten, Jugendliche prügeln sich, Eltern machen mal was falsch. Das ist doch normal. Ich legitimiere natürlich nicht, Kinder zu schlagen, aber der Anspruch an Eltern, sich immer perfekt verhalten zu müssen, ist doch absurd.
Cédric: Wenn es um die Empörung geht, wenn sich Jugendliche einmal prügeln, bin ich einverstanden. Das gab es schon immer und wird es immer geben. Aber ­gegenüber Gewalt in der Erziehung muss es eine absolute Nulltoleranz geben. Das würde ich mir auch als Vater auferlegen.

Beobachter: Ist das ein Thema für euch, eine eigene Familie?
Cédric: Die Frage stellt sich bei mir tatsächlich. Meine Partnerin und ich gehen gegen die 30. Wir sind beide zum ersten Mal in einer Lebensphase, in der wir einen fixen, längerfristigen Job haben, und in unserem Kollegenkreis kommen bereits die ersten Babys zur Welt.
Yann: Ich schliesse das nicht aus, in gefühlten 20 Jahren (lacht). Ich studiere noch, und nichts ausser meiner Partnerin passt im Moment zu einer Familie. Wenn es einmal so weit sein sollte, könnte ich mir gut vorstellen, Hausmann zu werden, auch wenn ich mir das mitunter recht anstrengend vorstelle.
Otto: Es ist wirklich recht anstrengend. Darum ist es mir wichtig, dass man Eltern jegliche erdenkliche Unterstützung anbietet – sie aber nicht kriminalisiert, wenn ihnen aus Überforderung einmal die Hand ausrutscht. Auch deine Mutter und ich sind manchmal an unsere Grenzen ge­stossen. Du hattest als Kleinkind Allergien. Wir sind in der Nacht bis zu siebenmal aufgestanden.
Yann: Zum Glück erinnere ich mich an nichts (lacht).
Otto: Es ist ja auch alles gut gegangen. Ich und deine Mutter haben als Team gut funktioniert. Das war unser Glück.

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Otto Wermuth, 60, hatte verschiedene Führungs­positionen in sozialen Institutionen inne, ist 
Managementcoach und seit Anfang Jahr Geschäftsführer der Stiftung Kinderschutz Schweiz.

Quelle: Ursula Markus
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Beobachter: Als Sie Vater wurden, war es nicht selbstverständlich, dass Väter nachts aufstehen. Würdet ihr Nachtschichten leisten, Yann und Cédric?
Cédric: Diese Frage stellt sich heute gar nicht mehr. Wir sind mit einer anderen Generation von Frauen konfrontiert. Für meine Partnerin ist ganz klar: wenn Familie, dann fifty-fifty. Darüber müssen wir gar nicht diskutieren.
Otto: Das finde ich gut. Wir hätten das auch gern so gemacht. Solche Experimente mit Familienmodellen machten damals nur die Alternativen und die Hippies. Heute ist das zum Glück ein gesamtgesellschaftlicher Trend.
Cédric: Ich bin nicht sicher, ob es den Trend wirklich in der ganzen Gesellschaft gibt. Gleichzeitig sind wir mit einer neuen Abwertung der Frau konfrontiert.

Beobachter: Inwiefern?
Cédric: Schauen Sie sich doch nur diese «Wir suchen das neue Topmodel»-Sendungen an, die Hiphop-Kultur, die Werbe- und Kosmetikindustrie. Frauen werden wieder aufs Äussere reduziert. Es gibt auch starke Rollenbilder bei Männern. Etwa den erfolgreichen Mann, der sein Dasein dem Erwerbsleben unterwirft. Da sind Konflikte unvermeidlich, wenn man Beziehung und Familie gleichberechtigt leben möchte.
Otto: Mit solchen Fragen schlägt sich jede Generation rum. Als ich in deinem Alter war, durfte man überhaupt nicht Mann sein. Im Zuge der Emanzipation sollten wir Softies werden und unendlich verständnisvoll, immer nett.
Cédric: Wir sollten uns heute doch von diesen stereotypen Rollenbildern lösen. Ich glaube, Yann und ich sind da privilegiert. Wir dürfen experimentieren, weil wir liberaler erzogen wurden als andere und weil wir in einem Umfeld leben, das offen ist.
Yann: Die meisten sind offen, würde ich ­sagen. Doch es gibt immer noch viele, die klare Erwartungen an Frauen und Männer haben. Aber es stimmt schon, dass sich diese Definition des Mann- oder Frauseins ständig ändert und dass es das Ziel sein muss, die Fragen der Lebensgestaltung vom Geschlecht zu lösen. Ein Stück weit ist das sicher schon gelungen. Ich hatte bis anhin jedenfalls nie das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen für meine Art, Mann zu sein.
Otto: Das ist offensichtlich eine Generationenfrage. Für uns waren das grosse Themen. Für mich vielleicht noch verstärkt, weil mein Vater sehr früh gestorben ist und mir daher ein Vorbild fehlte.

