«Wenn man ‹streng› mit ‹konsequent› gleichsetzt, dann sind mein Mann und ich wohl eher streng»: Monika Knill, Erziehungsdirektorin im Kanton Thurgau

Beobachter: Im Thurgau sind Schulferien. Was unternehmen Sie mit Ihren Töchtern?
Monika Knill: Wir haben keine speziellen Pläne. Ich schaue einfach, dass ich auch ein paar Tage zu Hause sein kann. Richtig Ferien machen wir erst im Sommer.

Beobachter: Wohin gehts denn?
Knill: (Lacht.) Nicht weit! Ins Appenzellerland, Ferien auf dem Bauernhof. Die Mädchen wollen zwar schon lange einmal das Meer sehen, aber mit der Alternative Berge und Tiere sind sie auch glücklich. Wir sind zwar zu Hause umgeben von Bauernhöfen, aber davon können wir offenbar nicht genug bekommen. Da sind wir ganz ländlich-traditionell.

Beobachter: In anderen Bereichen weniger: Sie haben einen zeitintensiven Top-Job, Ihr Mann arbeitet zu Hause und betreut die Kinder. Macht Ihnen der Rollenwechsel Mühe?
Knill: Es ist schon eine Umstellung. Es geht mir so wie sonst vielen Männern: Man kommt abends heim und weiss nicht genau, was in der Familie abgelaufen ist.

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Beobachter: Hat sich dadurch Ihre Beziehung zu den Kindern verändert?
Schon. Früher war ich es, die den Alltag mit ihnen verbracht hat, die auch mal, wenn es nötig war, die Grenzen abgesteckt hat, an der sie sich gerieben haben. Jetzt ist mein Mann in dieser Rolle. Und ich bin eher die, die eine Aussensicht auf das Familienleben hat.

Beobachter: Wurden Ihre Kinder auch schon extern betreut?
Knill: Nein, wir haben das zum Glück immer innerhalb der Familie lösen können: Früher war ich daheim, jetzt mein Mann, und mit meiner Mutter lebt auch noch eine weitere Bezugsperson mit uns unter einem Dach.

Beobachter: Sie sagen: «zum Glück». Sind Sie gegen ausserfamiliäre Betreuungsangebote?
Knill: Keineswegs. Lieber ein Kind an einem guten Ort betreut, als ein Kind mit Schlüssel um den Hals und niemand zu Hause. In unserem Fall sage ich «zum Glück», weil ich es als Privileg empfinde, die Betreuung familienintern regeln zu können. Die Krippenfrage hat sich bei uns schlicht nicht gestellt. Ich muss aber auch ehrlich sagen: Ich hätte Mühe, meine Kinder in der jetzigen Altersphase fremdbetreuen zu lassen.

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Beobachter: Weshalb?
Knill: Mein Mann und ich haben das Familienleben nach jenen Wertvorstellungen aufgebaut, die uns wichtig sind. Unsere Kinder sind damit aufgewachsen, und in dieser Entwicklung soll es keinen Bruch geben, bloss wegen meines Amtes.

Beobachter: Hätten Sie notfalls auf das Amt verzichtet?
Knill: Wenn ich ein solches Engagement nur leisten könnte, wenn wir unsere familiäre Situation auf den Kopf stellen, dann hätte ich mir einen Verzicht sicher überlegt.

Beobachter: Als Erziehungsdirektorin sind Sie zuständig für Schulfragen. Reden Sie zu Hause darüber?
Knill: Ja. Die Kinder wissen, was für ein Amt ich habe, da sagen sie schon mal: «Sorg doch dafür, dass wir mehr frei haben!» Umgekehrt fühle ich bei ihnen den Puls, frage nach, ob sie ein Thema schon behandelt haben, oder bitte sie, mal ein Schulbuch mit nach Hause zu bringen. Das schafft einen guten Praxisbezug.

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Beobachter: Sie stehen quasi von Amts wegen für eine starke Volksschule ein. Wäre es ein Problem für Sie, wenn Ihre Kinder private Nachhilfe benötigten?
Knill: Nein. Es wäre auch kein Gesichtsverlust, bloss weil es die Töchter der Erziehungsdirektorin betreffen würde. Letztlich geht es bei der Nachhilfe einfach darum, dass ein Kind etwas aufholt, was es aus irgendeinem Grund versäumt hat.

Beobachter: Haben Ihre Kinder schon Berufswünsche?
Knill: Die Grössere will Tierärztin werden. Und die Jüngere hat kürzlich gesagt, sie würde gerne mal einen Bauernhof übernehmen.

Beobachter: Gibt es Berufe, bei denen Sie sich für Ihre Kinder denken: «Oh Gott, bloss das nicht»?
Knill: Also Bäuerin wäre ich selber auch gern geworden, damit habe ich gar kein Problem (lacht). Am ehesten abraten würde ich ihnen von Berufen, die wenig Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Aber es kommt ja immer darauf an, was man daraus macht.

