Urs Moser ist Geschäftsführer des Instituts für Bildungsevaluation der Universität Zürich. Der 51-jährige ausgebildete Primarlehrer und studierte Pädagoge ist verheiratet und hat zwei Töchter, Rahel, 10, und Carol, 8.

Bekannt wurde Urs Moser durch seine Mitarbeit beim Projekt Pisa (Programme for International Student Assessment). Dieser internationale Leistungsvergleich wird 2009 zum dritten Mal durchgeführt.

Beobachter: Haben Sie den Zeugnisbatzen für Ihre Töchter schon parat?
Urs Moser: Nein, ich verwöhne sie sonst schon genug. Fürs Zeugnis würde ich niemals Geld geben.

Beobachter: Wieso nicht?
Moser: Die Noten sind mir relativ gleichgültig. Nicht egal ist mir hingegen, ob sich die Kinder anstrengen oder nicht. Ich bewerte nicht das Ergebnis, sondern den Weg dorthin. Ich belohne sie in schulischen Angelegenheiten nur verbal – obwohl bei Kindern auch mit ökonomischen Anreizen etwas zu erreichen wäre, wenn es ums Lernen geht.

Beobachter: Und? Sind Ihre Töchter auch so fleissig ­genug?
Moser: Zum Glück, ja. Dass sie freiwillig Aufgaben machen, ist allerdings eher selten. Wir ­haben einfach darauf geachtet, dass das Aufgabenmachen ein selbstverständlicher Bestandteil des Tagesablaufs ist – so wie Essen oder Hobbys. Für mich ist zudem sonnenklar: Wenn unsere Töchter an einem Tag zwei Stunden das Fussballtraining besuchen können, dann haben sie ganz sicher auch eine halbe Stunde Zeit, um ein Rechenblatt zu lösen oder in einem Buch zu lesen.

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Beobachter: Sind Sie ein strenger Vater?
Moser: Selber würde ich mich als offenen und liberalen Vater bezeichnen. Ich habe aber auch schon bei den Kindern nachgefragt, und sie finden, ich sei streng. Zumindest gebe es schon zwei, drei coolere Papas, sagen sie…

Beobachter: Wer hat recht?
Moser: In gewissen Bereichen bin ich tatsächlich streng. Es gibt Prinzipien in der Erziehung, an denen ich festhalte.

Beobachter: Zum Beispiel?
Moser: Ein Grundsatz ist zum Beispiel, dass an­gefangene Sachen fertig gemacht werden. Wenn sich etwa eine der Töchter für eine Sportart entscheidet, dann muss sie diese mindestens eine Saison lang ausüben.

Beobachter: Kinder von Lehrern haben es ja oft nicht leicht: Die Eltern wissen immer alles besser. Würden Sie Ihr eigenes Kind sein wollen?
Moser: Das wäre ich gern und habe das schon so gesagt. Meine Frau meinte dann: «Pass auf, du hättest dann dich als Vater, das willst du wohl kaum!» (lacht) Ich bin in einem relativ hohen Alter Vater geworden und habe zuvor meine Freiheiten gehabt, deshalb widme ich mich jetzt sehr gern in der Freizeit den Kindern, bin oft am Wochenende mit ihnen auf dem Eisfeld oder auf dem Fussballplatz.

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Beobachter: Übt der «Mister Pisa» mit seinen Töchtern auch für die Schule?
Moser: Ja, und ich habe den Plausch daran. Pisa zeigt ja regelmässig, dass das Elternhaus eine starke Bedeutung für den Lernerfolg der Kinder hat. Und wenn man sie auch mal bei den Hausaufgaben unterstützt, sie das Einmaleins abfragt oder zum Lesen auffordert, dann bringt ihnen das viel. Zudem habe ich ein Interesse zu wissen, was sie in der Schule gelernt haben, wo sie Defizite haben und ob sie meine Unterstützung brauchen. Das erfahre ich besser, wenn ich auch einmal mit ihnen zusammen die Aufgaben erledige, als wenn ich sie nur danach frage.

Beobachter: Wie zufrieden sind Sie mit den Lehrerinnen und Lehrern Ihrer Töchter?
Moser: Sehr. Unsere Kinder haben engagierte Lehrpersonen und gehen sehr gern zur Schule.

Beobachter: Wäre es ein Problem für Sie, wenn Ihre Töchter in die Sek B kämen?
Moser: Ja, schon, weil ich das aufgrund ihrer bisherigen Leistungen nicht erwarten würde. Und weil ich aufgrund meiner Untersuchungen weiss, dass die Fähigkeiten vieler Schülerin­nen und Schüler der Sek B ungerechtfertigterweise zu schlecht beurteilt werden. Das mindert ihre Chancen auf dem Lehrstellenmarkt.

