Die Eckpunkte im Leben von Mara Brunner* (Name geändert) sind schnell aufgezählt: mit 19 Jahren das erste Mal schwanger, die Verkäuferinnenlehre abgebrochen, drei Kinder allein aufgezogen, fünf Enkelkinder. Die jüngste Tochter, Dalia Brunner*, ist Autistin.

Mara Brunner ist heute 70. Sie arbeitet noch immer an vier Tagen pro Woche in einem Heim für psychisch beeinträchtigte Menschen, von 9 bis 14 Uhr. Nur mittwochs hat sie frei. Sie könnte Ergänzungsleistungen beziehen, verzichtet aber darauf. Sie will für sich selber sorgen.

Sie ist Beiständin ihrer autistischen Tochter. Vor zwei Jahren wurde Dalia selber Mutter. Ihr Sohn heisst Jonas*. Nicht zufällig ein biblischer Name, Mara Brunner hat Dalia den christlichen Glauben vorgelebt. Für andere da zu sein, ist für sie selbstverständlich. Die Mutterrolle ein Auftrag, Fürsorge ein tief verinnerlichter Wert.

«Zehn weisse Kittel schauen auf mich herab, versuchen, mich festzuhalten. Ich wehre mich mit den Fäusten, schreie. Vergebens. Sie fixieren mich ans Bett. Ich wiege 120 Kilo, aufgedunsen durch Psychopharmaka, Leponex, ein Medikament zur Behandlung von Schizophrenie. Ich bin nicht schizophren, ich habe keine Wahnvorstellungen. Ich bin Autistin. Meine Mutter rettet mich, nimmt mich zu sich nach Hause. Meine Mutter ist immer für mich da.»
Erinnerung von Dalia Brunner, Psychiatrische Klinik Wil, im Winter 2010

Mara Brunner hatte kein einfaches Leben. Es war ein Leben am Limit. Ständig finanzielle Sorgen als Alleinerziehende, ein Exmann, der zwar die Alimente zahlte, sich aber um nichts kümmerte, «ein Luftibus». Eine autistische Tochter, die schon in der Schule grosse Schwierigkeiten hatte, oft in Heimen lebte, immer wieder ausbrach, Monate in psychiatrischen Anstalten verbringen musste. Klinik Wil, Klinik Langenthal, Klinik Münsterlingen, Klinik Beverin.

Einmal zündete Dalia Brunner im Heim die Gardinen an, weil sie nach Hause wollte. Zweimal musste sie per FFE, der fürsorgerischen Freiheitsentziehung, in eine psychiatrische Klinik eingeliefert werden. Suizidrisiko.

«Ich hoffe, dass ich 100 Jahre alt werde. Ganz allein wird meine Tochter es nie schaffen.»

Mara Brunner*, Pensionärin

Viele Sorgen, viel Arbeit, wenig Schlaf. Immer war Mara Brunner für andere da. «Mein eigenes Leben blieb auf der Strecke», sagt sie heute. Verständlich, wenn sie eine verbitterte alte Frau wäre. Aber sie hadert nicht, schaut vorwärts. Macht Schritt für Schritt. Hat ständig zu tun, kennt keine Freizeit. «Ich hoffe, dass ich 100 Jahre alt werde», sagt sie und schiebt ihre feine Brille zurecht.

Die 70-Jährige redet schnell und viel. Sie sitzt am runden Esstisch ihrer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in einer kleinen Stadt am Bodensee. Kahle Betonwände, ein grosses gerahmtes Foto an der Wand: grüne Rebberge in der Toskana, «ein Geschenk meines Sohnes». Sonst viel Weiss und Grau, kein Schnickschnack, schlicht und geschmackvoll. Dritter Stock. Die Aussicht über den See ist atemberaubend.

«Wenn Dalia da ist, müssen die Storen runter und die Vorhänge geschlossen werden», sagt sie. Ihre Tochter mit der Autismus-Spektrum-Störung ertrage die Weite nicht.

«Als ich zur Welt kam, wusste Gott, was für eine Mutter ich habe. Eine Mutter, die immer für mich da ist, für mich kämpft.»

Dalia Brunner*

Mara Brunner ist sehr schlank, gross, dezent geschminkt. Jeans und weisser Strickpulli. Eine elegante Frau, die viel jünger aussieht, als sie ist. Ihr Hund heisst Baloo, wie der dicke Bär im «Dschungelbuch». Aber ihr Baloo ist dünn, ein Windspiel-Mischling, der sehr laut bellt.

«Ich hoffe, dass ich 100 Jahre alt werde», sagt Brunner nochmals. Bis dahin sei Dalia hoffentlich noch selbständiger als heute. «Ganz allein wird sie es nie schaffen», so die Mutter.

Beistandschaft für die Tochter

Die 37-jährige Dalia ist vor kurzem ausgezogen. Sie wohnt mit ihrem Sohn Jonas in der Nähe, in einer kleinen Altbauwohnung, und lebt von einer IV-Rente und Ergänzungsleistungen. Die Autismus-Spektrum-Störung macht sie zu 100 Prozent arbeitsunfähig. Man sieht ihr die Einschränkung nicht an. Wie ihre Mutter ist Dalia Brunner eine schöne Frau, ebenso schlank und gross, mit langem, dunkelblondem Haar.

