Mein Kindheitstraum war golden, verspielt und unglaublich weich. Ich war 15, als das Golden-Retriever-Weibchen bei uns einzog. Nala, damals noch ein Welpe, sass fortan auf jedem Familienfoto in der ersten Reihe. Wir ohne sie – das war kaum vorstellbar. Bis zwölf Jahre später meine Mutter anrief. «Der Tierarzt sagt, Nala hat etwas an der Leber.» Ich lebte mittlerweile in einer anderen Stadt als meine Familie. Ich dachte: Bitte nicht! «Er sagt, wir sollen die Stunden geniessen, die sie noch hat.»

Hunde grosser Rassen werden im Schnitt fünf bis acht Jahre alt, kleine 10 bis 14 Jahre. Katzen können noch älter werden, Kaninchen leben acht Jahre, Hamster zwei. Die meisten Menschen werden ihr Tier also wahrscheinlich überleben und wissen das, wenn sie es bei sich aufnehmen.

Genau damit hatte meine Mutter lange Zeit argumentiert: Sie wolle keinen Hund, weil man ihn lieb gewinnt und er dann viel zu früh sterben wird. Trotzdem lebt in fast jedem zweiten Schweizer Haushalt ein Tier. Darunter 1,7 Millionen Katzen, 520'000 Hunde, 480'000 Kaninchen, 330'000 Nager, 320'000 Reptilien und 190'000 Vögel.

Nervensäge, Spielkamerad, Trösterin

Nachdem ich vernommen hatte, dass unsere Hündin todkrank ist, flog ich sofort zu meiner Familie. Ich blickte aufs Wolkenmeer, hörte Popmusik in Endlosschleife und erinnerte mich. Wie Nala meine lang ersparten neuen Schuhe zerfrass. Wie meine kleinen Geschwister schreiend auf die Stühle sprangen, wenn sie in Kreisen durchs Wohnzimmer rannte. Wie Nala meine Tränen wegleckte, wenn ich traurig war, und Feldweg um Feldweg neben mir hertrabte, während ich Zukunftspläne schmiedete.

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«Unsere Haustiere sind heute Partner, mit denen wir etwas unternehmen, denen wir Sorgen anvertrauen und die uns im Alltag Halt geben», sagt die Psychologin Claudia Pilatus. «Der Verlust eines solchen Partners trifft ­einen eiskalt.»

Als ich bei meiner Familie ankam, gingen wir mit unserer kranken Nala am See spazieren. Wir machten Fotos mit ihr, schrieben ihren Namen in den Sandboden. Ich streichelte ihren warmen Körper, so oft ich konnte, und dachte, wie gern ich sie festhalten würde, um sie auf der Welt zu halten.

Nala verlor Gewicht, wollte keine Treppen mehr steigen, wurde anhänglicher. Als ich mich von ihr verabschiedete, um nach Hause zurückzukehren, lag Nala im Gang, hob den Kopf, zog die Ohren zurück. Es ist okay, geh ruhig, schien sie zu sagen.

«Wenn ein Tier leidet, sollte man es nicht natürlich sterben lassen», sagt Martina Schybli, tierärztliche Beraterin beim Schweizer Tierschutz. «Dann muss man unbedingt eine Euthanasie durchführen.» Euthanasie bedeutet einschläfern. Wenn ein Tier nicht mehr fresse, sein Fell nicht mehr pflege oder sich nicht mehr bewegen wolle, empfiehlt Schybli, den Tierarzt um eine Einschätzung zu bitten. «Manche Halter kommen zu früh, teilweise aus finanziellen Überlegungen, andere zu spät, weil sie sich an Veränderungen gewöhnt haben oder sie nicht sehen wollen.» Gemäss Tierschutzverordnung seien Halter aber dazu verpflichtet, ein Tier nicht nur artgerecht zu pflegen, sondern im Ernstfall auch fachkundig töten zu lassen.

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«Haustiere sind heute Partner, mit denen wir etwas unternehmen. Ihr Verlust trifft uns eiskalt.»

 

Claudia Pilatus, Psychologin

Auch wir diskutierten, wie lebenswert Nalas Leben noch war. Bis die Hündin kaum noch gehen konnte und den Raum wechselte, wenn jemand zu ihr kam. Wie ein sterbender Wolf, der sich vom Rudel entfernt, erklärte unser Tierarzt. Die Sache war klar.

