Ein personifiziertes Klischee zu sein ist ermüdend. Wenngleich ich mich daran gewöhnt habe, dass fremde Menschen wissend gucken, wenn sie erfahren, wie viele Katzen ich habe. «Sieben Katzen?», sagen sie – und denken:

«Dabei sieht die gar nicht aus wie ein Messie.»
«Vielleicht ist sie einfach eine Zicke.»
«Oder eine Emanze.»
«Wahrscheinlich beides.»
«Aber ganz sicher alleinstehend und kinderlos.»

Das Bild der verschrobenen Katzen­halterin fand seine wohl bekannteste Spiegelung in der Zeichentrickfigur der «verrückten Katzenlady» aus der Kultserie «The Simpsons»: Eleanor Abernathy ist um die 40, nach einem Burn-out ebenso ungepflegt wie ungebunden, aggressiv und völlig durchgedreht, kurz: eine gescheiterte Karrierefrau mit vielen, sehr vielen Katzen.

Wer «sammelt» Katzen?

Die Vorstellung, dass Katzen typische «Frauentiere» seien, findet sich laut dem amerikanisch-schweizerischen Verhaltensforscher und Katzenkenner Dennis C. Turner in allen Kulturen und Zeiten. Ein Grund dafür sei, dass Frauen generell eine stärkere emotionale Bindung zu Tieren hätten als Männer, ihnen eher dieselben Gefühle zugestehen würden wie uns Menschen.

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In den vergangenen Jahren machten zudem vermehrt Extremfälle vermeintlicher Tierliebe – des sogenannten Animal Hoardings – Schlagzeilen: Der ursprüngliche Wunsch, «arme Tiere zu retten», artet aufgrund einer psychischen Störung zu unkontrolliertem «Sammeln» von Tieren aus, was zu Überforderung des Halters und Verwahrlosung der Tiere führt. Gemäss mehreren Untersuchungen sind über drei Viertel der Betroffenen Frauen, meist alleinstehend und sozial isoliert. «Und tatsächlich werden besonders häufig Katzen gesammelt», sagt Michelle Richner von der Schweizer Stiftung für das Tier im Recht. Schockierende Bilder von randständigen Frauen inmitten abgemagerter, verfilzter und kranker Tiere prägen sich ein. Aber sind sie «typisch»?

Animal Hoarding sei zwar zunehmend ein Problem, so Richner, aber so tragisch jeder Einzelfall auch sei, das Ausmass der Problematik werde doch gern «hoch­geschaukelt». Exakte Fallzahlen gibt es für die Schweiz nicht. Richner schätzt jedoch, dass man von gut einem halben Dutzend Fällen pro Jahr ausgehen könne. Also eher doch nicht die «typische» Katzenhaltung.

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Trotzdem haben Frauen und Katzen nicht grundlos den Ruf, in ganz besonderer Verbindung zu stehen. Das haben mehrere Studien der Universität Zürich mit Unterstützung des Instituts für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung (IEMT) gezeigt, deren Ergebnisse Männer leer schlucken lassen dürften: Zum Wohlbefinden der Frau trägt der männliche Partner ­weniger bei als die Hauskatze. Für das Befinden des Mannes hingegen ist die Partnerin wichtiger als die Katze. «Wir haben sowohl alleinlebende Männer und Frauen wie auch Paare und Familienmütter und -väter befragt. Das Ergebnis spricht nicht für uns Männer», sagt der IEMT-Präsident Dennis C. Turner.

Parallelen zwischen Katze und Frau werden seit je gezogen, wenn auch meist zum Nachteil beider: So galt die ­Katze schon in der Antike als Sinnbild für «verwerfliche weibliche Eigenschaften» wie Naschsucht, Heuchelei, Wollust und Eitelkeit. Das Bild vom Wesen der Katze war über die Jahrhunderte unter Denkern und Dichtern ähnlich ambivalent wie dasjenige von der Frau.

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Mal wurden Katzen als Gottheiten verehrt, dann als Inbegriff des Bösen verfolgt, gequält und hingerichtet. «Katzen sind in Europa seit 1000 Jahren sehr präsent. Als im Mittelalter die Hexenjagd aufkam, richtete sie sich häufig gegen alleinstehende Frauen, die abseits der Gesellschaft lebten. Viele dieser vermeintlichen Hexen hielten Tiere, oft auch Katzen – die gleich mitverteufelt wurden», erklärt Turner. Es gehörte quasi zur gutbürgerlichen Volkstümlichkeit, Katzen zusammen mit ihren Halterinnen, oder auch jede für sich, stellvertretend für das Böse auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen oder sie anderweitig grausam zu Tode zu bringen.

«Erst im 18., 19. Jahrhundert, mit der Invasion der Wanderratten von Russland her, stieg die Wertschätzung der Katze ­wieder: Sie wurde zum Verbündeten des Menschen gegen die Ratten und gegen die Pest», sagt ­Turner. Und obwohl von da an die Popularität der Katze kontinuierlich zunahm, blieb bei einigen grossen Denkern ein Restmisstrauen.