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Beobachter: War euer Vater euch in diesen Dingen ein Vorbild?
Yann: Ein Stück weit sicher. Er war sehr oft präsent, wir haben viel gemeinsam unternommen, zusammen gespielt. Deutlich mehr als bei einigen unserer Freunde.
Otto: Ja, das war mir wichtig. Wenn sich eingefleischte Hausfrauen unsere Foto­alben anschauen würden, wären sie wohl schockiert. Ein Riesenpuff überall. Erinnert ihr euch an die Bilder, auf denen ihr ganze WC-Rollen ausgerollt habt?
Cédric: Das hat Yann Hunderte Male gemacht.
Otto: Er wollte halt genau wissen, wie viel Material drauf war. Wir fanden es toll, dass er so neugierig und exakt war. Es gibt auch Bilder, da liegt der ganze Inhalt des Kühlschranks fein säuberlich geordnet auf dem Küchenboden.
Yann: Das war aber Cédric.

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Cédric Wermuth, 27, wurde als Jungsozialist 
2011 in den Nationalrat gewählt. Er studiert Politik­wissenschaften, Geschichte und Philosophie.

Quelle: Ursula Markus

Beobachter: Und wer hat aufgeräumt?
Otto: Meistens haben wir das gemeinsam gemacht. Natürlich wäre es einfacher gewesen, gewisse Dinge zu verbieten, aber wir waren von Berufs wegen überzeugt, dass Experimentieren wichtig ist für Kinder. Wir liessen euch vieles ausprobieren und eigene Erfahrungen machen.
Cédric: Wir waren auch früh selbständig. In meinem Freundeskreis konnte ich als Einziger selber bestimmen, wie viel ich fernsah. Ich bin auch schon im Kindergarten mit der Postcard meiner Eltern Geld ab­heben gegangen, wir kannten alle PINs. Meine Kollegen fanden das recht seltsam.
Otto: Wir haben euch früh viel Vertrauen geschenkt und damit viel Verantwortung übergeben, ganz bewusst.
Cédric: Ich finde das grundsätzlich richtig. Trotzdem gibt es Dinge, die ich bei meinen Kindern anders machen werde. Ich weiss sogar schon sehr genau was.

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Beobachter: Was denn?
Cédric: Wir haben zum Beispiel immer gemeinsam entschieden, was wir am Wochenende unternehmen. Mit der Konsequenz, dass wir nur sehr selten Ausflüge gemacht haben, weil sich eben nie alle ­einig waren. Dann durfte ich selber entscheiden, ob ich in die Pfadi will oder ein Musikinstrument lernen. Ich wollte beides nicht. Heute denke ich, ich habe dadurch auch einiges verpasst.
Otto: Darüber kann man tatsächlich dis­kutieren. Ich bin auch eher der Typ, der manchmal sagen würde: Das wird jetzt ­gemacht und fertig. Da war ich mit eurer Mutter nicht immer einig. Dafür war ich beim Ausgang toleranter als sie.

Beobachter: Cédric war gerade mal 15 Jahre alt, als er mit seinem Kampf gegen Rechtsextreme im Dorf zu nationaler Bekanntheit gelangte. Sie wurden massiv bedroht. Haben Sie in dieser Zeit Ihre freiheitliche Haltung hinterfragt?
Otto: Nein. Ich habe immer verstanden, was ihn antrieb. Aber natürlich hatten wir Angst um ihn. Grosse Angst. In der akuten Phase dieses Konflikts verlor ich meine Gelassenheit. Ich blieb wach, bis das Pub, in dem sich diese Typen trafen, zumachte und der letzte dieser «Heil Hitler!» grölenden Jungs nach Hause gefahren war.

Beobachter: Aber Cédric durfte weiterhin in den Ausgang?
Otto: Natürlich hätten wir ihn lieber beschützt, aber eine solche Kehrtwende wäre sicher nicht die Lösung gewesen. Wir suchten andere Wege, bauten ein Netz von Vertrauten auf. Lehrer, Nachbarn, Freunde, alle hielten ein Auge auf ihn. Und wir haben versucht, die Medien von ihm fernzuhalten.

