Die deutsche Pädagogin Katharina Saalfrank wurde als «Super Nanny» bekannt. In der gleichnamigen RTL-Sendung riet sie Eltern, die mit ihren Kindern nicht zurechtkamen, zu Strenge und klaren Vorgaben. In ihrem Buch vollzog Saalfrank, 41, eine Kehrtwende und vertritt das «Ende der Erziehung»: Nur die gute Beziehung zum Kind zähle, Erziehung und strenge Regeln brächten nichts. Was soll man ihr nun glauben?

Beobachter: Beobachter: Wer die frühen Folgen von «Die Super Nanny» gesehen hat, staunt über Ihre Kehrtwende: Plötzlich soll Strenge nicht mehr angesagt sein. Warum dieser radikale Schritt?
Katharina Saalfrank: Die frühen «Super Nanny»-Folgen orientierten sich stark am englischen Ursprungsformat, es ging um verhaltenspädagogische Massnahmen. Mit der Zeit konnte ich meine eigenen pädagogischen Ziele mehr umsetzen. Auch in der Sendung spielte dann die wertschätzende Beziehung zwischen Eltern und Kindern die Hauptrolle.

Beobachter: «Ohne Erziehung kann mein Kind aber in der Welt nicht bestehen», werden viele Eltern einwenden. Was sagen Sie ihnen?
Saalfrank: Keine Angst, sage ich. «Ende der Erziehung» heisst nicht, dass Eltern ihre Kinder sich selbst überlassen oder sie antiautoritär aufwachsen lassen. Im Gegenteil: Kinder brauchen Orientierung und Menschen, die ihnen die Regeln des Miteinanders in unserer Gesellschaft vermitteln.

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Beobachter: Wie soll das gehen?
Saalfrank: Auch heute noch setzen viele Leute Erziehung mit Macht, Gehorsam und Anpassung gleich. Dabei ist es doch viel wich­tiger, welches Verhältnis ich zu meinen Kindern haben möchte. Wichtig wäre eine authentische Beziehung zu ihnen.

Beobachter: Was heisst das?
Saalfrank: Wir müssen unsere Haltung ändern. Kinder zu lieben heisst auch, sie eigene Erfahrungen machen zu lassen, nicht alles besser zu wissen, ihnen nicht ständig etwas beibringen zu wollen, sondern sie loszulassen und doch zu begleiten. Dies geht nur im gleichwertigen Dialog. Wir sollten Kinder nicht über Gehorsam zur Anpassung zwingen, sondern elterliche Macht aufgeben und stattdessen Verantwortung übernehmen. Wenn wir Kindern von Geburt an zugestehen, dass sie gleichwertige Wesen sind, und mit ihnen in einen echten Dialog treten, ersparen wir uns viele Machtkämpfe, die uns den Alltag sonst erschweren.

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Beobachter: «Beziehung statt Erziehung heisst nicht, keine Grenzen setzen», schreiben Sie – doch Sie verlieren kaum Worte über das Durchsetzen.
Saalfrank: Es geht nicht darum, Kinder einzugrenzen und Wände aus elterlichen Verboten zu bauen. Kinder brauchen Eltern, die ihre ­eigenen Grenzen kennen und so ihre Haltung deutlich machen. Als Erwachsener sollte ich wissen: Was möchte ich, was nicht? Und das authentisch vertreten. Die Kinder erleben Grenzen dadurch, dass wir Eltern uns positionieren. So erfahren sie: Der andere hat da eine Grenze! Das heisst für Eltern: Wir müssen neu lernen, Nein zu sagen. Nein sagen ist völlig okay und muss nicht böse und voller Wut geschehen, sondern in liebevollem, fürsorglichem Ton. Wenn Eltern klar sind, können Kinder damit gut umgehen.

Beobachter: Welche Alternativen gibt es zu Strafen?
Saalfrank: Strafen sind verführerisch, weil sie häufig scheinbar funktionieren. Strafen schaden aber der Beziehung zum Kind. Kinder lernen so nur: Ich muss machen, was eine Autoritätsperson von mir verlangt. Sie passen dann ihr Verhalten zwar an, aber sie vertrauen uns nicht. Die Alternative kann nur ein gleichwertiger Dialog mit den Kindern sein.