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Beobachter: Wird bei Knills am Familientisch politisiert?
Knill: Ja. Wir diskutieren häufig über das, was politisch läuft, von der Gemeinde bis zum Bundesrat. Ich hoffe, die Kinder entwickeln so ein Grundinteresse für die Politik und dafür, wie ein Staat funktioniert.

Beobachter: Ihre politische Heimat ist die SVP. Was, wenn es Ihre Töchter irgendwann in die linke Ecke zieht?
Knill: Das würde ich sportlich nehmen, das gäbe höchstens spannendere Diskussionen am Tisch! Nur wenn es ganz extreme Positionen wären, ob links oder rechts, dann hätte ich Mühe.

Beobachter: Ihre Kinder kommen in ein Alter, in dem sie die Welt für sich allein entdecken wollen. Wie viel «Auslauf» geben Sie ihnen im Alltag?
Knill: Wir haben Regeln vereinbart, die eingehalten werden müssen. So müssen sie abends nach ihren Sporttrainings um acht, Viertel nach acht zu Hause sein. Und um neun Uhr ist grundsätzlich Bettzeit.

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Beobachter: Und wenn die Kinder das alles grundsätzlich anders sehen? Haben Sie auch Druckmittel?
Knill: Ja, die gibt es schon. Wenn es nötig ist, wird zuerst einmal etwas «gepoltert» – da lasse ich dann auch nicht lange mit mir diskutieren. Und sonst ist am nächsten Tag halt schon um Viertel vor neun Feierabend.

Beobachter: Sind Sie eine strenge Mutter?
Knill: Ich würde es so sagen: Wenn man «streng» mit «konsequent» gleichsetzt, dann sind mein Mann und ich wohl eher streng.

Beobachter: Haben Ihre Töchter ein eigenes Handy?
Knill: Nein!

Beobachter: Das klingt nun aber sehr konsequent…
Knill: In diesem Alter braucht es das schlichtweg nicht, finde ich. Meine Töchter sehen das natürlich anders, aber das mit dem eigenen Handy wird frühestens wieder ein Thema, wenn sie in der Oberstufe sind. Aber auch dann nur mit klaren Regeln bezüglich Gebrauch und Finanzierung.

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Beobachter: Dürfen Flavia und Leonie nach eigenem Gutdünken im Internet rumsurfen?
Knill: Einen Freipass haben sie nicht. Wir haben im Büro einen Laptop, auf dem jede ihre eigene Oberfläche hat, die mit Filtern geschützt ist. Innerhalb dieses Rahmens dürfen sie den Computer frei benützen, wobei mein Mann, der dort arbeitet, immer ein Auge darauf hat.

Beobachter: Was können Sie als Erziehende besonders gut? Und was würden Sie gerne besser können?
Knill: Zu den Schwächen, das ist einfacher: Manchmal bräuchte ich mehr Geduld und Gelassenheit. Ich lasse mich relativ schnell auf die Palme bringen.

Beobachter: Selbstkritik in Ehren – aber worin sind Sie gut?
Knill: Ich kann den Kindern die Werte vermitteln, die es braucht, um in einer Gemeinschaft gut zusammenleben zu können: Anstand, Respekt, Wertschätzung, Rücksichtnahme. Und zwar, indem ich das nicht nur predige, sondern es vorlebe – ich versuche es jedenfalls. In dieser Beziehung habe ich ganz viel von dem übernommen, was schon in meinem eigenen Elternhaus einen hohen Stellenwert hatte.

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Beobachter: Was wünschen Sie sich, dass Ihre Töchter über Sie sagen, wenn sie einmal erwachsen sind?
Knill: «Wir hatten es als Familie immer schön. Und du bist zwar manchmal streng gewesen, aber du hast uns viele Chancen geboten, unseren eigenen Weg zu gehen.» Noch wichtiger als das, was sie sagen, ist jedoch, was sie tun: Wenn unsere Töchter auch als Erwachsene gern heimkommen, dann ist das der Beweis, dass wir es wohl nicht so verkehrt gemacht haben.

Zur Person: Monika Knill ist seit dem 1. Juni 2008 im Regierungsrat des Kantons Thurgau, wo sie dem Departement für Erziehung und Kultur vorsteht. Die 37-Jährige begann ihre politische Karriere bereits mit 23 im Gemeinderat von Kemmental TG. 2003 zog das SVP-Mitglied Knill in den Grossen Rat ein.

Die jüngste Regierungsrätin der Schweiz lebt mit ihrer Familie sowie ihrer Mutter in einem Drei-Generationen-Haus – dem umgebauten Elternhaus – in Alterswilen TG. Dort führt ihr Mann Josef, 40, das gemein­sam aufgebaute Geschäft für Fenster- und Fassadentechnik. Die Töchter Flavia, 12, und Leonie, 10, besuchen die Primarschule und sind begeisterte Turnerinnen. Monika Knill spielt Volleyball und joggt. Sport wird bei den Knills grossgeschrieben.

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