«Dalia und Jonas sind oft hier bei mir», sagt Mara Brunner. «Ich bin Dalias Ansprechperson in allen Belangen, immer. Rund um die Uhr.» Dalia kommt allein nicht zurecht, auch mit Jonas nicht. Grossmutter Mara muss auf beide aufpassen. «Jemand muss ja für sie da sein», sagt sie. Vor zehn Jahren übernahm sie Dalias Beistandschaft. Sie habe nicht mehr mit ansehen können, wie wenig sich die amtlichen Beistände um sie gekümmert hätten. «Ich weiss, wie viele Klienten sie haben und wie knapp die Zeit ist», so Brunner.

«Ich gehe ins Schwesternzimmer, weil ich raus und spazieren möchte. Die Schwestern blicken kaum auf von ihrem Kartenspiel und geben mir ungefragt ein Temesta, ein starkes Beruhigungsmittel. Als Patientin soll ich still sein, im Dämmerzustand. Das hilft mir aber nicht.»
Erinnerung von Dalia Brunner, Psychiatrische Klinik Wil, 2009

«Ich habe mich immer um meine Tochter gekümmert, um und für sie gekämpft», sagt Mara Brunner. Sie erinnert sich gut daran, wie sie sie aus der Klinik in Wil holte. Dalia sei als Schizophrene behandelt worden – es sei absurd gewesen. Niemand habe auf sie hören wollen, dass Dalia autistisch sei.

«Das war schlimm. Sie sah aus wie ein Walfisch, so dick und aufgeschwemmt.» Die Psychopharmaka Wechselwirkungen von Psychopharmaka Gefährliche Mischung schlichen sie dann daheim behutsam aus. Innerhalb von wenigen Wochen war Dalia wieder auf ihrem Normalgewicht, 60 Kilo. Dass sie eine Autismus-Spektrum-Störung hat, bestätigten später die Psychiatrischen Dienste Graubünden. Der Tochter ging es daheim besser als in der Klinik.

Schlösser und Prinzessinnen

Baloo bellt. Als ob er verstanden hätte. «Früher hielten adlige Damen in Italien solche Hunde», erzählt Brunner. Sie habe den Hund aus Mitleid von ihrem ältesten Enkelsohn übernommen, der ihn als todgeweihten Welpen aus Italien mitgebracht hatte, aber wegen des ständigen Gebells nicht behalten durfte. Brunner liebt Schlösser und Prinzessinnen, Mittelalter-Romantik. Den Film «Sissi» hat sie Hunderte Male gesehen. Die englische Queen Elizabeth bewundert sie. «Ich habe ein Herz für den Adel», sagt sie. Ihr einziger Luxus.

Der Freund von Tochter Dalia und Vater des Enkelkindes kümmere sich liebevoll um seine kleine Familie, lebt aber im Ausland. Die Mutter und Grossmutter wird ständig gebraucht. «Jonas ist vif, braucht viel Aufmerksamkeit.» Irgendwann werde er seiner Mutter überlegen sein.

«Ich war nicht nur glücklich, als Dalia schwanger wurde. Aber es ist natürlich ihr Recht», sagt Mara Brunner. Eine grosse Verantwortung. Und die Tochter mache es gut als Mutter. Soweit sie das eben könne.

Wichtige Routine

Letzten Frühling bezahlte die Stiftung SOS Beobachter Über uns Wie die Stiftung SOS Beobachter arbeitet eine Mutter-Kind-Kur für Dalia und Jonas, einen dreiwöchigen Aufenthalt in einer therapeutischen Institution, in der Dalias Mutterkompetenzen gestärkt wurden. Zustande kam dies dank Mara Brunner.

«Nonna!», schreit Jonas begeistert, rennt zu seiner Grossmutter und umarmt sie stürmisch. Die Nonna ist beim zweijährigen Enkel und seiner Mutter zu Besuch. Die kleine Wohnung ist akkurat aufgeräumt. Montag ist Waschtag, Dienstag Putztag, erzählt Dalia Brunner. Sie brauche ihre tägliche Routine. Aber Jonas habe ihr vier bis fünf Prozent Spontanität gegeben.

Illustration: Grossmutter hält Enkel im Arm
Quelle: Andreas Gefe

Alles muss immer nach demselben Schema ablaufen, ein typisches Merkmal der Krankheit. «Ich habe gelernt, dass nicht immer alles so geht, wie ich das möchte», sagt sie und versorgt den Mantel der Mutter. Kinder hielten einem den Spiegel vor. Mara Brunner lächelt.

Sie hat ihren Enkel auf dem Schoss und hört ihrer Tochter zu. Sie erinnert sich an Dalias siebten Geburtstag vor 30 Jahren. Das Mädchen hatte sich eine Musikanlage gewünscht. Der Bruder stellte sie ins Regal und räumte die Barbiepuppen weg, damit genügend Platz da war. Statt sich zu freuen, habe Dalia getobt. Wollte aus dem Fenster springen – weil die Puppen nicht mehr da waren. «Sie hat seither grosse Fortschritte gemacht», sagt Mara Brunner.

«Als ich zur Welt kam, wusste Gott, was für eine Mutter ich habe. Eine Mutter, die immer für mich da ist, für mich kämpft», sagt Dalia Brunner. Eine Liebeserklärung und ihre Art, Danke zu sagen. Mara Brunner rinnt eine Träne die Wange hinab. Noch 30 Jahre, bis sie 100 ist.

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