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Beobachter: Und wie soll der aussehen?
Saalfrank: Es geht um eine Haltung zu Kindern, die uns gleichwertig sind und die das Recht haben, mit ihren Bedürfnissen und Wünschen gehört und ernst genommen zu werden. Gerade in der Kommunikation läuft es aber oft schief. Eltern führen häufig Monologe, und Kinder fühlen sich unverstanden. Ein Dialog kann entstehen, wenn es keine Vorwürfe und Belehrungen gibt. Und wenn wir offen, engagiert und mit echtem Inte­resse mit unseren Kindern sprechen.

Beobachter: Viele Eltern wünschen sich konkrete Erziehungstipps. Woher kommt die Verunsicherung?
Saalfrank: Viele gesellschaftliche Normen haben sich verändert. Somit gibt es auch kein Richtig oder Falsch mehr. Das ist die gute Nachricht. Aber jeder muss nun selbst Verantwortung übernehmen und einen Weg als Eltern finden.

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Beobachter: Klingt alles schön und gut, werden sich viele sagen. Nur, der Alltag ist manchmal anstrengend mit Kindern, Job, Haushalt – und Eltern sind auch nur Menschen. Manchmal setzen sie sich über die Bedürfnisse ihrer Kinder hinweg, weil sie gerade keine Zeit, Kraft und Energie haben. Was kann man als Eltern tun?
Saalfrank: Der Alltag mit Kindern ist tatsächlich oft herausfordernd. Anstrengung und Kinder scheinen eng verbunden zu sein – auch in der Wahrnehmung unserer Gesellschaft. Es sind aber nicht die Kinder, die diese Anstrengung erzeugen. Wir stellen es uns oft einfacher vor, scheuen Auseinandersetzungen – aber eine Beziehung ist immer fordernd. Doch wir Erwachsenen tragen die Verantwortung und organisieren das Familien­leben. Vielleicht überfordern wir uns dabei selbst, die Schuld der Kinder ist das nicht.

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Beobachter: Wie schaffen denn Sie es – mit vier Kindern und einem aktiven Berufsleben?
Saalfrank: Ich habe das grosse Privileg, nicht allein zu sein. Ich kann das Familienleben immer im Austausch mit meinem Mann gestalten.

Beobachter: Ihr Buch ist auch ein Plädoyer dafür, Kinder von Anfang an als vollwertige Personen wahrzunehmen. Warum glauben viele Erwachsene, man könne mit kleinen Kindern noch nicht gut über Dinge reden und ihre Ideen zu Konflikten anhören?
Saalfrank: Wir leben häufig im Irrglauben, Kinder kämen als unfertige Wesen auf die Welt und würden erst durch Erziehung zu Menschen. Heute wissen wir aus der Entwicklungspsychologie und der Hirnforschung, dass Kinder schon mit Fähigkeiten und Potentialen auf die Welt kommen. Wir müssen deshalb nicht machtvoll unsere Interessen durchsetzen, sondern können von Kindern und ihren Ideen profitieren. Das Verhalten von Kindern hat immer einen Sinn, und es lohnt sich zu hören, was Kinder für Vorschläge haben.

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Beobachter: Warum plagt so viele Eltern das schlechte Gewissen, sie würden versagen?
Saalfrank: Wir haben im Alltag mit Kindern häufig viel zu hohe Erwartungen an uns und eine präzise Vorstellung davon, wie das Fami­lienleben aussehen soll. Wir lassen uns schnell von kleinen Ereignissen verunsichern, wenn mit den Kindern etwas mal nicht so läuft wie geplant. Dann sind wir mit diesen vermeintlichen Störungen häufig so beschäftigt, dass wir das Wesentliche vergessen: nämlich uns an unseren Kindern zu freuen! Zu freuen darüber, wie sie sind, wie sie sich entwickeln. Zu sehen, was sie sind, und uns darüber zu freuen, was sie alles schaffen und wie viel Kraft sie für das Leben mitbringen.

