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Kinder lobenEs muss nicht alles super sein

Wenn Eltern Kinder loben, stärkt das deren Selbstvertrauen. Zu viel Lob kann aber schaden. Wie finden Eltern das richtige Mass?

Wenn sich ein Kind bemüht, sollte man das anerkennen – das stärkt die Beziehung.
von aktualisiert am 11. April 2019

Der dreijährige Elias klettert flink zur obersten Plattform des Kletterturms. «Schau mal, was ich kann», ruft er. «Super!», ruft die Mutter und klatscht verzückt in die Hände. «Ich bin oben», tönt es vom Turm. «Super!», tönt es von unten.

Elias nimmt das Lob der Mutter als Ansporn, über die kleine Holzbrücke zum nächsten Turm zu klettern. Dann schreit er wieder: «Schau mal!» Und wieder: «Super!» Irgendwann hat Elias genug und beginnt, eine Sandburg zu bauen. «Schau mal», ruft er der Mutter zu. Man ahnt schon, wie sie das Bauwerk findet.

Elias’ Mama ist in die Lobfalle getappt. Wenn jede noch so kleine Leistung super sein soll, stellt sich die Frage: Ist das für das Kind wirklich förderlich? Führt dieses inflationäre Loben tatsächlich zu Selbstvertrauen, und dient es als Ansporn, selbständig Situationen auszuloten? Oder setzt es das Kind im Gegenteil unter Druck – muss es alles immer «super» erledigen, um bei den Eltern möglichst gut dazustehen?

Gegenteilige Wirkung

Übertriebenes Lob kann besonders schüchterne, zaghafte und weniger selbstsichere Kinder mächtig einschüchtern, haben Psychologen der Universitäten Utrecht und Ohio State in einer Studie gezeigt. Als inflationär taxierten sie Lob, das bei bescheidenen Vorkommnissen mit Worten wie «sensationell», «perfekt», «fantastisch» oder «super» daherkam. Die Forscher halten fest, dass enthusiastisches Lob selbstbewusste Kinder tatsächlich anspornt, noch schwierigere Aufgaben in Angriff zu nehmen. Die unsicheren Kinder Erziehung So stärken Sie das Selbstbewusstsein des Kindes hingegen trauen sich gar nichts mehr zu, weil sie glauben, dem von ihnen geforderten Standard ohnehin nicht mehr zu genügen.

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Nur Kontakt herstellen

Hinzu kommt: Kleinkinder wollen gar nicht beurteilt werden. Wenn Elias «Schau mal!» ruft, will er mit der Mutter in Kontakt treten und bestätigt bekommen, dass sie ihn sieht. Eine einfache Reaktion würde ihm genügen, etwa: «Du bist aber hoch oben.» Mit unablässigem Loben bringt die Mutter ihn erst auf die Idee, er könnte beim Klettern etwas falsch machen oder sich ungeschickt anstellen. Und selbst wenn er es nicht bis ganz oben schafft, sollte er für seine Bemühungen Lob erhalten: «Du hast dich jetzt aber ganz fest angestrengt, das gefällt mir.»
Gesundes Lob ist – wie gesundes Essen – eine Frage von Mass und Mischung: Wer nicht jeden noch so kleinen Erfolg preist, sondern gelegentlich auch die Fähigkeiten seiner Kinder Frühförderung Wie man Kinder auf den richtigen Weg bringt würdigt, ist auf dem richtigen Weg. Keinesfalls sollten Eltern aber ganz aufs Loben verzichten.

Tipps: So loben Sie Kinder richtig

Ehrlich und glaubwürdig sein. Lob darf nicht zur Floskel verkommen. Überlegte Wortwahl, richtiges Mass und der genaue Blick aufs Kind sind das Zünglein an der Waage: je präziser, desto besser. Eine aufrichtige Anerkennung gibt Kindern eine verlässliche Orientierung.