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Die alleinstehende Frau ist verdächtig

Einer, der Katzen besonders leidenschaftlich verabscheute, war der französische Naturforscher Georges-Louis Marie Leclerc, Comte de Buffon. Zur Zeit der Aufklärung schrieb der Graf den Katzen ­eine «angestammte Boshaftigkeit und einen schlechten Charakter» zu: «Weit verschieden von jenem treuen Tiere, dessen Empfindungen alle der Person seines Herrn angehören, scheint die Katze nur für sich zu empfinden, nur bedingungsweise zu lieben, nur zum Umgange bereit zu sein, um ihn zu missbrauchen und wegen dieser Übereinstimmung des Naturells ist sie weniger so unverträglich mit dem ­Menschen als mit dem Hunde, in welchem alles aufrichtig ist.»

Auch der deutsche Zoologe und Vogelfreund Christoph Gottfried Andreas Giebel urteilte Ende des 19. Jahrhunderts hart: «Die hervorragendsten Züge im Katzencharakter sind Falschheit und Naschhaf­tigkeit. Die sprichwörtliche Falschheit äussert sich bei jeder Gelegenheit, beim Spiele, bei der Liebkosung; eine unsanfte Berührung, ein hartes Wort wird sofort mit derben Pfötchenschlägen oder mit Kratzen erwidert.»

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Zugleich findet die Katze zahlreiche ­Bewunderer für exakt dieselben Eigenschaften, die ihre Gegner bemängeln. So brachte es der deutsche Lyriker Rainer ­Maria Rilke auf den Punkt: «Die Katzen sind Katzen, kurz gesagt, und ihre Welt ist die Welt der Katzen, von einem Ende zum andern.»

Katzen sind kleine Anarchisten: Es fehlt ihnen die Unterwürfigkeit, das Zähm- und Lenkbare – Eigenschaften, die für geordnete Verhältnisse unabdingbar scheinen. Erinnert uns das an jemanden? Ach ja: die Singlefrau. Während dem alleinstehenden Mann Selbstbestimmtheit und Freiheitsdrang gut anstehen, bleibt die alleinstehende Frau verdächtig.

Die Katze der Singlefrau wird denn auch gern als Partner- oder Kinderersatz abqualifiziert. Es muss ersetzt werden, was fehlt – zumindest aus Sicht der geordneten Verhältnisse.

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Jedes vierte Haustier ist eine Katze

Darauf angesprochen, winkt Turner ab. Natürlich gebe es Fälle, in denen Haustiere vermenschlicht würden oder zum Beispiel über den Auszug der erwachsenen Kinder hinwegtrösten sollen. Generell spiele der Aspekt «Partner- und Kinderersatz» aber eine untergeordnete Rolle. Das zeige sich allein darin, dass weltweit die meisten ­Katzen keineswegs bei Singles, sondern in Familien mit Kindern leben. Turners Institut für angewandte Ethologie und Tierpsychologie wertete für eine vergleichende Studie in zwölf Ländern über 6000 Fragebogen aus. Die Ergebnisse zeigen, dass Katzen auf der ganzen Welt zunehmend beliebte Tiere sind – bei Frauen wie Männern und vor allem in Familien.

Repräsentative Erhebungen des Konzerns Mars, der unter anderem die Katzenfuttersorten Whiskas und Sheba herstellt, zeigen dasselbe Bild: Gut ein Viertel der in der Schweiz lebenden Haustiere sind Katzen – rund 1,4 Millionen an der Zahl; unter den Katzenhaltern sind 46 Prozent Familien mit Kindern, 31 Prozent Paare und nur 23 Prozent Singles. Zudem halten Letztere im Schnitt weniger Katzen als Familien oder Paare. «Bei den Familien mit Kindern hat jeweils die Hälfte eine Katze, die andere Hälfte lebt mit zwei oder mehr Katzen im Haushalt. Eine ähnliche Verteilung ­sehen wir bei Paaren beziehungsweise ­Lebensgemeinschaften. Singles hingegen haben häufiger nur eine Katze. Lediglich in knapp einem Drittel der untersuchten Single-Haushalte leben zwei oder mehr Katzen», sagt Julia Henner, Ernährungs­expertin für Heimtiere bei Mars Schweiz.

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Katzenladys wie Eleanor Abernathy sind also eine Randerscheinung. Mög­licherweise hält sich das Klischee so hartnäckig, weil Katzen durchaus wesentliche Gemeinsamkeiten sowohl mit Frauen wie mit Singles haben: Sie sind ein bisschen unverstanden, ein bisschen unheimlich, aber irgendwie auch faszinierend.

Wer Katzenhalter danach fragt, warum sie sich für diese Tierart entschieden haben, erlebt häufig, dass sie geradezu stolz sind auf die typische Eigenwilligkeit und Unberechenbarkeit ihrer kleinen Lieblinge, die nur scheinbar im Widerspruch zur ebenso typischen Anhänglichkeit und Sanftmut stehen.

Katzen sind einfach ein bisschen von allem. «Und ohne sie ist alles nichts», wird der passionierte Katzenhalter sagen.

Egal, ob weiblich, männlich, liiert oder allein­stehend.