Beobachter: Was soll man tun in Momenten, in denen man als Eltern merkt, jetzt wird uns alles zu viel?
Saalfrank: Sie werden von mir keine Rezepte für den Umgang mit Situationen bekommen. Beziehung funktioniert nicht über allgemeine Verhaltensanweisung. Aber es ist nichts Aussergewöhnliches, wenn einem mal alles zu viel wird. Überforderung gehört zum Elternsein, gehört zur Beziehung. Wichtig ist, dass wir die Überforderung wahrnehmen und uns klarwerden, woran es liegt. Fühlen wir uns vielleicht im Streit mit unserem Kind persönlich angegriffen und verlieren deshalb gleich die Nerven? Oder haben wir durch die Organisation des Alltags selbst dazu beigetragen, dass Kinder überfordert sind und nur entsprechend darauf reagieren? So wie wir im Streit unter Erwachsenen keine Gewalt anwenden, so darf das auch in der Auseinandersetzung mit Kindern nicht geschehen.

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Beobachter: Die Methode Triple P, das «Positive Parenting Program» mit dem «stillen Stuhl», auf dem das Kind bei schwierigem Verhalten eine «Auszeit» nehmen muss, wurde durch die «Super Nanny» enorm bekannt. Beelendet Sie das?
Saalfrank: Nun ja, ich bin schon erstaunt darüber, dass nach so vielen Jahren viele Menschen die Sendung und die pädagogische Arbeit nach wie vor mit dem «stillen Stuhl» verbinden, oft sogar darauf reduzieren. Ich nehme es heute als Anknüpfungspunkt, um mit Eltern grundlegende Dinge wie Macht oder Anpassung in der herkömm­lichen Erziehung zu besprechen und ihnen zu erklären, warum ich glaube, dass es so nicht funktioniert.

Beobachter: Ist Triple P nicht einfach eine beschönigende Umschreibung für veraltete Erziehungsformen wie «ins Zimmer sperren»?
Saalfrank: Triple P ist ein Programm, das vor allem das Bedürfnis der Eltern nach konkreten Handlungsanweisungen befriedigt. Kinder sollen sich dabei einem gewünschten Verhalten unterordnen. Beziehungen funktionieren jedoch nicht aufgrund eines Programms. Triple P setzt auf die Mecha­nismen der herkömmlichen Erziehung: Macht, Gewalt, Gehorsam und Anpassung. Die vertrauensvolle, gleichwertige Beziehung ist hier nicht wesentlich, es geht um reine Verhaltensanpassung. Für mich hat sich diese Methode nach kurzer Zeit als wenig hilfreich, ja sogar als zerstörerisch erwiesen. Es wurde schnell deutlich, dass bei dieser Methode das Kind nicht nur massiv in seiner Autonomie und Entwicklung eingeschränkt, sondern auch in seiner Persönlichkeit gekränkt, in seinen Grenzen verletzt wurde. Zwischen den Zeilen kommt dabei eine Grundbotschaft beim Kind an: Ich will, dass du jederzeit meine Grenze wahrst, deine Grenze jedoch hat keine Bedeutung und keinen Wert für mich. Ändere dich, denn: Du bist nicht okay, so wie du bist.

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Beobachter: Warum hat der Ruf nach Disziplin in der Erziehung ein Comeback erlebt?
Saalfrank: Der gesellschaftliche Blick auf das, was bei Kindern normal und entwicklungsgerecht sein soll, hat sich enorm verengt. Es hat sich die Vorstellung durchgesetzt, dass jedes Kind sich auf die gleiche Weise und im gleichen Tempo entwickeln soll. So gibt es heute für alles eine Pille und für jeden eine passende Therapie. Kinder, die nicht passen, werden passend gemacht. Für viele Kinder und ihre Eltern ist das, einmal in diesen Kreislauf geraten, eine Katastrophe. Gerade im schulischen Bereich, der ja auch noch als System auf Anpassung und Gehorsam setzt, wird dann reflexartig der Ruf nach alten Werten wie Respekt und Diszi­plin laut. Damit wird der Versuch eines Umdenkens auf Elternseite oft wieder im Keim erstickt. Verunsicherte Eltern versuchen dann mit schlechtem Gewissen, ihre Kinder wieder in den Griff zu bekommen, um sich nicht anhören zu müssen, bei der Erziehung versagt zu haben. Ich kann nur hoffen, dass diese Tendenz nicht stärker wird, und gleichzeitig Eltern nur ermutigen, sich nicht verunsichern zu lassen.

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Buchtipp

Katharina Saalfrank: «Du bist o.k. so, wie du bist. Das Ende der Erziehung»; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2013, 288 Seiten, CHF 25.90