Über allen Gipfeln ist Ruh. Bis ein Kläffen zu den Wipfeln dringt und eine Joggerin in Begleitung eines Mannes hysterisch zu kreischen beginnt, obwohl sich der Vierbeiner nicht rührt: «Nehmen Sie Ihren Köter an die Leine, ich habe null Bock, von ihm angefallen zu werden.» Die Retourkutsche der Hundebesitzerin kommt postwendend: «Halten Sie sofort Ihren Partner fest, wer weiss, ob er mich nicht gleich begrapscht.» Wau. Das sitzt.

Mit dieser einleitenden Episode löst Susy Utzinger, Leiterin des Kurses gegen Hundeangst, rundum einen Aha-Effekt aus und unterstreicht ihr Leitmotiv: Wenn Hund und Mensch sich in die Quere kommen, gehören Anstand und Toleranz zum guten Ton. «Geben Sie in einer kritischen Situation klar zu verstehen: Ich habe Angst», empfiehlt die «Alleinerziehende» zweier Vierbeiner. Mit diesem Eingeständnis auch sich selbst gegenüber sei der erste Schritt getan.

Eine Stimme für die Hunde

Die Fürsprecherin geschlagener, ausgesetzter, verwaister Kreaturen gibt gleich zu Beginn den Tarif durch. «Eigentlich vertrete ich die Seite der Hunde», sagt sie und ergänzt, sie könne Hunde, die sich von den Menschen abwenden, durchaus verstehen. Kein Wunder: Susy Utzinger spricht fliessend Hündisch und gebrochen Wölfisch. Ihr Credo: «Hunde sind auch nur Menschen.» Oder immerhin nahe Verwandte: Neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass die Gene des Königspudels zu 75 Prozent denen des Menschen ähneln. Somit hat der Vierbeiner mit seinem Herrchen mehr Gemeinsames als die altgediente Labormaus.

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In der ersten Lektion in Sachen Hündisch am Sitz der Susy-Utzinger-Stiftung für Tierschutz in Winterthur finden fünf teils traumatisierte Leidensgenossinnen im Alter zwischen 30 und 60 Jahren zusammen. In dieser «geschützten Werkstatt» können sie sich hundskommun outen.

Zum Beispiel Marianne Wetzel, die selbstsichere Mittfünfzigerin aus Zürich. Sie sah sich bei Wanderungen im Emmental schon zur Umkehr gezwungen, weil sie dem vor einem Bauernhaus frei herumlaufenden und kläffenden Berner Sennenhund nicht ins Gehege kommen wollte.

Zum Beispiel Bedriye Kuzman aus dem Zürcher Oberland. Sie reagiert selbst in Begleitung ihres Mannes hysterisch, wenn ihr auf der gleichen Strassenseite ein Hund entgegenkommt. «Ich habe so extrem Angst, dass ich jeweils fast in Ohnmacht falle», gesteht sie. Allein traue sie sich nicht über ihren Gartensitzplatz hinaus und gehe nicht einmal am nahe gelegenen Seeufer spazieren.

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Zum Beispiel Pauline Geniets aus Oberrieden. Die Mutter eines kleinen Sohnes wurde als Einzige in der Runde im Jugendlichenalter von einem Hund angefallen und spitalreif gebissen. Seither spürt sie ein gewisses Unbehagen, das sie ganz bewusst nicht auf ihr Kind übertragen will.

Die Kursbesucherinnen können aufatmen: Hundeangst ist keine Ausnahmeerscheinung und braucht nicht mit eigenen schlechten Erfahrungen gekoppelt zu sein. In einer Umfrage unter Nichthundehaltern gab jedenfalls mehr als die Hälfte der Befragten an, sie hätten Angst, auch wenn sie noch nie gebissen worden seien.

Hunde reagieren oft sehr menschlich

Bei einem Bestand von 490000 Hunden ist eine Begegnung der unliebsamen Art nicht immer zu umgehen, wie die Statistik zeigt. Jährlich suchen bei uns 13000 Personen mit einem Hundebiss den Arzt auf. Jedes dritte Opfer ist ein Kind. Zwar spielt sich der Grossteil der ernsthaften Zwischenfälle im Privatleben oder im Bekanntenkreis ab. Bei den Erwachsenen kommen die Attacken aber in knapp der Hälfte der Fälle aus dem Hinterhalt, vornehmlich beim Joggen oder auf Wegen, die an Höfen oder Häusern mit einem Wachhund vorbeiführen. Also doch. Da steht es schwarz auf weiss: Ganz so harmlos sind die Hunde auch wieder nicht.

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Über Verständigungsschwierigkeiten zwischen Zwei- und Vierbeinern kann Susy Utzinger als Sprachrohr der Hunde ein Lied singen. «Die hündischen Verhaltensmuster haben häufig eine verblüffende Ähnlichkeit mit den menschlichen», sagt sie. Wer an einem bewachten Bauernhof vorbeispaziert, muss sich nicht wundern, wenn der Hund sein Revier, seine «gute Stube», verteidigt und den Fremden zu verstehen gibt: bis hierher und nicht weiter.

Für einen solchen Ernstfall lässt sich in «Feuerwehrübungen», wie Utzinger es nennt, eine Abwehrstrategie einüben. Nähert sich ein Hund mit scheinbar bedrohlichen Gebärden, gilt die innere Durchsage: still stehen, die Hände mit der Innenseite nach aussen am Körper runterhängen lassen, den Blick zur Seite abwenden und das Alphabet rückwärts aufsagen. Gut zu wissen: Den Hund anstarren und sich dann aus dem Staub machen kommt einer Einladung zur Verfolgungsjagd gleich.

