Beobachter: Leiden Jugendliche heute stärker unter Langeweile als noch vor 10, 20 Jahren?
Leo Gehrig: Das ist schwer zu sagen. Denn Langeweile, Leere und diffuses Unbehagen gehören zum Leben und ganz besonders zum Teenager-Alter, zur Adoleszenz; die Frage aber ist, in welchem Ausmass. Sicher ist, dass wir vor 50 Jahren die Freizeit viel mehr gestalten mussten. Am Samstagnachmittag berieten wir Kinder im Dorf bereits, was wir am Sonntag nach der Kirche machen wollten. Ich wage zu sagen: Würde man heute auf einen Schlag Handys, Fernseher, Playstation abschaffen, wären viele verloren.

Beobachter: Eigentlich ist das doch paradox. Die Kinderzimmer sind überfüllter denn je, Jugendliche sind einer enormen Reizüberflutung ausgesetzt. Warum dann diese Langeweile?
Gehrig
: Ja, unsere Erlebnis- und Kontaktgesellschaft ist immens. Sie ist aber auch sehr anspruchsvoll. Denn sie bedingt, dass man dauernd wählen muss, und setzt eigentlich eine hohe Selbstdisziplin voraus. Der Mangel an Gelegenheiten zwang die früheren Generationen noch dazu, etwas aus sich heraus zu entwickeln. Das ist heute gar nicht mehr notwendig. Wir leben in einer Knopfdruckwelt: Man drückt auf die Tastatur des Handys, auf den Knopf am TV oder des iPod, und überall bekommt man sofort etwas. Das lähmt von klein auf. Denn es zwingt nicht mehr dazu, aus sich selbst etwas zu machen. Es wäre eine wichtige Aufgabe, Kindern den Zugang zu alternativen Erlebnissen zu zeigen. Da sündigt unsere Gesellschaft schwer, und zwar quer durch alle Schichten und sozialen Milieus.

Beobachter: Wozu kann das führen?
Gehrig
: Zum Gefühl von Verlorenheit, Leere, Langeweile. Das ist ein quälender Zustand, der beseitigt werden muss. Die einen suchen den Kick, pöbeln, randalieren, machen Blödsinn. Ein anderer Teil, der mehr nach innen gerichtet lebt, wählt vielleicht den Weg der Selbstverletzung.

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Beobachter: Sie sprachen vorhin verschiedene soziale Milieus an. Sind Unterschiede im Kampf gegen diese Leere zu beobachten?
Gehrig
: Jugendliche aus dem Wohlstandsmilieu können anders reagieren als mit Randalieren oder mit Sprayen. Sie machen vielleicht schnell einen Segeltörn oder gehen tiefseetauchen. Aber die Grundthematik ist dieselbe, sie wird einfach anders ausgelebt.

Beobachter: Beobachten Sie so etwas wie eine innere Sehnsucht bei Jugendlichen?
Gehrig: Bei vielen ist ganz eindeutig eine Sehnsucht nach einfachen Erlebnissen da. Ich mache seit Jahren Freikurse in Psychologie an Mittelschulen. Ein Wochenende verbringe ich mit den Klassen jeweils in jenem Arbeiterhäuschen, in dem ich aufgewachsen bin. Obwohl die meisten den Kopf einziehen müssen, weil die Decken so tief sind, wollen sie am liebsten nicht mehr raus. Dann fordere ich die Jugendlichen auf, dreimal um einen Bauernhof oder die Kirche zu rennen oder sich im Winter in den Schnee zu legen. Zur Belohnung gibt es Schoggistängeli. Abends sagen die Jungen jeweils danke fürs Prügeli. Aber eigentlich sagen sie: Danke für die einfachen Erlebnisse dieses Tages.

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Beobachter: Wer ist gefordert, wieder vermehrt für solche einfachen Erlebnisse zu sorgen?
Gehrig
: Die Eltern. Sie müssen wissen, dass sie der wichtigste emotionale Ankerpunkt bleiben. Wenn das Emotionale wegdelegiert wird, wird es schwierig. Und noch schwieriger wird es, wenn Eltern, die kein schlechtes Gewissen haben müssten, weil sie ihre Kinder ausserfamiliär betreuen lassen, das mit einem falschen Verwöhnprogramm kompensieren: Man geht ins Alpamare oder in den Europa-Park und füttert die Kinder mit virtuellen Erlebnissen. Man sollte im Gegenteil über gemeinsame Erlebnisse den inneren Draht zu den Kindern suchen: gemeinsam spielen, staunen, lachen. Das sind Gefühle, die inneren Halt geben. Stattdessen mangelt es vielen Kindern an echter Aufmunterung, Verlässlichkeit, Wärme. Das alles kann man nicht predigen, das ergibt sich durch gemeinsame Erlebnisse. An einem Mangel daran können viele Jugendliche zerbrechen oder fallen dem Teufel vom Karren.

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Leo Gehrig, 63, war über 20 Jahre lang leitender klinischer Psychologe am Psychiatrie-Zentrum Hard in Embrach ZH. Dabei baute er die erste Drogenstation für Jugendliche in der Schweiz auf. Seit 1998 hat er eine eigene Praxis und wirkt als Lehrbeauftragter.

Quelle: Balz Murer