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Beobachter: Sie leben im Zürcher Seefeld, privilegiert auch in Bezug auf die Situation an den ­Schulen. Wie wäre es, wenn Sie etwa in der Vorstadt Schlieren wohnen würden, wo die Verhältnisse ganz anders sind?
Moser: Es ist tatsächlich so, dass der Lernerfolg auch vom Quartier und von der Zusammensetzung der Schule abhängt. Wenn eine Schule praktisch nur von Kindern besucht wird, die kaum Deutsch sprechen, ist dies ein Nachteil, weil beispielsweise Sprachvorbilder fehlen. Je nach Quartier sind so die Bildungs­chancen verschieden. Wenn meine Kinder nun in eine Schule müssten, in denen kaum ein Kind Deutsch spricht, hätte ich tatsächlich Mühe, das zu akzeptieren. Zugleich bin ich mir sicher, dass sie auch in einer solchen Schule ihren Weg finden würden.

Beobachter: Haben Ihre Töchter schon Berufswünsche?
Moser: Die ältere will Profi-Fussballerin werden. (lacht) Nein, sie weiss es noch nicht. Die ­jüngere hingegen hat schon ein paar Mal ­gesagt, dass sie Ärztin werden möchte.

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Beobachter: Und was sähe der Papa gerne?
Moser: Das ist mir eigentlich egal. Ich wünsche mir einfach, dass sie sich für ihren Beruf einmal begeistern können und gerne zur Arbeit gehen. Wer einen Beruf ausüben kann, der seinen Interessen entspricht, ist privilegiert und hat es im Leben einfacher.

Beobachter: Sie und Ihre Frau sind Akademiker: Wäre auch eine einfache Berufslehre okay?
Moser: Sicher, unser Ausbildungssystem ist heute so durchlässig, dass einem nach einer Lehre noch alle Möglichkeiten offenstehen.

Beobachter: Haben Ihre Töchter einen Computer im Zimmer?
Moser: Nein. Wir haben ein Familien-Notebook für alle, das kann man dorthin mitnehmen, wo man es braucht.

Beobachter: Wissen Sie, was Ihre Kinder am Notebook so treiben?
Moser: Ja, das kontrolliere ich genau. Sie surfen zwar noch nicht so richtig, aber ich habe die einschlägigen Softwarefilter installiert, damit sie nicht auf falsche Seiten im Internet kommen.

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Beobachter: Haben Ihre Töchter ein Handy?
Moser: Nur die ältere. Und nur deshalb, weil sie manchmal allein mit dem Bus ins Training fährt und wir wollen, dass sie erreichbar ist. Sie hat das Handy also nicht auf eigenen Wunsch.

Beobachter: Wann müssen Ihre Kinder ins Bett?
Moser: Um acht Uhr. Sie dürfen, ja sie sollen dann aber noch lesen.

Beobachter: Wie oft dürfen sie abmachen?
Moser: Der «Ausgang» ist reglementiert, zum Teil aber auch ganz natürlich durch Sport und Musik begrenzt. Wir gestalten die Freizeit der Kinder deshalb aktiv mit, weil uns Fixpunkte im Alltag wichtig sind. Sonntag ist beispielsweise Familientag, und auch das gemeinsame Abendessen ist uns wichtig.

Beobachter: Eine Selbsteinschätzung: Was können Sie als Erzieher besonders gut? Und was weniger?
Moser: Ich weiss jetzt gar nicht, ob das gut oder schlecht ist: Jedenfalls kann ich sehr konsequent sein, wenn ich davon überzeugt bin, dass es so richtig ist. Dann tuts mir auch nicht weh, wenn ein Kind Widerstand zeigt oder mal weint. Diese Konsequenz ist in der einen Situation erfolgreich, kann sich in einer andern aber als ungeschickt erweisen, weil ich vielleicht etwas zu autoritär vorgehe und mit Verhandeln weiterkäme. Dann wird meine angebliche Stärke zur Schwäche.

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Beobachter: Was stört Ihre Kinder am meisten an Ihnen?
Moser: Mein Ton. (lacht) Manchmal kommen sie und sagen: «Papa, du hast wieder diesen Ton!» Und das stimmt. Wenn ich müde und ausgelaugt bin, wird mein Ton manchmal sehr streng, gereizt – eben autoritär.

Beobachter: Wie sind Sie selber erzogen worden?
Moser: Völlig anders. Ich bin in Schaffhausen aufgewachsen und war praktisch immer draussen, was für meine Kinder hier in Zürich nicht möglich ist. An einen strengen Ton zu Hause kann ich mich noch vage erinnern.

Beobachter: Was wünschen Sie sich, was Ihre Kinder über Sie sagen, wenn sie erwachsen sind?
Moser: «Er hat manchmal genervt, aber grundsätzlich war er in Ordnung» – damit wäre ich schon ganz zufrieden.

Beobachter-Serie


Wie erziehen Erziehungs­fachleute?

Dieser Frage geht der Beobachter in einer Serie nach, die in loser Folge erscheint.

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