Für junge Menschen arbeiten? Toll! Wer in seinem Job mit der Jugend zu tun hat, stösst üblicherweise auf Wohlwollen. Schliesslich geht es dabei um unsere Zukunft, irgendwie. Und sollte es nur sein, entgleiste Kids wieder auf die Spur zurückzuführen: Wohlan, irgendjemand muss das ja machen. Die Ausnahme ist Ciriaco Sforza. Der bekannteste Jugendbeauftragte im Land ist zugleich jener, auf den am heftigsten Hohn und Spott niederprasselt. In aller Öffentlichkeit.

Aufs Dach kriegt der 41-Jährige jedes Mal, wenn seine Schützlinge verlieren – und das passiert ziemlich oft, denn Sforza ist Trainer von GC. Die Grasshoppers sind die Krabbelgruppe der höchsten Schweizer Fussballliga: sehr talentiert, aber auch sehr jung. 17 Spieler im Kader sind Jahrgang 1990 oder jünger. Wenn es die Quoten-Alten im Team irgendwo zwickt, dann führt der einstige Sans-Papier Toko Nzuzi Bundebele den einstigen Renommierklub als Captain aufs Feld; Toko ist eben 21 geworden. «Zu viel Jugend, das funktioniert nicht», mäkeln die Besserwisser, weil der Erfolg ausbleibt.

Ein Jugendarbeiter, der nicht verzweifelt

Werden seine Buben derart abqualifiziert, stellt sich Ciriaco Sforza, ganz Papà, mit breiter Brust vor sie hin. Auch der kon­fuseste Kick der Junioren hält ihn nicht ­davon ab, gebetsmühlenartig auf eine ­«positive Entwicklung» hinzuweisen. Nur: Sforza tut das derart aufgesetzt, dass es ihm kaum noch jemand abnimmt. Oder sollte er tatsächlich der einzige Jugend­arbeiter der Welt sein, der nicht ab und zu an der Jugend (ver-)zweifelt?

«Es geht auch um einen Schutz für mich und die Jungen», erklärte er die Schönrederei kürzlich. Einen Tag später, ­also wenn Kameras und Mikrophone aus sind, könne er ihnen «dann schon sagen, was mir nicht passt».

Dann fragen wir doch nach, so ganz allgemein: Welches Verhalten von Jugendlichen bringt Sie auf die Palme, Ciriaco Sforza? «Respektlosigkeit – vor allem gegenüber Älteren –, Disziplinlosigkeit, mangelnde Fähigkeit zur Einordnung in eine Gruppe», zählt der Fussballlehrer auf, dem selber während seiner Spielerkarriere das Prädikat «schlitzohrig» anhaftete, um es hier wohlwollend zu formulieren. Wie Sforza haben noch 17 andere Berufs­jugendliche – also Erwachsene, deren berufliche Tätigkeit auf junge Menschen ausgerichtet ist – für den Beobachter spontane Einschätzungen abgegeben (siehe Bild «18 Experten – 1 Bild»). Ein Experiment zur Klärung eines Mysteriums: Was ist das eigentlich, «die Jugend»?

Quelle: Frank Höhne

 
Hier sehen Sie das «Bild der Jugend», geschaffen vom Berliner Illustrator Frank Höhne. Er hat dafür Zutaten verwendet, die 18 Experten geliefert haben: Persönlichkeiten, die in ganz verschiedenen beruflichen Funktionen mit jungen Leuten zu tun haben. Der Beobachter hat sie gebeten, Stichworte zu folgenden Fragen zu liefern:

1. Welches sind die positivsten Eigenschaften oder Verhaltensweisen der Jugend?

2. Und über welche ärgern Sie sich am meisten?


Den entsprechenden Input geliefert haben:

  • Annette Bischof-Campbell, Sexual­berate­rin/Projektleiterin Verein Lilli
  • Ingo Fritschi, Geschäftsleiter ­Lernzentren LfW
  • Markus Gander, Geschäftsführer Infoklick.ch
  • Allan Guggenbühl, Psychologe, Autor, Spezialist für Jugendkonflikte
  • Hansueli Gürber, Zürcher Jugendanwalt
  • Anne Guyaz, Präsidentin ­Pfadibewegung Schweiz
  • Stefan Horisberger, Geschäftsleiter «Schweizer Jugend forscht»
  • Eva Kirchberg Hebing, Theaterpädagogin, Koleiterin Junge Bühne Bern
  • Remo Largo, Kinderarzt und Fachbuchautor, zuletzt von «Jugendjahre»
  • Thomas Lechner, Inhaber eines Snowboardshops, Snowboardlehrer in Scuol
  • Heinz Moser, Nachwuchstrainer beim Schweizerischen Fussballverband
  • Gabriela Muri, Architektin, Hochschuldozentin mit Schwerpunkt Stadt- und Jugendforschung
  • Andrea Ruckstuhl, Leiter Ressort Jugend KV Schweiz
  • Ciriaco Sforza, Cheftrainer GC
  • Margrit Stamm, Erziehungswissenschaftlerin und Bildungsforscherin
  • Margrit Tröhler, Filmwissenschaftlerin, Mitglied Patronatskomitee «Schweizer Jugendfilmtage»
  • Eveline von Arx, Redaktionsleiterin «Fritz + Fränzi», zuvor im «Dr. Sommer»-Team von «Bravo»
  • Christian Wandeler, soziokultureller ­Animator, Fanarbeiter FC Luzern

«Neugierig», «kreativ», «aktiv»

Largo gibt die Richtung vor, die anderen folgen: «Empfänglich, schöpferisch, zugänglich», lobt Eveline von Arx, die die «Bravo»-lesenden Pubertierenden jahrelang als «Dr. Sommer» mit Intimitäten versorgt hat. Das «grosse soziale Engagement» der Jugend streicht die Bildungswissenschaftlerin Margrit Stamm hervor. «Enthusiastisch, kreativ, aktiv» sind die Stichworte des soziokulturellen Animators Christian Wandeler, «neugierig, freundschaftlich» jene der höchsten Pfadfinderin, Anne Guyaz.

«Mir gefällt, dass sie intuitiv handeln, sich wenig Gedanken machen, die sie in ihrem Fortkommen bremsen könnten.» Das sagt Ciriaco Sforza – und wenn seine GC-Youngsters vor lauter Intuition am Tor vorbeischiessen, wird er halt wieder den Kopf hinhalten müssen.