Beobachter: Das geht heute nicht mehr. Cédric wird von den Medien nicht mit Samthandschuhen angefasst. Wie ist das, wenn man Zeitung liest und diese Angriffe gegen Sohn oder Bruder sieht?
Otto: Bei besonders fiesen Texten spüre ich bis heute diesen väterlichen Beschützer­instinkt. Obwohl ich natürlich weiss, dass er erwachsen ist und sich bestens selber wehren kann.
Yann: Ich frage mich schon ab und zu, wie er das aushält. Ich könnte das nicht, glaube ich. Cédric sagte einmal, es sei doch schön, dass sich überhaupt noch Leute von der Politik berühren liessen. Ich finde, es gibt ganz einfach Idioten. Das Gefühl, dass es Cédric selber nicht so viel ausmacht, hilft auch mir.
Cédric: Man gewöhnt sich tatsächlich ein Stück weit daran. Man kennt die Mechanismen, die Kommentarschreiber – und lernt, etwas emotionsloser damit umzu­gehen.

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Yann Wermuth, 24, studiert Philosophie.

Quelle: Ursula Markus

Beobachter: Apropos politisches Engagement: Sie sind alle drei Mitglieder der SP. Zufall, Erziehung, ­Indoktrination?
Yann: Wir haben nie gemeinsam Marx ge­lesen…
Cédric: Ich glaube schon, dass das etwas mit der Erziehung zu tun hat. Weniger mit dem, was uns gesagt wurde, als damit, was wir erlebt haben. Wir sind in einem kleinen Dorf im Freiamt aufgewachsen. Nicht unbedingt ein linksextremes Umfeld (lacht). Aber bei uns zu Hause ging die ganze Welt ein und aus. Tamilinnen und Tamilen, kurdische Familien, meine Eltern halfen, wo sie konnten. Ich erinnere mich auch an die Zeit des Jugoslawienkriegs. Ich habe zwei Franken aus meinem Sackgeldkässeli gespendet. Solche Dinge haben mein Weltbild sicher stark geprägt.
Otto: Wir haben uns nie hingesetzt, um unseren Kindern gezielt Werte zu vermitteln. Jedenfalls nicht bewusst. Ich glaube, da spielen ganz viele Faktoren mit: natürlich wir als Vorbilder, aber auch, dass unsere Freunde unsere Werte geteilt haben, Verwandte, ein Teil unserer Nachbarn.
Cédric: Rassismus war uns immer fremd, einfach dadurch, dass wir von klein auf mit ganz verschiedenen Menschen Kontakt hatten. Die Idee von sozialer Gerechtigkeit, Respekt gegenüber anderen Menschen, das haben wir alles von klein auf mitbekommen.

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Beobachter: Das klingt zu idyllisch. Keine Revolution in der Pubertät, keine Anrufe aufgebrachter Lehrer?
Otto: Also als Yann an die Bezirksschule kam, sagte die Lehrerin: «Ou nei, schon wieder ein Wermuth.»
Yann: Wir sind sicher beide nicht auf den Mund gefallen. Aber wir hatten das Glück, dass wir in der Schule immer problemlos mitgekommen sind.
Cédric: Wir haben die Schule immer recht locker absolviert, wir waren nie gezwungen, uns da richtig reinzugeben. Ausser in Mathe hatte ich nie Probleme. Das schafft Freiräume. Mit guten Noten kann man es sich erlauben, einmal nicht einverstanden zu sein oder etwas lauter zu werden.

Beobachter: Zwei Kinder mit Vorzeigeschulkarrieren – wie viel büffelten Mama und Papa mit?
Yann: Wir sind sehr früh intellektuell gefördert worden. Nicht auf eine abstrakte Art, aber uns wurde viel vorgelesen, erzählt. Wir hatten tonnenweise Bücher und haben selber früh gelesen. Ich erinnere mich, bereits in der zweiten Klasse Mindmaps erstellt zu haben. Nicht dass man da jetzt eine einfache Kausalität erstellen darf, aber es hat sicher geholfen, dass uns die Schule leichtgefallen ist.
Otto: Uns ist es nie darum gegangen, ein paar IQ-Punkte dazuzugewinnen. Für uns war es einfach selbstverständlich, den Alltag unserer Kinder möglichst abwechslungsreich zu gestalten. Wir waren ja beide auch beruflich in diesem Bereich tätig. Wir verstanden etwas von Förderung im Frühbereich. Trotzdem wäre es verwegen, sich deswegen als Eltern einfach auf die Schulter zu klopfen. Wir waren und sind ganz einfach unglaublich privilegiert und hatten immer wieder ganz grosses Glück.

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