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Mit Schweinen und Ziegen gehts leicht

Mit dem Hundelatein am Ende zeigen sich die Frauen mittlerweile ist man per du beim gut gemeinten Ratschlag von Susy: «Macht euch uninteressant.» Allzu gerne würden sie erfahren, wie man schnurstracks im Boden versinkt oder einem aufdringlichen Hund die kalte Schulter zeigt wie einem ungebetenen Verehrer. Aber da ist man ja auch von Mensch zu Mensch nicht selten überfordert.

Nach den Trockenübungen empfiehlt die Verhaltensforscherin, die in Amerika auch schon mit Wölfen im gleichen Gehege geheult hat, die Lektüre des Buches «Dogwatching» und hofft bis zum nächsten Mal auf positive Erlebnisberichte.

Mit unterschiedlichen Gefühlen und Erwartungen sehen die Angstgeplagten dem zweiten Streich im Tierheim «Pfötli» in Winkel bei Bülach entgegen. Die Bilanz der letzten Wochen fällt ernüchternd aus. Nicht alle konnten ihr theoretisches Wissen an den Hund bringen. Bedriye Kuzman, ein Angstbündel par excellence, ist beim Anblick eines Hundes nach wie vor paralysiert. Eine weitere Teilnehmerin ist so auf die Vierbeiner fixiert, dass sie langsam, aber sicher vor lauter Schnauzen die Hunde nicht mehr sieht.

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Zum Glück sind keine halsbrecherischen Mutproben in Hündisch angesagt. Als Lebendobjekte stehen vorerst Hausschweine und Ziegen auf dem Programm. Wer will, kann mit Leiterin Susy in den Aussengehegen das grunzende Borstenvieh oder die meckernden Geissen füttern, antippen, stossen, streicheln. Bedriye gibt ein gellendes «Neiiin» von sich und bleibt vor dem Zaun wie angewurzelt stehen. Marianne wiederum zeigt keine Angstsymptome. Vier Beine und ein Ringelschwanz ergeben noch keinen Berner Sennenhund.

Nach den Annäherungen ans Kleintierreich gilt es ernst. Susy führt draussen auf der Wiese mit dem zögerlichen Einverständnis der Gruppe ihre beiden eigenen Hunde vor einzeln und an der Leine, versteht sich. Zuerst dreht die kleine Shelo, eine hochwohlgeborene Shih-Tzu-Dame, eine Runde. Erster Grundtenor: Jö. Susy zeigt, wie man Hunde mit Würstchen für sich gewinnt. Auf los gehts los: Es darf gefüttert werden. Jö und nochmals Jö.

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Schreck lass nach: Beim Auftritt des um ein Vielfaches grösseren LeonbergerMischlings Kai gehen Bedriye und eine Lehrerin aus dem Entlebuch hinter einer Abschrankung in Deckung. Gebannt starrt eine weitere Leidensgenossin den Hund an, bevor sie sich der Faustregel entsinnt, möglichst uninteressant zu erscheinen. Susys Bemerkung, der Hund habe eine Menschenausbildung hinter sich, stimmt etwas zuversichtlicher. Als Zückerchen sozusagen gibt auch noch ein verspielter Welpe seine Kapriolen zum Besten und lässt sich von allen Seiten füttern, streicheln und herzen. Jö, Jö und nochmals Jö.

Der Ernst beginnt auf der Allmend

Die dritte Lektion im «Pfötli» soll einen Vorgeschmack auf die Feuerprobe auf der Zürcher Allmend vermitteln, dem Eldorado für Hunde aller Art und Unart. Nach einem Augenschein der vierbeinigen Pensionäre und Findelkinder in den Zwingerboxen im Haus wird die Runde ins Auslaufgehege im Freien gebeten, wo Shelo und Kai frei herumlaufen und auch ein Welpe dem Menschenrudel seine Aufwartung macht. Und siehe da: Bedriye geht nicht mehr voll auf Distanz. Sie hat in den Ferien in der Türkei mit einem einheimischen Vierbeiner angebandelt und dabei ein paar Brocken Hündisch aufgeschnappt. Sie ist auf dem Weg der Besserung.

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Für den Höllentrip an einem Samstagmorgen auf der Allmend lassen sich Einzelne dispensieren. Doch Bedriye stellt sich auf die Hinterbeine. In Susys Schlepptau macht sie sich auf den Weg, das Fürchten zu verlernen. Scheinbare Bestien tollen mit Mini-Mischlingen umher, ein Zotteltier flitzt vor der Nase durch, Herrchen und Frauchen unterhalten sich über ihre Zöglinge, in einer Sicherheitsdistanz von 20 Metern lässt ein eingefleischter Hündeler die Pfeife trillern. Nach drei Viertelstunden ist der Spiessrutenlauf zu Ende. Schweissgebadet, doch voller Stolz erreicht Bedriye das Ziel. Die Panik ist verflogen, ihr Leben hat eine neue Dimension. «Das Seminar war ein totaler Erfolg», resümiert sie.

Für Marianne ist das Gesellenstück ein Kinderspiel. Sie realisiert, «dass die Hunde an mir kein Interesse zeigen». Die unberechenbaren Berner Sennenhunde bleiben ihr aber ein Dorn im Auge, auch wenn ihr Kopf jetzt weiss, wie sie sich zu verhalten hat. Des Lobes und Stolzes voll ist die junge Mutter Pauline. Sie hat ihren Sohn auf die Allmend mitgenommen und verhält sich seither bei Spaziergängen lockerer und entspannter. Zwar begegnet sie den Hunden weiterhin mit Respekt, sieht sie aber viel «menschlicher».

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Die restlichen zwei Kursabsolventinnen versuchen weiterhin, sich uninteressant zu machen mit dem inneren Aufschrei: Hunde, spürt die Signale.

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