Aufmerksam sein. Richtiges Loben zeigt, dass die Erwachsenen aufmerksam sind und sich die Mühe nehmen, das Positive genau zu beschreiben. Beispiel: «Das ist ein schönes Bild. Und ich sehe, wie du ganz viele Blumen mit verschiedenen Farben gemalt hast. Das ist dir wirklich gut gelungen.» Je konkreter und genauer das Lob formuliert ist, desto besser kann ein Kind seine Leistungen realistisch einschätzen und von der Rückmeldung profitieren.

Nicht für Selbstverständliches loben. Wenn ein Kind wegen Lappalien gelobt wird oder für Dinge, die es schon lange beherrscht (etwa die Schuhe schnüren) oder hätte erledigen sollen (etwa das Zimmer aufräumen), ist das fehl am Platz. Das Kind kann so seine Leistungen nicht realistisch wahrnehmen und fühlt sich nicht ernst genommen.

Das Verhalten loben. Lob und Interesse führen dazu, dass Kinder zu einem guten Selbstbild finden und an ihr Können glauben. Erwachsene sollten das Verhalten loben und keine Bedingungen daran knüpfen. Zugleich wird das Band zwischen Eltern und Kind gefestigt. Beispiel: «Ich bin so froh, dass du deine Jacke schon allein anziehen kannst. 
Das ist eine grosse Hilfe für mich.»

Ohne Worte loben. Je kleiner ein Kind, desto wichtiger das Lob durch Körperkontakt, Gestik oder Mimik. Umarmung, ein Küsschen oder ein Streicheln kann tiefer greifen als viele Worte. Auch bei älteren Kindern sind nonverbale Äusserungen angezeigt. Manchmal reicht ein Augenzwinkern, ein Lächeln oder ein hochgereckter Daumen.

Stets für die Bemühungen loben – vor allem, wenn der Erfolg trotz Anstrengung zu wünschen übrig lässt. So lernt das Kind, dass nicht bloss Erfolg zählt. Beispiel: «Du hast ganz ausdauernd Flöte geübt, das finde ich grossartig. Auch wenn du die Töne noch nicht ganz triffst, das wird schon.»

Öfter danken statt loben. Ein Dankeschön wirkt häufig nachhaltiger als ein Lob. Beispiel: Die Mutter bittet Elias, die Windeln in den Eimer zu bringen. Ihr Dank spornt das Kind an, immer wieder zu helfen.

Alter und Entwicklungsstand berücksichtigen. Kleinere Kinder kann man ruhig häufiger loben – während und nach Aktivitäten. Bei älteren Kindern, ab etwa sechs Jahren, können ein paar Worte der Anerkennung zu besonders gelungenen Aktionen genügen.

Lob durch Belohnung. Eine angebrachte Belohnung wirkt motivierend, um ein Verhalten zu ändern, eine neue Fertigkeit zu erlernen oder Aufgaben zu bewältigen. Am besten kommt eine Belohnung durch gemeinsam verbrachte Freizeit (Spielplatz, Badi, Zoo) zum Ausdruck. Das ist fürs Kind viel spannender als Schokolade – und fördert den Zusammenhalt in der Familie.

Kritik nicht vergessen. Natürlich ist auch das Aufzeigen von Fehlern Teil der Erziehung. Durch Kritik erklärt man den Kindern, wie sie etwas besser anpacken könnten. Für Kritik gelten ähnliche Regeln wie für Lob: Sie soll sich auf konkrete Fehler und Verhaltensweisen konzentrieren und sich nicht gegen den Charakter oder die Persönlichkeit richten. Kritik muss zudem fair sein. So lernt das Kind, kleine Ärgernisse von schweren Fehlern zu unterscheiden.

Buchtipps

  • Bettina Zydatiss: «Anerkennung statt Lob im Umgang mit Kita-Kindern»; Verlag Cornelsen, 2018, CHF 11.90
  • Jesper Juul: «Leitwölfe sein – Liebevolle Führung in der Familie»; Verlag Beltz, 2018, CHF 31.90
  • Martin Waddell: «Gut gemacht, kleiner Bär!» (Bilderbuch); Verlag Annette Betz, 2017, CHF 21.90

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Matthias Pflume, Mitglied der Chefredaktion

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