Meine Familie schickte ein Foto: Nala lag im Wohnzimmer, ihr Kopf auf dem Schoss meiner Mutter, meine Geschwister an ihrer Seite. Sie fütterten sie mit ihrer Leibspeise, Wienerli.

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Als der Tierarzt kam, wartete er, bis Nala ruhig wurde. Dann fragte er, ob meine Familie bereit sei. Er setzte die Spritze mit dem Beruhigungsmedikament. Einige Tiere springen durch den Stich jaulend auf, warnte er. Nala aber schlief ruhig ein, während er das zweite, überdosierte Schlafmittel verabreichte, das den Atem stoppt und zum Herzstillstand führt.

Blümchen und ein Stock auf dem Grab

Für Tierhalter kommt der Verlust ihres Lieblings immer zu früh. Die Trauer sollte Platz haben und nicht verdrängt werden, sagt Psychologin Claudia ­Pilatus. «Wir trauern, weil wir etwas Gutes hatten, das nicht mehr ist. Trauer heisst aber auch, Dankbarkeit zu erkennen für das, was war.» Ausserdem erhalten wir durch den Tod der Haustiere Einsichten ins Kommen und Gehen des Lebens, auch unser eigenes.

Ein professioneller Tierbestatter hat dann Nalas Körper abgeholt. Heute liegt sie auf einem Tierfriedhof zwischen einer Katze und einem anderen Hund. Auf ihrem Grab liegt ein Stock, blühen Blümchen, dreht sich ein Fähnchen im Wind. Auf dem Grabstein steht: «Die besten zwölf Jahre». Hätten wir Nala damals nicht auf­genommen, wären wir am Ende nicht so traurig gewesen. Wir hätten aber auch etwas Entscheidendes verpasst: ihr Leben und unsere Liebe zu ihr.

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Das hilft Ihnen beim Trauern um das verstorbene Haustier

  • Gefühle zulassen
    Trauer kommt und geht in Wellen. Es ist normal, dass man auch Monate nach dem Tod des geliebten Tieres noch traurig ist und kurz darauf glücklich in Erinnerungen schwelgt.
  • Rituale pflegen
    Besuchen Sie zum Beispiel das Grab, schlagen Sie alte «Gassiwege» ein, erstellen Sie ein Fotoalbum, hängen Sie Bilder auf.
  • Sich austauschen
    Reden Sie mit verständnisvollen Bekannten. Vielleicht helfen Ihnen auch Trauernachrichten oder virtuelle Trauerforen.
  • Sich Fehler verzeihen
    Unfälle passieren, Tiere verschwinden und sterben – Sie müssen sich nicht die Schuld geben.
  • Die ganze Familie einbinden
    Lassen Sie Ihre Kinder an der Trauer teilhaben und sprechen Sie offen mit ihnen über den Tod.
  • Gutes tun
    Engagieren Sie sich für heimatlose Tiere, wenn der Schmerz nachlässt, spenden Sie übrig gebliebenes Futter oder nehmen Sie ein neues Tier auf, ohne eine Kopie des alten zu erwarten.

Wo Sie den Tierkörper begraben oder entsorgen können

  • Im Garten begraben
    Auf Privatgrund ist es gemäss der «Verordnung zur Entsorgung tierischer Nebenprodukte» erlaubt, bis zu zehn Kilogramm schwere Haustiere zu begraben. Allerdings darf keine Trinkwasserquelle in der Nähe sein, und man sollte mindestens 1,20 Meter tief graben.
  • Verbrennen lassen
    Acht Schweizer Tierkrematorien verbrennen Tierkörper, die man selbst bringt oder abholen lässt. Die Asche kann man in einer Urne aufbewahren oder vor Ort vergraben lassen.
  • Auf dem Tierfriedhof beerdigen
    In Emmenbrücke LU, Läufelfingen BL und Lausanne sind Erd- und Urnenbestattungen in Einzel- oder Gemeinschaftsgräbern möglich. Ausserdem gibt es in Schönholzerswilen TG und in Uzwil SG Waldfriedhöfe, wo man die Asche des verstorbenen Tieres bei einem Baum beisetzen kann.
  • Verwerten lassen
    Kadaversammelstellen nehmen Tierkörper kostenlos entgegen. Zusammen mit Schlachtabfällen werden daraus Tiermehl und Fett extrahiert und als Brenn-, Heiz- oder Treibstoff eingesetzt.

Tipps von Claudia Pilatus, psychologische Beraterin und Buchautorin

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